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16.05.2012

14:36 Uhr

Fanforscher Gunter A. Pilz

„Die Ultras müssen mitgenommen werden“

Gunter A. Pilz (67) ist renommierter Fanforscher und Berater des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Er fordert eine intensivere Diskussion mit den Ultras und setzt auf Prävention. Ein Stehplatzverbot lehnt er ab.

Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin musste kurz vor Spielende wegen Tumulten unterbrochen werden. dpa

Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin musste kurz vor Spielende wegen Tumulten unterbrochen werden.

KölnFrage: Herr Pilz, wie bewerten Sie die Ausschreitungen in Düsseldorf?

Gunter A. Pilz: Man muss die Vorkommnisse trennen. Dass euphorisierte Düsseldorfer Fans den Platz stürmen, dafür kann man sogar Verständnis aufbringen. Wenn einer rennt, rennen sie alle. Das ist eine Unsitte, aber doch noch nachvollziehbar. Beim letzten Abstieg der Hertha haben in Berlin Anhänger das Feld mit einer anderen Intention gestürmt, nämlich um zu bedrohen und zu zerstören. In Düsseldorf stellte das Zünden von Pyrotechnik das größere Ärgernis dar. Damit soll provoziert werden, vor allem die gegnerischen Fans, es geht um eine symbolische territoriale Eroberung des Stadions. Man kann nur hoffen, dass sich das Verständnis durchsetzt, dass Pyrotechnik nicht nur verboten, sondern auch gefährlich ist.

Wie können solche Auswüchse eingedämmt werden?

Viele Vereine haben es versäumt, rechtzeitig mit den Ultras zu sprechen und sie ernst zu nehmen, ihre Bedürfnisse zu respektieren, Regeln zu vereinbaren, Grenzen zu markieren. Die Fans müssen mitgenommen und in die Verantwortung genommen werden. Anders geht es nicht. Aber natürlich müssen wir auch wegkommen von der Solidarisierung mit den gewaltbereiten Fans.

Ultras nehmen immer mehr Einfluss auf den Verlauf des Spiels. Was geschieht gerade in den Stadien und in deren Umfeld? Ist diese Entwicklung besorgniserregend?

Es sind Versuche von Menschen, sich selbst aufzuwerten, sich darzustellen, Macht auszuüben. Da liegt ein Selbstdarstellungstrieb vor. Die Vereine sollten noch mehr mit den Fans über attraktive Alternativen nachdenken, wie sie sich anders darstellen können. Ultras bekommen viele Privilegien - verbilligte Karten, Vergünstigungen bei Fanartikeln, Unterstützung bei Auswärtsfahrten - zur Not muss man die Privilegien streichen.

Wäre die Abschaffung von Stehplätzen ein probates Mittel?

Ich hoffe, dass die Politik erkennt, dass das nichts bringt. Stehplätze sind ein elementarer Bestandteil der Fankultur. DFB und DFL heben zurecht hervor, dass die Stehplätze nicht zur Disposition stehen. Seit die englischen Stadien reine Sitzplatzstadien sind, gehen dort die Zuschauerzahlen zurück, und die unvergleichliche Stimmung gibt es nicht mehr. Ich wünsche mir, dass diese Drohgebärden aufhören, weil sie am Ziel vorbei führen. Die Folge wäre ein Fanaufstand, der seinesgleichen suchen würde. Außerdem: Natürlich würde auch auf Sitzplätzen gestanden werden, und Bengalos kann man auch von dort aus zünden.

Sie setzen also vor allem auf Prävention. Viele meinen, das reicht nicht mehr aus ...

In der Sozialpädagogik gibt es einen Spruch: Wenn uns junge Menschen Probleme bereiten, dann darf ich nicht bei den Problemen ansetzen, die sie machen, sondern bei den Problemen, die sie haben. Das nationale Konzept Sport und Sicherheit setzt voll auf die Kommunikation. Das ist gut so, auch wenn eine Umsetzung nicht von heute auf morgen funktioniert.

Hat Schiedsrichter Wolfgang Stark richtig gehandelt, das Spiel nicht abzubrechen?

Es war die völlig richtige Entscheidung. Alles wäre katastrophaler geworden. Man muss sich klar machen, dass so im Endeffekt nur wenig passiert ist. Und man muss sich klar machen, dass der Schiedsrichter eine entscheidende Rolle spielt, die Massen abzukühlen, herunterzuholen. Wolfgang Stark hat mit seinem besonnenen Verhalten dazu beigetragen, dass die Lage nicht eskaliert ist.

Von

sid

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