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04.06.2015

04:15 Uhr

Fifa-Kronzeuge Charles Blazer

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VonMoritz Koch

Das Geständnis des Fifa-Kronzeugen, Charles Blazer, zeigt, dass im Herrschaftssystem des Weltfußballs Bestechung der Modus Operandi ist. Als Nächstes nehmen die USA die WM-Vergabe an Russland und Katar ins Visier.

Die Aussagen des ehemaligen Fifa-Funktionärs Chuck (Charles) Blazer (links) erlauben tiefe Einblicke in die illegalen Machenschaften der Fifa-Machthaber. US-Medien berichten inzwischen auch über Ermittlungen gegen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter (rechts). Reuters

Blazer/Blatter

Die Aussagen des ehemaligen Fifa-Funktionärs Chuck (Charles) Blazer (links) erlauben tiefe Einblicke in die illegalen Machenschaften der Fifa-Machthaber. US-Medien berichten inzwischen auch über Ermittlungen gegen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter (rechts).

WashingtonDer Richter erkundigt sich nach dem Gesundheitszustand des Beschuldigten, seiner Therapie, er wünscht ihm alles Gute und klärt ihn über seine Rechte auf. Doch dann sind die Formalitäten abgehakt und mit den Nettigkeiten ist es vorbei. Im Gerichtsgebäude im New Yorker Stadtteil Brooklyn wird es ernst, sehr ernst. Verschwörung, Bestechung, Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Bandenbildung, lauten die Anklagepunkte. Charles Blazer kennt sie alle und bestreitet nichts. Sein Geständnis legt den Grundstein für das amerikanische Korruptionsverfahren, das die Fußballwelt erzittern lässt.

„Ich und ein weiteres Mitglied des Exekutiv-Komitees der Fifa haben Bestechungsgeld im Zusammenhang mit der Bewerbung Südafrikas für die Fußball WM 2010 kassiert“, sagt Blazer, der mehr als zwanzig Jahre als Generalsekretär des nord- und mittelamerikanischen Regionalverbands Concacaf fungierte.

Auch bei der Entscheidung über die Weltmeisterschaft 1998 sei er in Schmiergeldzahlungen verwickelt gewesen. Für eine Million Dollar soll er seine Stimme an Marokko verkauft haben. Letztlich hat das Investment den Nordafrikanern nichts genutzt, es waren bekanntlich Franzosen, die das Turnier austragen durften.

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Blazers Geständnis liegt schon zwei Jahre zurück, zwischenzeitig diente er als Maulwurf, bespitzelte seine Fifa-Kumpanen mit einer verwanzten Schlüsselkette. Jetzt, da genug Beweise für ein Verfahren gegen andere Fußballfunktionäre vorliegen, haben die US-Behörden die Akte Blazer veröffentlicht. Sie liefert neue Einblicke in ein Herrschaftssystem, in dem Bestechung der Modus Operandi war. Es ist schwierig, eine Entscheidung der Verbandsgremien zu finden, die nicht verschoben war oder zumindest verschoben werden sollte.

Wer folgt auf Blatter?

Kandidaten

Die Liste der möglichen Kandidaten für die Nachfolge von Joseph Blatter ist lang und vielfältig. Einen wirklichen Neuanfang würden jedoch nur wenige bedeuten.
Quelle: dpa

Kongress

Der Wahlkongress soll voraussichtlich zwischen Dezember diesen Jahres und März 2016 stattfinden. Schon am Dienstagabend äußerten sich die ersten potenziellen Kandidaten.

Der Uefa-Chef

Eine Kampfkandidatur gegen Blatter hatte Michel PLATINI (59) als Präsident der Europäischen Fußball-Union stets tunlichst vermieden. Ambitionen auf das höchste Funktionärsamt verhehlte der Franzose hingegen ebenso wenig. Viele Jahre lang hat er Blatter unterstützt.

Blatter-Gegner I

Der gegen Blatter unterlegene Prinz Ali BIN AL-HUSSEIN aus Jordanien und der Niederländer Michael VAN PRAAG erklärten schon am Dienstagabend, dass sie sich eine Kandidatur offenhalten.

