Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.07.2012

10:43 Uhr

Fifa-Chef Blatter kontert

Hat Deutschland die WM 2006 gekauft?

VonRobert Ide, Friedhard Teuffel
Quelle:Tagesspiegel

Sepp Blatter setzt sich gegen die heftige Kritik aus Deutschland zur Wehr. Und wie: Der Fifa-Chef deutet Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der WM 2006 an. Der DFB ist empört – und holt zum verbalen Konter aus.

FIFA-Präsident Joseph Blatter steht massiv in der Kritik. dpa

FIFA-Präsident Joseph Blatter steht massiv in der Kritik.

BerlinDie Retourkutsche rumpelte am Sonntag aus der Schweiz nach Deutschland. Joseph Blatter, Präsident des Internationalen Fußball-Verbands Fifa, war offenbar zu viel geworden, was er alles aus Deutschland über Korruption in seinem Verband zu hören und zu lesen bekommen hatte. Also raunte er im Interview mit der Schweizer Zeitung „Sonntags-Blick“: „Gekaufte WM… Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte.“

Die Fußball-WM 2006 also ein gekauftes Sommermärchen? Das wollte Blatter nicht als bloße Vermutung verstanden wissen. „Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv.“

Amtlich festgestellt: Welt-Fußballverband Fifa ist korrupt

Amtlich festgestellt

Welt-Fußballverband Fifa ist korrupt

Es ist eine Sensation: Die Fifa, der mächtige Fußball-Weltverband, räumt einen millionenschweren Korruptionsskandal ein. Jahrelang schwiegen die Funktionäre, auch Präsident Sepp Blatter. Nun ist es nicht mehr zu leugnen.

Mit Gutmütigkeit und Naivität allein ist jedoch nur schwer zu erklären, dass sich in der Fifa jahrelang Spitzenfunktionäre unentdeckt bestechen ließen. Der Ehrenpräsident Joao Havelange und sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira erhielten von der Vermarktungsagentur ISMM/ISL zusammen Millionenbeträge. Die Fifa wertete dies jedoch nicht als Bestechung, sondern als „Provision“, und Blatter sagte dazu: „Heute wäre dies strafbar. Man kann die Vergangenheit nicht mit den Maßstäben von heute messen. Ich kann also nicht von einem Delikt gewusst haben, welches keines war.“

Das Echo aus Deutschland kam prompt. Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga, forderte Blatter in einem Telefonat zum Rücktritt auf. „Ich sagte ihm, das sei nicht so einfach, wie er sich das vorstelle. Schließlich bin ich vom Kongress gewählt“, erklärte Blatter, der jedoch den 96 Jahre alten Havelange als Ehrenpräsident absetzen will. „Er muss weg. Ich werde beantragen, dass das Thema beim nächsten Kongress behandelt wird“, sagte Blatter.

Fünf Kategorien für Korruption im Sport

Vergabe und Realisierung von Sportgroßveranstaltungen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte seinen großen Sündenfall bei den Winterspielen in Salt Lake City 2002. Die Bewerberstadt hatte die Wahl des Ausrichters im Jahr 1995 manipuliert und mindestens 24 IOC-Mitglieder bestochen. Vier traten in der Folge zurück, fünf wurden suspendiert. Lammert erkennt zudem ein hohes Potenzial für Bestechungsdelikte, wenn es um die lukrativen Bauaufträge für Sportstätten geht.  Auch bei der jüngsten Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine kamen massive Zweifel bezüglich der intransparenten Vergabe von Aufträgen auf. In München gab es Unregelmäßigkeiten beim Bau der Allianz Arena: Der ehemalige Geschäftsführer des Klubs 1860 München und der Stadion GmbH, Karl-Heinz Wildmoser, wurde verurteilt, weil er 2,8 Millionen Euro Schmiergelder vom Baukonzern Alpine bekommen haben soll.

Quelle: Die fünf Kategorien für Korruption im Sport hat die Rechtswissenschaftlerin Katharina Lammert, Deutsche Sporthochschule Köln, zusammengestellt.

Bestechung von Schiedsrichtern

Der falsche Pfiff zur rechten Zeit - es sind vor allem Wettbetrugsdelikte, die zur Schiedsrichterbestechung animieren. Prominentes Beispiel  in Deutschland war der Fall Robert Hoyzers, der im Auftrag der Wettmafia mehrere Fußballspiele als vermeintlich Unparteiischer manipuliert hat. Verurteilt wurde der Schiedsrichter wegen Beihilfe zum Betrug zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft. Der Drahtzieher Ante Sapina bekam eine um sechs Monate längere Freiheitsstrafe. Im Fall des THW Kiel, wo unter anderem das Handball-Champions-League-Finale 2007 gerichtlich auf Manipulation hin untersucht wurde, endete der auf den Schiedsrichtern und THW-Funktionären lastende Verdacht im Freispruch.

