Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.06.2015

18:52 Uhr

Fifa-Korruptionsskandal

Mit der Gegen-WM zum Blatter-Sturz

VonHolger Alich, Alexander Möthe

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist für die Fifa die wichtigste Einnahmequelle. Doch auch die Verbände hängen weltweit von dem Turnier ab. Aus Dänemark kommt nun ein Vorschlag, der das Fifa-System erschüttern könnte.

Joseph Blatter ist um den Erhalt der Geldquelle WM bemüht. dpa

„Werde die Weltmeisterschaft nicht anrühren“

Joseph Blatter ist um den Erhalt der Geldquelle WM bemüht.

Zürich, DüsseldorfBei der Familie Blatter ist die Welt wieder in Ordnung. Joseph S. Blatter, seit 1998 amtierender Präsident der Fifa, wurde am Freitag zum fünften Mal als höchster Fußballfunktionär der Welt bestätigt. Selbst die weltweit Aufmerksamkeit erregende Festnahme von sieben Mitgliedern des Exekutivkomitees des Weltverbands wegen Korruptionsvorwürfen konnte daran nichts ändern.

Und während unter anderem zwei von Blatters Vizepräsidenten auf Geheiß der US-Justizbehörden in Zürich festgesetzt wurden, gab der selbsternannte Pate des Weltfußballs gemeinsam mit seiner Tochter Corinne Blatter Andenmatten dem Schweizer Boulevardblatt „Blick“ ein Siegerinterview.

Auch Schwiegersohn und Enkelin waren beim Termin zugegen. Heraus kam eine unreflektierte Abrechnung mit Blatters Kritikern, einschließlich der Forderung, Franz Beckenbauer hätte in Deutschland für Räson sorgen sollen. So sehen Sieger aus – wurde mit Blick in die „Blick“ klar.

Die Anklagepunkte gegen die Fifa-Funktionäre

Copa Americà

1986 erwirbt das Unternehmen Traffic Brazil die weltweiten Vermarktungsrechte für die Südamerika-Meisterschaft. Fünf Jahre später fordert CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz für eine Vertragsverlängerung eine sechsstellige Summe an Schmiergeld. Ein namentlich nicht genannter Mitverschwörer (#2) veranlasst die Zahlung einer sechsstelligen Summe in US-Dollar auf ein Konto, das Leoz zugeschrieben wird. Bis 2011 erhält Leoz Zahlungen für jede Auflage des Turniers, diese erhöhen sich jedes Mal und erreichen einen Millionenbetrag. Für die weltweiten Vermarktungsrechte der vier Copa Americas von 2015 an werden bereits insgesamt Schmiergelder in Höhe von 110 Millionen an elf CONMEBOL-Offizielle vereinbart.

Gold Cup

Mit Hilfe des gleichen Mit-Verschwörers (#2) wird ein System wie bei der Copa America aufgebaut. Traffic USA erwirbt von 1996 an für fünf Auflagen auch die Vermarktungsrechte der Nord- und Mittelamerika-Meisterschaft. Bis zum Turnier 2003 fließen Hunderttausende Dollar an Schmiergeldzahlungen an CONCACAF-Präsident Jack Warner. Diese werden ebenfalls versucht, über Mittelsmänner zu verschleiern. Warners Nachfolger Jeffrey Webb erhält 1,1 Millionen für seine Zusage der Rechte am Gold Cup und CONCACAF Champions League 2012 an Traffic USA. Für die Turniere im folgenden Jahr sind es bereits zwei Millionen.

Copa Libertadores

Rund um 2000 hält Leoz auch hier die Hand auf und bekommt von einem Mit-Verschwörer (#5) einer Sport-Marketing-Agentur Schmiergeld- und Kickback-Zahlungen für die Werberechte an der südamerikanischen Vereins-Königsklasse. 2006 weist Leoz #5 an, aus dem Werbekontrakt mit dem CONMEBOL mehr als zwei Millionen US-Dollar auf persönliche Konten in Schweiz und Paraguay zu lenken.

Brasilianische Nationalmannschaft

Ein multinationaler Sport-Ausrüster aus den USA erwirbt 1996 die Ausrüsterrechte für zehn Jahre für 160 Millionen US-Dollar. Der Ausrüster stimmt zu, weitere 40 Millionen an eine Tochter von Traffic Brasil zu zahlen. Die Hälfte fließt als Schmiergeld von Mit-Verschwörer (#2) an eine weitere namentlich nicht genannte Person. 2002 wird der Ausrüstervertrag vorzeitig aufgelöst.

WM-Vergabe 2010

CONCACAF-Präsident Warner berichtet einem Mitverschwörer, dass hohe FIFA-Offizielle, die südafrikanische Regierung und das südafrikanische Bieter-Komitee bereit seien, eine Zahlung von Südafrikas Regierung in Höhe von 10 Millionen Dollar an den CFU zu arrangieren. Diese soll „die afrikanische Diaspora unterstützen“. Mitverschwörer #1 versteht, dass Warner, er selbst und Mitverschwörer #17 für Südafrika als Gastgeber der WM 2010 stimmen sollen. Warner deutet an, dass er das Angebot akzeptiert und sagt Mitverschwörer #1 zu, eine Million Dollar weiterzureichen.

