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12.04.2017

18:01 Uhr

Dortmund gegen Monaco

Brisanz unter neuen Vorzeichen

VonLeonidas Exuzidis

Die abgesagte Partie zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco wird am Mittwochabend nachgeholt. Ein Spiel unter solchen Umständen hat es noch nicht gegeben. Für den BVB eine schwierige Situation zur Unzeit.

Der Ort des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus am Tag danach. Weiterhin ist ein massives Polizeiaufgebot vor Ort.

Tatort

Der Ort des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus am Tag danach. Weiterhin ist ein massives Polizeiaufgebot vor Ort.

DortmundWenn Autofahrer kurz vor einem Spiel von Borussia Dortmund problemlos und ohne Verkehrsbehinderungen über die berühmt-berüchtigte B1 entlang des Stadions fahren können, dann stimmt in aller Regel etwas nicht. Wer am Mittwochnachmittag auf entspannten Verkehr im Dortmunder Stadtgebiet gehofft hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt: Auf den Straßen lief es ähnlich zäh wie an einem „normalen“ Spieltag.

Die Begegnung zwischen dem BVB und dem AS Monaco am Mittwochabend als „normal“ zu bezeichnen, wäre allerdings verkehrt. Nach der Sprengstoffattacke auf den Dortmunder Mannschaftsbus und der logischen Spielabsage am Dienstag sind Stadt und Verein mehr denn je im Blickpunkt. Es sei die „vielleicht schwierigste Situation, die wir in den vergangenen Jahrzehnten hatten“, ließ Geschäftsführer Aki Watzke vor der Partie verlauten.

Sportlich und wirtschaftlich war es in der Vergangenheit häufig aussichtsloser – man erinnere sich nur an die Beinahe-Insolvenz vor zwölf Jahren. Doch Bedingungen, wie sie am heutigen Abend im Signal-Iduna-Park unter den Augen von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gelten, hat es im bezahlten deutschen Fußball noch nicht gegeben. Die lose und abstrakte Terrorgefahr bei populären Massenveranstaltungen ist konkreter denn je. Bei der Absage des Länderspiels vor 18 Monaten in Hannover war es glücklicherweise nicht zur Detonation eines Sprengsatzes gekommen. In Dortmund schon.

Dass die Profis in nur 23 Stunden alle Ereignisse verarbeitet haben, darf daher bezweifelt werden. Profis hin oder her – am Ende des Tages sind Schmelzer, Aubameyang und Co. auch nur Menschen. Dass heute Abend in Dortmund gekickt wird, erscheint deshalb aus vielerlei Hinsicht fragwürdig. Fakt ist aber auch: Im millionenschweren und eng getakteten Rahmenspielplan der Uefa gibt es keine Alternative.

Explosion am BVB-Bus: Die Fakten

19.15 Uhr

Am Dienstagabend gegen 19.15 Uhr detonieren drei Sprengsätze nahe dem Mannschaftsbus. Wie die Polizei später bekannt gibt, waren die Sprengsätze in einer Hecke versteckt. Die Ermittler sprechen von einem gezielten Anschlag auf die Mannschaft.

Große Wucht

Die verstärkten Scheiben des Busses gingen durch die Wucht der Detonationen teilweise zu Bruch, die Spieler versuchten, sich nach der Detonation auf den Boden des Fahrzeugs zu werfen, berichtete ein BVB-Sprecher.

20.30 Uhr

Um 20.30 Uhr gibt der Verein bekannt, dass das Spiel abgesagt ist. Es soll am Mittwoch um 18.45 Uhr nachgeholt werden.

Bekennerschreiben

In der Nähe des Tatorts wurde ein mögliches Bekennerschreiben gefunden. „In dem Schreiben wird Verantwortung für die Tat übernommen“, sagte Staatsanwältin Sandra Lücke am Dienstagabend in Dortmund.

Versuchte Tötung

Es werde wegen des „Verdachts eines versuchten Tötungsdelikts“ ermittelt, sagte ein Sprecher der Behörden.

Bartra schwer verletzt

Der BVB-Verteidiger und spanische Nationalspieler Marc Bartra wurde schwer an der Hand verletzt. Er brach sich eine Speiche im rechten Handgelenk. Außerdem verletzten ihn Glassplitter. Noch am Dienstagabend wurde er in einem Krankenhaus operiert.

Verdächtiger Gegenstand

Ein weiterer verdächtiger Gegenstand, der in der Nähe des Tatorts gefunden wurde, war nach ersten Erkenntnissen kein scharfer Sprengsatz. Es sei zwar ein sprengsatzähnlicher Gegenstand gefunden worden, dieser habe aber nicht gezündet, sagte Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange.

Mehr Polizei

Die Polizei hat vor dem Nachholspiel zwischen Borussia Dortmund und AS Monaco verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für die Fußballer beider Mannschaften ergriffen. „Wir werden alles Menschenmögliche dafür tun, dass das Spiel morgen sicher ablaufen kann“, sagte Lange.

Keine Gefahr im Stadion

Im Stadion gab es nach Polizeiangaben keinerlei Gefahr. Die Fans verließen das Stadion nach der Absage friedlich, auch am Bahnhof kam es laut Polizei zu keinerlei Problemen.