Korruption bei der Ämtervergabe im organisierten Sport

Günstlingswirtschaft und Patronage ist nur schwer nachzuweisen, wenn es um die begehrten Sitze in den Spitzensportorganisationen geht. Die Präsidentschaftswahlen des Weltfußballverbandes Fifa waren von Unruhen begleitet, nachdem der frühere Chef des karibischen Verbands, Jack Warner, schwere Anschuldigungen erhoben hatte. Warner hatte behauptet, er habe nur einen Dollar für die WM-Rechte 1998 zahlen müssen. Das Schnäppchen sei als Dank für seine Wahlhilfe für den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter zu verstehen gewesen.

Bestechung durch VIP-Einladungen

Die Einladungen zu Sportveranstaltungen (Hospitality) werden ebenfalls von den Compliance-Abteilungen der Gäste und Gastgeber immer kritischer geprüft. Neben dem oft raren Gut Eintrittskarte werden manchmal noch die Anreise und eine Beköstigung finanziert. „Schon der Anschein, es könne sich um die Bestechung von Amtsträgern oder Geschäftspartnern handeln, muss vermieden werden“, sagt Sportjuristin Lammert. Mit einem Freispruch durch den BGH endete der Prozess gegen den ehemaligen EnBW-Chef Utz Claassen, der Ticketgutscheine für Fußball-WM-Spiele 2006 an Politiker verschicken ließ. Der Prozess hat die Unsicherheit rund um die Zulässigkeit von VIP-Einladungen dennoch eher verschärft.

Bestechung bei der Vergabe von Sponsoringrechten und TV-Rechten

Auch Entscheidungsträger an Schaltstellen bei Sendern und Sponsoren sind mitunter bestechlich. So hat der ehemalige Sportchef des Senders MDR, Wilfried Mohren, über Jahre unter der Hand Geld von Sponsoren kassiert und im Gegenzug bestimmte Sport-Veranstaltungen werbewirksam im Fernsehen gezeigt. Er wurde 2009 zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Auch der Ex-Sportchef des HR, Jürgen Emig, wurde verurteilt wegen Untreue und Bestechlichkeit, weil er Schmiergelder angenommen hatte. Sogar Koppel-Geschäfte zwischen Sponsoren geraten ins Blickfeld der Staatsanwaltschaft: So stellte die Deutsche Telekom in einem Fall selbst Strafanzeige. Sie hatte bemerkt, dass drei T-Systems-Mitarbeiter versucht hatten, einen Sponsoringvertrag mit der VW-Fußballtochter VfL Wolfsburg mit millionenschweren geschäftlichen Aufträgen zu koppeln.

Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), legte nach: „Ich spreche für das gesamte DFB-Präsidium, wenn ich sage: Wir sind erschüttert.“ Genauso schockiert wie über die Korruption sei er über die Reaktion des Fifa-Präsidenten: „Wenn nicht unbedeutende Entscheidungsträger der Fifa offensichtlich Geld kassiert haben und dann gesagt wird, es war damals nicht verboten, ist das eine Reaktion, von der wir uns nur total distanzieren können.“

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

15.07.2012, 20:36 Uhr

Verteidigung à la Blatter: Er macht erst gar nicht den Versuch, sich mit Fakten zu entlasten. Stattdessen lüpft er mal kurz den Deckel seiner Pandora-Büchse, in der er die ganzen Sauereien seiner FIFA-Zeit, garniert mit Namen und Geldlisten, aufbewahrt. Seine einzige Verteidigung besteht darin, bei Bedarf mit Dreck um sich zu werfen. Ich bin stolz darauf, dass dieser Verbrecher in Deutschlands Stadien ausgepfiffen wird! Hoffentlich zieht der DFB hier jetzt mal eine knallharte Linie durch, die dann aber auch zukünftig durchzuhalten ist. Der FIFA-Augiasstall in Zürich gehört endlich ausgemistet!

Account gelöscht!

16.07.2012, 09:17 Uhr

Ich bin für die sofortige Auflösung der FIFA, und ihrer Organsatzionen.
Das ganze Vermögen der FIFA, muss Sozialen Verbänden zur Verfügung gestellt werden, auf der ganzen Welt.
Das ergaunerte Privatvermögen des Herrn Platters, fällt dem Schweizer Staat zu, somit sind alle Probleme gelöst.
Blatter sofort vor Gericht.

Account gelöscht!

16.07.2012, 10:44 Uhr

Aber nein, Deutschland hat die WM nicht gekauft. Das war doch die Titanic, mit einer Kuckucksuhr und Schwarzwälder Schinken für den Delegierten aus Ozeanien.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×