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20.08.2015

07:55 Uhr

Europa League

BVB geht ohne Reus in die Playoffs

Quelle:dpa

Der Unterschied ist gewaltig. Über 300 Plätze liegt der BVB in der UEFA-Clubrangliste vor Odds BK. Die Dortmunder gehen als Favorit in die Playoffs der Europa League. Dennoch wird der Trip nach Norwegen zum Abenteuer.

BVB-Trainer Thomas Tuchel hofft auf einen Sieg in Norwegen. Foto: Bernd Thissen dpa

Thomas Tuchel

BVB-Trainer Thomas Tuchel hofft auf einen Sieg in Norwegen. Foto: Bernd Thissen

Skien/NorwegenDie Reise in die norwegische Fußball-Provinz begann nicht mit dem gewohnten Charterjet, sondern mit einer kleinen Propellermaschine. In einer nur 30 Passagiere fassenden Turboprop machten sich die BVB-Profis auf dem Weg zum Playoff in der Europa League bei Odds BK.

Vor allem der turbulente Anflug auf den kleinen Flughafen in der Provinz Telemark dürfte dem Team noch länger in Erinnerung bleiben: „Die Landung war wackelig, aber dafür war der Ausblick nicht schlecht“, kommentierte Außenverteidiger Marcel Schmelzer schmunzelnd.

Für die an die europäische Königsklasse gewöhnten Dortmunder wird die Partie auch in anderer Hinsicht zu einer ungewöhnlichen Herausforderung. Schließlich wird am Donnerstag (20.30 Uhr/ARD) auf Kunstrasen gespielt. „Dieses Spiel ist nach den ganzen Lobeshymnen genau die richtige Herausforderung und ein Test für unseren Charakter“, sagte Schmelzer mit Bezug auf das famose 4:0 zum Ligastart vier Tage zuvor gegen Mönchengladbach.

BVB-Trainer seit der Hitzfeld-Ära

Ottmar Hitzfeld (2191 Tage)

Nach dem Verschleiß von 23 Trainern in 28 Jahren prägt Hitzfeld von Juli 1991 an eine Sechs-Jahre-Ära: Vizemeister 1992, UEFA-Cup-Finalist 1993, deutscher Meister 1995 und 1996, Champions-League-Sieger 1997. Hitzfeld tritt schließlich vom Trainerposten zurück, wird kurzzeitig BVB-Sportdirektor.

Nevio Scala (364 Tage)

Der Italiener unterschreibt beim BVB im Juni 1997 einen Zweijahresvertrag - ein knappes Jahr später kündigt er schon wieder seinen Rücktritt an. Der harte, aber faire Arbeiter gewinnt mit dem BVB zwar den Weltpokal, am Ende der Saison steht aber ein enttäuschender Platz zehn.

Michael Skibbe (583 Tage)

Im Mai 1998 präsentiert der Weltpokalsieger den neuen Chef. Die Verpflichtung des Neulings löst Diskussionen aus, dennoch qualifiziert sich der BVB für die Champions League. Trotz dortigem Erstrunden-Aus und Liga-Mittelmaß wird der Vertrag im November 1999 bis 2002 verlängert - drei Monate später scheitert Skibbe.

Bernd Krauss (67 Tage)

Krauss rutscht mit der Mannschaft, die er auf Platz sechs mitten in der Saison 1999/2000 übernommen hat, dramatisch in den Tabellenkeller. In größter Abstiegsgefahr wird der gebürtige Dortmunder im April geschasst

Udo Lattek (75 Tage)

Völlig überraschend gibt Trainer-Legende Lattek im April 2000 zusammen mit Ex-Profi Matthias Sammer sein Comeback und rettet den Ex-Champions-League-Sieger in höchster Not vor dem Abstieg. Danach zieht sich der inzwischen 65-Jährige wieder zurück.

 

Matthias Sammer (1469 Tage)

Als Chefcoach gelingt Sammer 2000 ein starker Einstand: Der Beinahe-Absteiger qualifiziert sich für die Königsklasse, 2002 wird der BVB deutscher Meister und UEFA-Cup-Finalist. In den darauffolgenden beiden Spielzeiten verpasst das Starensemble aber die direkte Qualifikation für die Champions League: der Anfang des wirtschaftlichen Desasters. Sammer zieht den Schlussstrich und wechselt zum VfB Stuttgart.

