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31.12.2014

08:34 Uhr

Ex-Schalke-Mannschaftsarzt im Interview

„Die Spieler tun mir leid“

VonRoman Tyborski, Jörg Hackhausen

ExklusivOhne Schmerzmittel geht im Profi-Fußball nichts mehr. Spritzen sind in der Bundesliga an der Tagesordnung. Und Doping? Darüber sprechen wir mit Thorsten Rarreck, bis vor kurzem Mannschaftsarzt von Schalke 04.

Bundesliga-Profis werden nicht selten mit Schmerzmitteln fitgespritzt. Getty Images

Bundesliga-Profis werden nicht selten mit Schmerzmitteln fitgespritzt.

Mehr als zehn Jahre lang war Thorsten Rarreck der Vereinsarzt des Fußball-Bundesligisten Schalke 04. Bis Oktober. Dann kam mit Roberto di Matteo ein neuer Trainer, der auf ein neues Ärzteteam setzte. Seitdem konzentriert sich Rarreck voll auf seine Praxis in Gelsenkirchen. Wir sprechen mit ihm über Medikamente und Schmerzmittel im Fußball.

Bei der Weltmeisterschaft standen Lahm, Schweinsteiger und Neuer auf dem Platz. Die waren kurz vorher noch schwer verletzt. Verlief die Genesung nicht erstaunlich schnell?
Bei Manuel und Philipp kannte ich die Diagnosen. Mir war klar: Das ist zu schaffen. Hinzu kommt, dass die beiden gewohnt sind, mit Schmerzen umzugehen.

Welche Rolle spielt der Einsatz von Schmerzmitteln?
Die spielen sicherlich eine Rolle. Man kann viel darüber spekulieren, ob ein Einsatz ohne Schmerzmittel möglich gewesen wäre.

Wie verbreitet ist der Einsatz von Schmerzmitteln im Profi-Fußball?
Das hat stark zugenommen in den letzten Jahren. Es gibt Zahlen, wonach mehr als zwei Drittel der Sportler regelmäßig Schmerzmittel einnehmen, um trainieren und spielen zu können.

Kann man Leistungssport überhaupt ohne solche Mittel ausüben?
Wenn ich mir die Zahlen ansehe, muss ich sagen: offensichtlich nicht.

Thorsten Rarreck war Mannschaftsarzt bei Schalke 04 von 1997 bis 2007 und von 2011 bis 2014.

Thorsten Rarreck war Mannschaftsarzt bei Schalke 04 von 1997 bis 2007 und von 2011 bis 2014.

Über welche Mittel reden wir?
Ich spreche von nicht-steroidalen Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac. Die müssen nicht mal im Voraus angegeben werden. Nur wenn bei Dopingtests nachgefragt wird, müssen sie genannt werden. Dann heißt es zum Beispiel: Schwere Prellung, drei Tage Ibuprofen, je drei mal 800 Milligramm. Das ist erlaubt – aber bedenklich.

Können Sie das als Arzt noch verantworten?
Da muss jeder für sich die Grenze setzen. Für mich ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Sportmediziner für einen Bundesliga-Klub zu sein, hat sicherlich nichts mit Naturheilkunde zu tun. Wer da was anderes behauptet, der kennt die Szene einfach nicht.

Stimmen zur Belastungsdebatte

Joachim Löw (DFB)

„Wir müssen aufpassen, dass die Schraube nicht überdreht wird. Die Belastung ist zu hoch, aber nicht wegen der Länderspiele, da gibt es nicht mehr als vor zehn oder fünf Jahren.“

Oliver Bierhoff (DFB)

„Es geht mir auf den Keks, dass dieses Thema undifferenziert behandelt wird und die Schuld immer auf die Länderspiele geschoben wird. Wie viele Spiele sind denn bei den Vereinen dazugekommen? Damit meine ich die Champions League, aber auch Promo-Spiele.“

Pep Guardiola (FC Bayern)

„Wir verlangen zu viel von den Spielern. Wir killen sie. Die großen Vereine verlieren Punkte, sie sind müde, brauchen Zeit“

Matthias Sammer (FC Bayern)

„Die größte Problematik ist für mich, neben den vielen Spielen, nur zwei Tage Pause zu haben.”

Jürgen Klopp (Borussia Dortmund)

„Bei den Spitzenspielern im Fußball sind wir schon lange über den Bereich hinaus, in dem es vertretbar ist. Wir müssen irgendwann das Rad zurückdrehen.”

Rudi Völler (Bayer Leverkusen)

„Der Spielplan ist zu eng, die Belastung ist zu hoch. International können wir das nicht ändern, aber wir müssen in der Bundesliga so wenig wie möglich englische Wochen spielen. Die Spieler müssen jeden dritten Tag Gas geben. Die Einzigen, die das auffangen können, sind wie immer die Bayern.“

Lucien Favre (Borussia Mönchengladbach)

„Wir spielen Donnerstag, Sonntag, Mittwoch, Samstag, Donnerstag – es ist ein wenig viel. Aber wir sind auch sehr froh, die Europa League zu haben und englische Wochen spielen zu können.“

Christian Streich (SC Freiburg)

„Viele Vereine haben Spieler, die fertig sind. Mittlerweile hat auch der SC Freiburg zehn Spieler bei diversen Nationalmannschaften. Das können wir auf Dauer nicht verkraften.“

Markus Weinzierl (FC Augsburg)

„Es ist ein absoluter Witz. Die spielen Mittwochnachmittag in Ghana, dann erwischt er den Rückflug nicht. Am Donnerstag fährt er acht Stunden im Auto und muss dann auch noch drei Stunden vor dem Flughafen schlafen.“

Sie waren in dieser Szene lange dabei.
In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Das Herz des klassischen Schulmediziners sagt: Es hilft doch nichts. Rein damit, sonst kann der nicht spielen. Der Naturkundler in mir sagt: Es ist ja unglaublich, was hier passiert! Stellen Sie sich vor, Sie hauen sich immer wieder mit einem Hammer auf den Finger. Aber Sie hören nicht damit auf, sondern nehmen ein Schmerzmittel, damit es nicht mehr weh tut. Das ist nicht nur absurd, sondern auch gefährlich.

Wo liegen die Gefahren?
Statt die Selbstheilungskräfte des Körpers zu fördern, werden sie unterdrückt. Außerdem greifen diese Mittel alle möglichen Organsysteme an – Niere, Leber, Magen, Herz- und Kreislaufsystem. All das muss regelmäßig und ausreichend überwacht werden.

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