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16.05.2012

12:18 Uhr

Fan-Tumulte bei Fortuna

Szenen eines skandalösen Fußballabends

VonThorsten Giersch

Fortuna Düsseldorf feiert den Aufstieg in die erste Bundesliga - vielleicht zu früh. Hertha BSC Berlin erwägt, wegen der Fan-Tumulte Protest einzulegen. Wie es zur Eskalation beim Relegations-Rückspiel kam.

DüsseldorfDer 14-Jährige Björn war proppenstolz auf sein Stück Rasen. Eine halbe Stunde nach dem Abpfiff zeigte er es im Foyer der Esprit-Arena fröhlich seinen Freunden. Eines war ihm aber wichtig: „Ich habe das Stück erst NACH dem Abpfiff herausgeschnitten.“

Auch Luca betonte, dass er sich sein Stück aus dem Tornetz erst dann herausgeschnitten hatte, als die Partie wirklich beendet war. Kein Wunder, dass die jungen Fans das so betonen, denn einige Rüpel hatten mit dem eigentlich so freudigen – in Düsseldorf üblichen – Prozedere deutlich zu früh begonnen.

Die Fan-Tumulte im Relegations-Rückpartie zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC sind eine Schande für den Gastgeber und werden so oder so ein Nachspiel haben. Ganz streng genommen darf sich Düsseldorf noch nicht einmal als Aufsteiger bezeichnen, denn die Hertha wird sehr wahrscheinlich Protest einlegen und entsprechend ist sogar eine Wiederholung des Spiels theoretisch möglich.

Sportrechtsexperte Michael Lehner sieht jedenfalls gute Erfolgschancen für einen möglichen Protest von Hertha BSC: „Das Spiel ist nicht ordnungsgemäß nach dem Prinzip der Chancengleichheit zu Ende gebracht worden. Es gab einen Bruch im Sinne der Spielentwicklung“, sagte Lehner im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid): „Die Mannschaft von Hertha BSC ist durch das Verschulden Dritter einer reellen Chance beraubt worden, das Spiel noch zu gewinnen. Deswegen müsste es aus juristischer Sicht eine Spielwiederholung geben.“ Trotz der Tatschenentscheidung von Schiedsrichter Wolfgang Stark, das Spiel nach 20-minütiger Unterbrechung wieder anzupfeifen, hält Lehner eine juristische Beurteilung für erforderlich. "Das Spiel musste schließlich aus übergeordneten Sicherheitsaspekten fortgeführt werden", sagte Lehner. Bei der Bewertung des Falls müssten aufgrund nicht eindeutiger gesetzlicher Grundlagen Präzedenzfälle betrachtet werden.

Auf- und Absteiger der Saison

1. FC Köln
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 33 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 20 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 17 (1. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 46.244
  • Bundesweites Interesse am Verein: 30 Prozent
Hertha BSC
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 24,5 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: nicht bekannt
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 16 (1. Liga), Abstieg (Relegation), noch nicht offiziell
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 53.221
  • Bundesweites Interesse am Verein: 25 Prozent
1. FC Kaiserslautern
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 16,5 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 10 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 18 (1. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 42.272
  • Bundesweites Interesse am Verein: 24 Prozent
SpVgg Greuther Fürth
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 7,1 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 12 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 1 (2. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 9948
  • Bundesweites Interesse am Verein: 14 Prozent
Eintracht Frankfurt
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 20 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 24,5 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 2 (2. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 35.256
  • Bundesweites Interesse am Verein: 25 Prozent
Fortuna Düsseldorf
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 6,9 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: unbekannt
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 3 (2. Liga), Aufstieg (Relegation), noch nicht offiziell
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 27.720
  • Bundesweites Interesse am Verein: 17 Prozent

Herthas Anwalt Christoph Schlickhardt sagte, die Mannschaft habe sich Todesangst befunden. „Der Schiedsrichter Wolfgang Stark hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern wohl nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation - man hat von einem Blutbad gesprochen - zu verhindern.“

Klar ist, dass solche Ausschreitungen in Zukunft verhindert werden müssen. Und da sind nicht nur die Vereine in der Verantwortung. Hertha-Trainer Otto Rehhagel sagte: „Das war eine Katastrophe. Da muss sich der DFB etwas einfallen lassen, um dem Herr zu werden.“ Die Gewerkschaft der Polizei fordert gar härtere Strafen für randalierende Fußballfans.