Keine Pyrotechnik

Bei den Sprengsätzen handelte es sich nach Angaben der Ermittler nicht um Pyrotechnik.

Lob der Polizei

Die Dortmunder Polizei hat das Verhalten der Zehntausenden Fußballfans nach der kurzfristigen Absage des Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco gelobt. „Das ist gestern mit sehr viel Ruhe abgelaufen, und das hat uns natürlich als Polizei und sicherlich auch dem Verein sehr geholfen“, sagte Nina Vogt, Sprecherin der Dortmunder Polizei, am Mittwochmorgen im ZDF. „Ich glaube, da können wir alle sagen, dass wir auf die Reaktionen gestern nur stolz sein können“, betonte sie.

Das Duell zwischen dem BVB und den Gästen aus dem Fürstentum bleibt auch sportlich höchst interessant. Für den BVB geht es im Heimspiel darum, eine möglichst gute Ausgangsposition für das Rückspiel in sieben Tagen zu erreichen. Ein Viertelfinale in der Champions League wurde in Dortmund zuletzt vor drei Jahren gespielt. Damals war Real Madrid zu Gast. Der BVB scheiterte denkbar knapp.

Ein Einzug in die Runde der letzten Vier wäre allen voran finanziell höchst lukrativ. Sportlich scheinen Dortmund und Monaco derzeit auf Augenhöhe – ob das aber auch unter diesen besonderen Umständen gilt? Endet die diesjährige Reise in der Champions League vorzeitig, dürften Fans und Verantwortliche Verständnis zeigen. Gleichwohl wäre das Aus mit einem herben Dämpfer in der wichtigsten Phase der Saison verbunden.

In der Bundesliga hängt die Borussia aufgrund ihrer chronischen Auswärtsschwäche den Ansprüchen hinterher. Die erneute Qualifikation für die Champions League auf direktem Wege erscheint zwar möglich, ist aber alles andere als sicher. Nach dem Spiel am Mittwoch erwartet der BVB am Karsamstag Eintracht Frankfurt in der Bundesliga, ehe am Dienstag das Rückspiel in Monte Carlo steigt.

Am folgenden Samstag dann steht ein schwieriges Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach an, anschließend kommt es unter der Woche zum erneuten Showdown bei Bayern München, dann im Halbfinale des DFB-Pokals. Als wäre der Sprengstoffanschlag nicht schon abscheulich genug – der miserable Zeitpunkt tut sportlich gesehen sein Übriges dazu. Das Event Champions League jedoch muss weitergehen, so ist das Geschäft. Deshalb erscheint es fast paradox, dass das erste Viertelfinal-Duell unter den bekannten Umständen richtungsweisend ist.

+++ Liveblog zur Attacke in Dortmund +++: BVB verliert 2:3 gegen Monaco

+++ Liveblog zur Attacke in Dortmund +++

BVB verliert 2:3 gegen Monaco

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund sind zwei mutmaßliche Islamisten in den Fokus der Ermittler gerückt. Einer der beiden wurde festgenommen. Der BVB verlor das Hinspiel am Abend.

Sollte die Mannschaft eine Trotzreaktion zeigen und die Begegnung gewinnen, hätte sie den wohl schwierigsten Charaktertest bravurös bestanden. Der umstrittene Trainer Thomas Tuchel, Geschäftsführer Watzke und Präsident Reinhard Rauball hätten famose Arbeit geleistet. Watzke selbst sprach noch am Mittwoch zur Mannschaft, die sich früh morgens am Trainingsgelände zu einer leichten, nicht-öffentlichen Einheit versammelt hatte.

Am eher tristen, weil abgelegenen Trainingsgelände im Stadtteil Brackel im Dortmunder Norden herrschte den Tag über reges Medieninteresse – und höchste Sicherheitsvorkehrungen. Die Polizei war mit einer Vielzahl an Beamten vor Ort. Der Explosionsort im gutbürgerlichen Stadtteil Höchsten im Südosten war auch am Mittwoch noch weitläufig abgesperrt. Schwer bewaffnete Kräfte sicherten die Straße vor dem Hotel. Unmittelbar nachdem der Bus vom Parkplatz gefahren war, explodierten hier die in einem Gebüsch versteckten Sprengsätze.

Auch am Stadion zeigte die Polizei höchste Präsenz – auch hier schwer bewaffnet, mit stoischen Mienen. Das war nicht anders zu erwarten – deshalb fallen die Sicherheitskräfte am Stadionvorplatz an der Strobelallee kaum auf. Die Dortmunder Polizei sei komplett auf den Beinen, versicherte Sprecher Gunnar Wortmann. Aufgebote dieser Art kennt man in Dortmund eigentlich nur vom Revierderby gegen Schalke. Auch Sprengstoffhunde sind massiv im Einsatz: Ein paar seien regelmäßig vor Ort, heute sei es „noch eine Vielzahl mehr“, so Wortmann. Einer von ihnen etwa schnüffelt zweieinhalb Stunden vor Anpfiff in den Büschen des Stadionbahnhofes hochmotiviert nach verdächtigen Gegenständen.

„Alles Menschenmögliche“ werde man tun, um die Sicherheit der Fans zu garantieren, hatte Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange noch betont. Für die gesamte Zukunft bleibt nur zu hoffen, dass das ausreicht.

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