Bert van Marwijk (900 Tage)

Der Niederländer setzt beim BVB, der 2004 mitten in einer schweren Wirtschaftskrise steckt, auf die Jugend - mit Erfolg. Dortmund erreicht die Qualifikation für den UI-Cup. Nach einem mäßigen Herbst 2006 kommt es wegen unterschiedlicher Auffassungen zum Bruch zwischen Verein und Trainer. Van Marwijk kündigt seinen Abschied zum Saisonende an, wird dann aber schon kurz vor Weihnachten rausgeworfen.

Jürgen Röber

Der Berliner Kult-Coach erhält im Dezember 2006 einen Vertrag bis zum Saisonende, muss aber nach sechs Niederlagen in acht Spielen schon im März gehen.

Thomas Doll (433 Tage)

Zunächst mit einem Einjahresvertrag ausgestattet erhält Thomas Doll trotz einer durchwachsenen Hinrunde schon im Januar 2008 einen neuen Kontrakt bis 30. Juni 2010. Sein Rücktrittsgesuch nach dem ernüchternden Saisonabschneiden auf Rang 13 und der Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern nehmen die BVB-Verantwortlichen dann aber an.

Jürgen Klopp (2555 Tage)

2011 deutscher Meister, 2012 Double-Sieger, 2013 Champions-League-Finalist: Unter schwierigen finanziellen Bedingungen beim Amtsantritt 2008 leitet Jürgen Klopp einen Umbruch ein. Klopp mausert sich in sieben Jahren beim BVB zu einem der gefragtesten deutschen Fußball-Lehrer.

Thomas Tuchel

Der Ex-Mainzer folgt am 1. Juli 2015 bei Borussia Dortmund auf den langjährigen Coach Jürgen Klopp. Damit wird der 41-Jährige der erst elfte Trainer beim Revierclub seit Juli 1991. Er muss im Juni 2017 nach einem Dauerkonflikt mit der Vereinsführung gehen.

Erste Medien-Prognosen, nach denen der BVB angesichts der Liga-Gala gegen Gladbach wieder als Bayern-Jäger anzusehen ist, gingen Hans-Joachim Watzke jedoch entschieden zu weit. „Wir können noch tausendmal sagen, dass Bayern der haushohe Favorit auf die Meisterschaft ist - trotzdem wird es immer jemanden geben, der solch eine Schlagzeile in die Welt setzt“, klagte der Geschäftsführer, „erst einmal müssen wir jetzt die Aufgabe in Norwegen lösen, das ist viel wichtiger als dieses Bundesliga-Theater.“

Dennoch geht der BVB als haushoher Favorit in die Partie. Allein der Blick auf die UEFA-Rangliste verdeutlicht den Unterschied. Über 300 Plätze liegt die Borussia vor dem Tabellen-Fünften der norwegischen Liga. Angesichts dieser eindeutigen Ausgangslage in das Fehlen der Stammkräfte Reus und Lukasz Piszczek zu verkraften.

Zumindest das Fehlen von Reus bezeichnete Trainer Thomas Tuchel als „Vorsichtsmaßnahme“. „Für meinen Körper, gerade wegen der Verletzungen, ist es nicht vorteilhaft, auf Kunstrasen zu spielen“, wurde der Nationalspieler auf der Vereinshomepage zitiert. Sein Einsatz im nächsten Bundesligaspiel am Sonntag beim Aufsteiger aus Ingolstadt scheint deshalb nicht in Gefahr.