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat derweil Ermittlungen aufgenommen.

Die Berliner sind nach dem 2:2 am Dienstagabend zum sechsten Mal abgestiegen, Düsseldorf feierte nach dem 2:1-Hinspielerfolg damit die Bundesliga-Rückkehr nach 15 Jahren. „Es ist unsere Verantwortung, darüber nachzudenken. Das sind wir auch unseren Fans schuldig“, erklärte Michael Preetz, Manager des Fußball-Bundesligisten.

Hertha-Präsident Werner Gegenbauer äußerte sich etwas zurückhaltender über einen möglichen Protest: „Wir haben den Düsseldorfern zum Aufstieg gratuliert“, sagte er. „Ich kann es sportrechtlich nicht beurteilten. Wir werden sehen, ob es eine Prüfung gibt.“ Und es gibt gute Gründe, warum eine Spielwiederholung sportlich und moralisch gerechtfertigt wäre – aber eben auch einige, die dagegen sprechen. Doch der Reihe nach.

Kommentare (11)

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AlCapone

16.05.2012, 11:02 Uhr

Das Spiel muss anuliert werden.
Was wäre passiert, wenn in den letzten Minuten Hertha doch noch ein Tor geschossen hätte?
Wäre der Torschütze unversehrt aus dem Stadion gekommen? Welcher Hertha-Spieler traut sich in dieser Situation noch ein Tor zu schießen? Und um welchen Preis?
Der Schiedsrichter zeigte kein Rückgrat! In St. Pauli wurde ein Spiel wegen eines Plastikbecherwurf auf den Schiedsrichterassistenten wiederholt. Wo ist die Verhältnismäßigkeit geblieben?

championsleaguefinalefeierer

16.05.2012, 11:47 Uhr

Ich habe zwar der Hertha die Daumen gedrückt, wünsche mir aber das es wegen des Chaos nicht zu einem Wiederholungsspiel kommt. Hertha hat im Heimspiel und über die gesamte Saison zu wenig Engagement aufgebracht, so dass sie verdient absteigen. Die "Tumulte" sind wieder eine Niederlage für den Sport. Schade das der Artikel das Problem ein wenig herunterspielt die Anmerkung, dass man dies nur aus der Kreisliga kenne ist gleichermaßen falsch wie überflüssig. Die Zuschauer beim Fußball sind nach meiner Erfahrung ein Querschnitt durch die Gesellschaft wobei der Anteil an "sozial Schwachen" überproportional verteten sein dürfte. Es entlädt sich Druck aus Hartz IV oder beruflichen Alltag dies geparrt mit Sorglosigkeit und hohem Aggresionspotential. Traurig das die Zuschauer bereits Sekunden nach dem Abpfiff wieder den Platz fluten konnten, was wäre passiert wenn Hertha das 3:2 erzielt hätte? Polizei und Ordner haben versagt. Während der WM 2006 gab es keine nennenswerten Zwischenfälle, daraus sollten positive Rückschlüsse möglich sein.

romilly.kk23

16.05.2012, 12:47 Uhr

Sorry, aber ... es ist doch nichts passiert, oder ?! Niemand hat gegnerische Fans angegriffen oder gar die Spieler - was deren Anwalt sagt, ist eine juristisch-strategische Behauptung und sollte als solche nicht allzu wörtlich genommen werden. Ok, die Feuerwerkskörper sind verboten, aber es wurde doch niemand verletzt ?! Ich konnte schon die Kommentare in der ARD nicht nachvollziehen, das klang gerade so, als hätten gerade wüste Prügeleien stattgefunden - aber nach allem was ich weiß, wurde niemand verletzt, die Leute haben sich einfach nur gefreut und dass Eltern sich Sorgen um ihre Kinder machen, darf doch immer und überall erwartet werden!

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