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05.06.2015

16:22 Uhr

Fifa-Fiasko und das Uefa-Finale

Was die Fußballbosse in Berlin bereden müssen

Das Finale der Champions League ist für Fußball-Funktionäre Pflichtprogramm. Und es ist ideal, um am Spielfeldrand zu reden. Am Samstag in Berlin bietet sich diese Gelegenheit. Acht Probleme müssen die Funktionäre lösen.

Mädchen spielen Fußball auf einem Kunstrasenplatz vor dem Brandenburger Tor beim Fanfest für das UEFA Champions-League-Finale in Berlin. Das Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona findet am 6. Juni im Berliner Olympiastadion statt. dpa

Fanfest

Mädchen spielen Fußball auf einem Kunstrasenplatz vor dem Brandenburger Tor beim Fanfest für das UEFA Champions-League-Finale in Berlin. Das Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona findet am 6. Juni im Berliner Olympiastadion statt.

DüsseldorfAngesprochen auf die Blatter-Nachfolge, macht Uefa-Präsident Michel Platini das, was Spieler immer dann machen, wenn sie ein Unentschieden über den Tag retten wollen: Er spielt auf Zeit. Die geplante Sondersitzung der 54 Uefa-Mitglieder für eine gemeinsame Strategie bei der Neuordnung des Fußball-Weltverbandes hat er erstmal abgesagt. Verhindern kann er aber nicht, dass vor dem Champions-League-Finale in Berlin auf den Fluren und in Hinterzimmern in der Hauptstadt dennoch über das Vorgehen nach der Rücktrittsankündigung von Fifa-Chef Joseph Blatter beraten wird. „Da täglich neue Informationen ans Tageslicht kommen, denke ich, dass es klüger ist, sich Zeit zu nehmen, um die Situation besser einzuschätzen, um dann gemeinsam Position zu beziehen”, sagt Platini zur derzeitigen Situation.

Der deutsche DFB-Chef Wolfgang Niersbach gießt dann noch Öl ins Feuer. Er wünsche sich einen gemeinsamen europäischen Kandidaten für die Blatter-Nachfolge, sagt er. Die Personaldiskussion ist also eröffnet. Doch sie ist längst nicht das einzige Problem, mit dem sich die Fußballfunktionäre aus Europa beschäftigen. Schließlich kommen derzeit täglich neue Enthüllungen über dunkle Machenschaften ans Licht. Sie sind Stoff genug, um ins Eingemachte zu gehen. Wir haben die wichtigsten Themen hier zusammengetragen:

Fußball-Fans in Berlin

Das Geschäft mit dem Champions-League-Finale

Fußball-Fans in Berlin: Das Geschäft mit dem Champions-League-Finale

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1. Kriminelle Strukturen in der Fußballwelt

Den Fußball mit Verbrechen in Verbindung zu bringen, klingt hart. Doch genau dies tun die Vereinigten Staaten. Die US-Behörden ordnen den Fußball-Weltverband Fifa als sogenannte RICO-Organisation ein - als einen „vom organisierten Verbrechen und Korruption beeinflussten" Zusammenschluss. 

Die Anklagepunkte gegen die Fifa-Funktionäre

Copa Americà

1986 erwirbt das Unternehmen Traffic Brazil die weltweiten Vermarktungsrechte für die Südamerika-Meisterschaft. Fünf Jahre später fordert CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz für eine Vertragsverlängerung eine sechsstellige Summe an Schmiergeld. Ein namentlich nicht genannter Mitverschwörer (#2) veranlasst die Zahlung einer sechsstelligen Summe in US-Dollar auf ein Konto, das Leoz zugeschrieben wird. Bis 2011 erhält Leoz Zahlungen für jede Auflage des Turniers, diese erhöhen sich jedes Mal und erreichen einen Millionenbetrag. Für die weltweiten Vermarktungsrechte der vier Copa Americas von 2015 an werden bereits insgesamt Schmiergelder in Höhe von 110 Millionen an elf CONMEBOL-Offizielle vereinbart.

Gold Cup

Mit Hilfe des gleichen Mit-Verschwörers (#2) wird ein System wie bei der Copa America aufgebaut. Traffic USA erwirbt von 1996 an für fünf Auflagen auch die Vermarktungsrechte der Nord- und Mittelamerika-Meisterschaft. Bis zum Turnier 2003 fließen Hunderttausende Dollar an Schmiergeldzahlungen an CONCACAF-Präsident Jack Warner. Diese werden ebenfalls versucht, über Mittelsmänner zu verschleiern. Warners Nachfolger Jeffrey Webb erhält 1,1 Millionen für seine Zusage der Rechte am Gold Cup und CONCACAF Champions League 2012 an Traffic USA. Für die Turniere im folgenden Jahr sind es bereits zwei Millionen.