BVB: Fakten zu Borussia Dortmund

Wertvollste Spieler

Marco Reus (40 Millionen Euro), Pierre-Emerick Aubameyang (65 Millionen Euro)

Sponsoren

Trikotsponsor: Evonik, mindestens 12 Millionen Euro/Jahr, über 20 Millionen/Jahr möglich, bis 2025
Ausrüster: Puma, bis 2020, sechs Millionen Euro/Jahr
Partner: u.a. Opel, Turkish Airlines

Kader

Marktwert des Kaders: rund 380 Millionen Euro (Mai 2017)

Quelle: transfermarkt.de

Umsatz - Konzern

2015/16 - 376 Millionen Euro
2014/15 - 276 Millionen Euro
2013/14 - 260,7 Millionen Euro
2012/13 - 305 Millionen Euro
2011/12 - 223 Millionen Euro

Gewinn nach Steuern

2015/16 - 29, 4 Millionen Euro
2014/15 - 5,5 Millionen Euro
2013/14 - 12 Millionen Euro
2012/13 - 51,2 Millionen Euro
2011/12 - 27,5 Millionen Euro

Geschäftsführung

Vorsitzender: Hans-Joachim Watzke
Mitglieder: u.a. Thomas Treß (Finanzen), Michael Zorc (Sport), Carsten Cramer (Vertrieb, Marketing)

Aufsichtsrat

Vorsitzender: Gerd Pieper
Die Neulinge sind: Ulrich Leitermann (Signal Iduna), Björn Gulden (Puma) und Dr. Werner Müller (RAG-Stiftung) - sowie Dr. Reinhold Lunow (Facharzt und Schatzmeister des BVB e.V.) als Ersatz für den bereits im Sommer ausgeschiedenen Friedrich Merz.

Essen und Trinken

Ein Wasser (0,5 l) kostet: 3,40 Euro
Ein Bier der Marke Brinkhoff´s No. 1 (0,4 l) kostet: 3,70 Euro
Eine Bratwurst kostet: 3,50 Euro

Quelle: Transfermarkt.de

Stadion

Name: Signal Iduna Park
Sponsoring-Vertrag: bis 2021 für fünf Millionen Euro pro Jahr
Fassungsvermögen: 80.645 Zuschauer

Preisstrategie

Die Geschäftsführung des BVB will die Preise für Tickets, Bier und Bratwurst "in den nächsten Jahren nicht erhöhen". Dies erklärte Geschäftsführer Watzke auf der Bilanzpressekonferenz Ende August 2016 in Dortmund. Die besondere Stadion-Kultur in Dortmund solle erhalten bleiben. Dazu zählt auch, dass bundesligaweit die Preise für Bier und Bratwurst zu den niedrigsten gehören.

Ohnehin denkt Tuchel angesichts der schon zum Saisonstart einsetzenden Terminhatz über einen Umbau des Teams nach. Als sicher gilt der Wechsel auf der Torwartposition. Der vom Coach vor einer Woche zur Nummer 1 ernannte Neuzugang Roman Bürki räumt seinen Platz für Weltmeister Roman Weidenfeller. Nicht auszuschließen, dass auch die ebenfalls beim Ligastart auf die Ersatzbank verbannten Profis Sven Bender und Gonzalo Castro in der 13 500 Zuschauer fassenden Skagerrak-Arena der Startelf angehören.

Dass die Partie auf ungewohntem Kunstrasen ausgetragen wird, wollte Tuchel nicht weiter thematisieren: „Dann müssen wir einen Tick präziser spielen und auch unser Abwehrverhalten ein wenig ändern.“

Anders als für den BVB ist das Duell für den Gegner ein Highlight. Nie zuvor hat es der 12-malige norwegische Pokalsieger in einem internationalen Wettbewerb so weit gebracht. Erfolge in den bisherigen drei Qualifikationsrunden über Tiraspol (Moldawien), Shamrock Rovers (Irland) und Elfsborg (Schweden) ebneten dem Team von Trainer Dag-Eilev Fagermo den Weg in die Playoffs. Die Generalprobe am 20. Spieltag bei Start Kristiansand verlief ähnlich erfolgreich wie die der Dortmunder - mit einem 4:0-Sieg.

Fredrik Nordkvelle brachte den Unterschied zwischen beiden Teams auf den Punkt: „Das gesamte Saisonbudget von Odd liegt bei rund 6,5 Millionen Euro, allein das Gehalt von Marco Reus ist schon höher“, sagte der Mittelfeldspieler der „Sport Bild“.

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