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17.11.2014

13:50 Uhr

Fifa-Krise

WM-Boykott als Druckmittel gegen Blatter

Mehrere europäische Fußball-Verbände fordern eine Veröffentlichung des Untersuchungsberichts zur Turniervergabe an Russland und Katar. Das erhöht den Druck auf Fifa-Präsident Blatter – und gefährdet dessen Wiederwahl.

Eine Weltmeisterschaft ohne Titelverteidiger? Schwer vorstellbar. dpa

Eine Weltmeisterschaft ohne Titelverteidiger? Schwer vorstellbar.

DüsseldorfEine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Deutschland, Italien oder England? Eine Horrorvorstellung für Fußballfans – und die Macher in der Zentrale des Fußball-Weltverbandes in Zürich. Doch genau einen solchen Boykott bringen die Kritiker des allmächtigen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter ins Spiel. Der jüngste Vorstoß kommt von David Bernstein, dem ehemaligen englische Fußball-Verbandschef.

Es sei Zeit für drastische Maßnahmen gegen die Fifa, sagte er in einem BBC-Interview. „Es sind 54 Länder in der Uefa. Es gibt Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und die Niederlande – alle mächtig – und man kann ohne sie keine ernsthafte WM abhalten“, sagte der 71-Jährige. „Sie haben die Macht, das zu beeinflussen, wenn sie den Willen dazu haben.“

Ein solcher Boykott hätte die Unterstützung der englischen Öffentlichkeit, betonte Bernstein, der inzwischen aus der Anti-Diskriminierungs-Kommission der Fifa zurückgetreten ist. Die Fifa bezeichnete Bernstein als „totalitär“ und „lächerlich“. Die Wahl Katars zum WM-Gastgeber 2022 bezeichnete Bernstein als „die lächerlichste Entscheidung in der Sportgeschichte“.

Fifa: Die Organisation des Fußballweltverbandes

Fifa-Kongress

Er ist die Vollversammlung des Fußball-Weltverbandes. Der Kongress wird von den 209 nationalen Mitgliedsverbänden gebildet und ist das höchste legislative Gremium der Fifa. Jeder Verband hat dabei eine Stimme. Der Kongress tritt mindestens einmal im Jahr zusammen. Er trifft Entscheidungen über die Fifa-Statuten und über die Aufnahme oder den Ausschluss von Mitgliedern.

Aufgaben des Kongresses

Zu den wichtigen Aufgaben des Kongresses gehört auch die Wahl des Fifa-Präsidenten. Künftig soll die Vollversammlung darüber entscheiden, wer die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet - wie, ist aber noch offen. Mit dieser Reform aus dem Jahr 2011 reagierte der Verband auf die schweren Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der Titelkämpfe 2018 nach Russland und 2022 nach Katar.

Exekutivkomitee

Das Exekutivkomitee ist das ausführende Organ der Fifa, vereinigt aber sehr viel Macht auf sich. Kopf ist der auf vier Jahre gewählte Präsident, seit 1998 Joseph Blatter. Darüber hinaus gehören dem Komitee 24 Mitglieder an, darunter acht Vizepräsidenten. Sie werden nicht vom Kongress gewählt, sondern durch die Fußball-Konföderationen (Kontinentalzusammenschlüsse) und Verbände ernannt.

Aufgaben

Das Exekutivkomitee ernennt die Vorsitzenden und die Mitglieder der Ständigen Kommissionen, zum Beispiel für Finanzen und für Medizin. Es besetzt aber auch Rechtsorgane wie zum Beispiel die Ethikkommission, die sich um Betrugsvorwürfe kümmert. Bis 2011 bestimmte das Exekutivkomitee den Ort und die Daten der Fußball-Weltmeisterschaften.

Verdacht

Am Prinzip wurde erst gerüttelt, als zehn Mitglieder des Exekutivkomitees unter Korruptionsverdacht standen. Einige wurden suspendiert, andere lebenslang gesperrt - wie im Juli 2011 Fifa-Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam aus Katar. Die Ethikkommission sah es als erwiesen an, dass er Stimmen für seine Wahl zum Fifa-Chef kaufen wollte - bin Hammam bestritt das. Fifa-Vize Jack Warner trat bereits im Juni 2011 von allen Ämtern zurück, die eingeleiteten Verfahren wurden damit einfach beendet.

Präsident

Seit 1998 steht der Schweizer Joseph Blatter an der Spitze der Fifa. Bei den beiden letzten Wahlen hatte er keinen Gegenkandidaten. Trotz der Korruptionskrise wurde Blatter Anfang Juni 2011 mit großer Mehrheit wiedergewählt - 186 der 203 abstimmenden Delegierten votierten für ihn. Allein schon eine Verschiebung dieser Wahl zur Klärung aller Vorwürfe wäre schwierig geworden. Denn dafür ist eine Dreiviertel-Mehrheit der 209 Mitgliedsverbände nötig.

Aufgaben

Der Präsident führt nicht nur die Kongressverhandlungen. Über das Exekutivkomitee, das er einberuft und leitet, hat er ebenfalls große Machtfülle. Bei Patt-Situationen in Abstimmungen gibt seine Stimme den Ausschlag. Auf Vorschlag des Präsidenten ernennt und entlässt das Exekutivkomitee auch den Generalsekretär, der die Verwaltung der Fifa leitet. Um den Präsidenten zu zwingen, eine außerordentliche Sitzung einzuberufen, müssen sich mindestens 13 der 24 Mitglieder auf einen Antrag dafür einigen.

Hintergrund der Kritik ist das Desaster um die Veröffentlichung einer Stellungnahme der Fifa-Ethikkommission zu Manipulationsvorwürfen bei der Vergabe der WM-Endrunden 2018 an Russland und 2022 an Katar. Während der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert betonte, es gebe keine ausreichenden Anhaltspunkte für Korruption, widersprach der Fifa-Ermittler Michael J. Garcia diesem Urteil.

Den vollständige Bericht hält die Fifa unter Verschluss – zum Schutz der Interviewten. Durch die unterschiedlichen Bewertungen von Eckert und Garcia mehren sich nun allerdings die Stimmen, die für eine Veröffentlichung des Berichts sind. Zu den Befürwortern gehören auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, Ligapräsident Reinhard Rauball und das deutsche Fifa-Exekutivkomiteemitglied Theo Zwanziger.

„Wenn das nicht passiert und diese Krise nicht glaubwürdig gelöst wird, muss man sich auch über die Frage unterhalten, ob man in der Fifa überhaupt noch gut aufgehoben ist“, sagte Rauball dem „Kicker“. „Eine Option, über die ernsthaft nachgedacht werden müsste, ist sicherlich, dass die Uefa sich von der Fifa löst.“

Der frühere Fifa-Reformer Mark Pieth rät Chefermittler Garcia, seine Untersuchungsergebnisse durchsickern zu lassen. „Wir müssen seine Erkenntnisse einfach haben, und meine Erfahrung ist, dass in den USA alles irgendwie durchsickert, wenn das helfen kann“, zitiert USA Today den Schweizer Pieth.

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