Copa Libertadores

Rund um 2000 hält Leoz auch hier die Hand auf und bekommt von einem Mit-Verschwörer (#5) einer Sport-Marketing-Agentur Schmiergeld- und Kickback-Zahlungen für die Werberechte an der südamerikanischen Vereins-Königsklasse. 2006 weist Leoz #5 an, aus dem Werbekontrakt mit dem CONMEBOL mehr als zwei Millionen US-Dollar auf persönliche Konten in Schweiz und Paraguay zu lenken.

Brasilianische Nationalmannschaft

Ein multinationaler Sport-Ausrüster aus den USA erwirbt 1996 die Ausrüsterrechte für zehn Jahre für 160 Millionen US-Dollar. Der Ausrüster stimmt zu, weitere 40 Millionen an eine Tochter von Traffic Brasil zu zahlen. Die Hälfte fließt als Schmiergeld von Mit-Verschwörer (#2) an eine weitere namentlich nicht genannte Person. 2002 wird der Ausrüstervertrag vorzeitig aufgelöst.

WM-Vergabe 2010

CONCACAF-Präsident Warner berichtet einem Mitverschwörer, dass hohe FIFA-Offizielle, die südafrikanische Regierung und das südafrikanische Bieter-Komitee bereit seien, eine Zahlung von Südafrikas Regierung in Höhe von 10 Millionen Dollar an den CFU zu arrangieren. Diese soll „die afrikanische Diaspora unterstützen“. Mitverschwörer #1 versteht, dass Warner, er selbst und Mitverschwörer #17 für Südafrika als Gastgeber der WM 2010 stimmen sollen. Warner deutet an, dass er das Angebot akzeptiert und sagt Mitverschwörer #1 zu, eine Million Dollar weiterzureichen.

Die südafrikanische Regierung soll die Zahlungen daraufhin jedoch nicht direkt aus Regierungstöpfen vornehmen können. In drei Margen weist ein hochrangiger FIFA-Funktionär an, dass zehn Millionen Dollar von einem FIFA-Konto in der Schweiz auf ein US-Konto fließen. Das Geld landet schließlich auf Konten im Namen der Karibischen Fußball-Union CFU und CONCACAF, kontrolliert von Warner, in Trinidad und Tobago. Durch Geldwäsche bei Mittelsmänner fließen Teile des Geldes schließlich zu Unternehmen in Trinidad und Tobago sowie Warners Privatkonten. Mit-Verschwörer #1 erhält mehr als 750.000 Euro von Warner.

Fifa-Präsidentschaftswahl 2011

Mit-Verschwörer #7, ein hoher Funktionär der FIFA und des asiatischen Verbands AFC, erklärt 2011 seine Kandidatur für das FIFA-Präsidentenamt. Ende April fließen 363 537,98 Dollar von einem Konto, das Mit-Verschwörer #7 kontrolliert auf ein Konto des CFU, das Warner kontrolliert. Im Mai stellt #7 den CFU-Verbänden seine Kandidatur vor, Warner sagt den Funktionären, dass sie sich ein „Geschenk“ abholen könnten. Die Repräsentanten erhalten jeweils einen Umschlag mit 40 000 US-Dollar. Nachdem das System aufliegt und Warner von seinen Posten zurücktritt, veranlasst Mit-Verschwörer #7 eine Zahlung von mehr als 1,2 Millionen Dollar auf ein Konto, das Warner kontrolliert.

Das geht aus dem Protokoll der 2013 geführten Vernehmung des ehemaligen FIFA-Funktionärs und "Whistleblowers" Chuck Blazer hervor. Grund für die Einordnung sind die Anklagepunkte, laut denen bei verschiedenen Gelegenheiten mit krimineller Energie Geld geflossen sein soll. Das würde die Fifa als RICO-Organisation identifizieren. 

Hintergrund ist ein 1970 in den USA erlassenes Gesetz (Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act), das als Rechtsgrundlage zur Bekämpfung von kriminellen Vereinigungen dient. Die US-Behörden haben im Zuge des Fifa-Skandals 14 Personen angeklagt, darunter neun Fifa-Offizielle. Sieben sitzen in der Schweiz in Auslieferungshaft.

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