Die südafrikanische Regierung soll die Zahlungen daraufhin jedoch nicht direkt aus Regierungstöpfen vornehmen können. In drei Margen weist ein hochrangiger FIFA-Funktionär an, dass zehn Millionen Dollar von einem FIFA-Konto in der Schweiz auf ein US-Konto fließen. Das Geld landet schließlich auf Konten im Namen der Karibischen Fußball-Union CFU und CONCACAF, kontrolliert von Warner, in Trinidad und Tobago. Durch Geldwäsche bei Mittelsmänner fließen Teile des Geldes schließlich zu Unternehmen in Trinidad und Tobago sowie Warners Privatkonten. Mit-Verschwörer #1 erhält mehr als 750.000 Euro von Warner.

Fifa-Präsidentschaftswahl 2011

Mit-Verschwörer #7, ein hoher Funktionär der FIFA und des asiatischen Verbands AFC, erklärt 2011 seine Kandidatur für das FIFA-Präsidentenamt. Ende April fließen 363 537,98 Dollar von einem Konto, das Mit-Verschwörer #7 kontrolliert auf ein Konto des CFU, das Warner kontrolliert. Im Mai stellt #7 den CFU-Verbänden seine Kandidatur vor, Warner sagt den Funktionären, dass sie sich ein „Geschenk“ abholen könnten. Die Repräsentanten erhalten jeweils einen Umschlag mit 40 000 US-Dollar. Nachdem das System aufliegt und Warner von seinen Posten zurücktritt, veranlasst Mit-Verschwörer #7 eine Zahlung von mehr als 1,2 Millionen Dollar auf ein Konto, das Warner kontrolliert.

Dabei ist die Fußballwelt seit vergangener Woche in heller Aufregung. Doch trotz schwerwiegender Korruptionsvorwürfe an hochrangige Fifa-Funktionäre will Sepp Blatter weiter machen wie bisher, das wird deutlich. Vor allem will er jeglichen Schaden von der Cash Cow der Fifa fernhalten, der Fußball-Weltmeisterschaft. Dabei kursieren in Teilen Europas bereits radikale Gedankenspiele.

So hat Allan Hansen, dänisches Mitglied im Exekutivkomitee des europäischen Fußballverbands Uefa, den Vorschlag in die Runde geworfen, dass zur von der Uefa ausgerichteten Europameisterschaft wichtige nicht-europäische Nationen eingeladen werden könnten.

Fifa-Ermittlungen: Englands Verbandschef fordert WM-Boykott Deutschlands

Fifa-Ermittlungen

Englands Verbandschef fordert WM-Boykott Deutschlands

FA-Verbandschef Dyke fordert Deutschland zu WM-Boykott auf: Aus Protest gegen Blatter müssten die zehn größten Fußballverbände von einer WM zurücktreten. Indes weist Südafrika alle Vorwürfe wegen der WM 2010 zurück.

Damit würde die Euro zu einer Art Gegen-WM. Ferner könnte die EM demnächst alle zwei Jahre ausgetragen werden. Damit würde das Spitzenturnier der Uefa auch zeitlich mit der WM der Fifa kollidieren. Auf diese Weise will Hansen Druck auf die TV-Anstalten und Sponsoren ausüben.

Denn ein so aufgewertetes Turnier würde den Wert der Senderechte der WM massiv beschneiden. Seine Macht bezieht die Fifa allerdings aus ihrer wirtschaftlichen Stärke. Und die fußt auf der Monopolstellung ihrer Turniere.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Lui Kators

02.06.2015, 08:55 Uhr

Eine "Gegen-WM".

Was für ein bemerkenswert dämlicher Vorschlag!

Das korrupte Gesockse muss weg! Und zwar gründlich! Und dann muss ein nach rechtsstaatlichen Grundsätzen ausgerichteter Umbau erfolgen.

Man motzt ja gerne über die Amis. Aber das kriegen die hin - im Gegensatz zu der unfähigen europäischen Justiz.

Well done, USA!

Herr wulff baer

02.06.2015, 08:57 Uhr

Seit 1998 Korruption im FIFA-Blatter-System.
Allen Beteiligten hat das nicht geschadet, genausowenig wie die Wettbetrügereien in Deutschland und die Affäre Adidas-Hoeneß, der sich von Herrn Tapie Adidas in der Schweiz ein gigantisches Zocker-Konto einrichten ließ und dafür unter anderem jetzt gesiebte Luft atmen muß.
Fast alle großen Dax-Konzerne sind Weltmeister im Schmieren und Korrumpieren.
Und jetzt regen sich alle über Blatter auf, der doch nichts anderes im Sinn hat, als der Welt der doofen Brot-und-Spiele-Anhänger die schönen Spiele zu liefern, die sie vom Untergang in der Welt der Reichen und Schönen ablenken sollen - genauso wie seinerzeit im alten Rom.
Lächerlich.

Herr Otto Berger

02.06.2015, 09:10 Uhr

Es geht den USA darum, Russland die WM abzunehmen und ist das Ziel erreicht, wird das Korruptionsthema sehr schnell an Bedeutung verlieren, zumal die USA Gefahr laufen, dass auch vor ihrer Tür mal kräftig "gekehrt" wird. (Korruption in der Politik etc.etc.)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×