Blatter-Gegner II

Luis FIGO, der wie van Praag vor der Wahl zugunsten al-Husseins zurückgezogen hatte, forderte eine „gemeinsame weltweite Lösung“. Aus dem Trio besäße al-Hussein wohl die größten Chancen - pikant würde die Situation, wenn sowohl der aus Europa unterstützte Jordanier wie auch Platini antreten sollten.

Blatter-Gegner III

Der frühere Profi David GINOLA, der schon vor der vergangenen Wahl die notwendigen fünf Unterstützerländer nicht aufbringen konnte, will es erneut versuchen.

Blatters Stellvertreter

Wäre der Schweizer sofort zurückgetreten, hätte Issa HAYATOU als längster sich im Amt befindender Vizepräsident die Geschäfte übernommen; alles andere als ein Neuanfang.

... unter Verdacht

Der 68-Jährige aus Kamerun sitzt seit 1990 in der FIFA-Exekutive und stand schon mehrfach unter Korruptionsverdacht, den er stets zurückwies. 2011 kam er mit einer Rüge des Internationalen Olympischen Komitees für den Erhalt von 20.000 US-Dollar vom früheren Marketingpartner ISL davon.

Ein Strippenzieher

Erst beim Kongress am vergangenen Freitag wurde Ahmad al Fahad AL SABAH ins FIFA-Exko gewählt. Und doch war der Kuwaiti schon mittendrin.

... und Platini

Am Vorabend der Wahl zeigten Fotos den höchst einflussreichen Sportfunktionär an der Seite von Platini, al Sabah weiß wie man Mehrheiten beschafft. Schon Thomas Bach profitierte bei der Wahl zum IOC-Präsidenten von seinen Diensten.

Der Kaiser

Seine Popularität nutzte Franz BECKENBAUER bereits, um die WM 2006 nach Deutschland zu holen - auf ihn als Präsidenten könnte sich die Fußball-Welt sicher einigen. Als Exko-Mitglied war er allerdings bei der skandalumwitterten WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022 im Dezember 2010 beteiligt und sieht sich noch mit Ermittlungen der FIFA-Ethikkommission konfrontiert.

Die Fußball-Legende

Der ehemalige brasilianische Fußball-Star ZICO hat eine Kandidatur für das freiwerdende Amt des FIFA-Präsidenten nicht ausgeschlossen. Der 62-Jährige schrieb nach dem angekündigten Rücktritt von FIFA-Chef Blatter auf seiner Facebook-Seite: „Warum nicht? In meinem Leben ist es immer um Fußball gegangen.“

Blazer listet auf: „Ich und andere haben Schmiergeld und Rückvergütungen für die Vergabe von Übertragungsrechten bei den Gold Cups 1996, 1998, 2000, 2002 und 2003 erhalten.“ Der Gold Cup ist das Regionalturnier in Nord- und Mittelamerika, das Äquivalent zur EM, die europäische Fußballfans alle vier Jahre in Atem hält. Weil Blazer und seine Komplizen ihre korrupten Deals über US-Banken abwickelten, erklären sich die amerikanischen Behörden für zuständig – wenngleich die Bestechungsfälle selbst nicht auf amerikanischen Boden stattfanden.
Blazer, auch das geht aus den Gerichtsakten hervor, drohen 20 Jahre Haft. Er hofft, mit seinen Aussagen eine Strafmilderung zu erreichen. Doch der heute 70-Jährige ist nicht der einzige Kronzeuge der US-Behörden.

Daryan und Daryll Warner, die Söhne des früheren Fifa-Vizes Jack Warner, kooperieren mit den Ermittlern. Wie Blazer haben sie 2013 ein Geständnis abgelegt und sich bereit erklärt, als V-Männer zu fungieren. Die Akten zeigen, dass sie Dokumente beschafft und sich den Anklagebehörden immer wieder für Verhöre zur Verfügung gestellt haben. Zum Lohn wurde auch ihnen Strafmilderung in Aussicht gestellt, womöglich kommen beide um einen Gefängnisaufenthalt herum. Daryan Warner darf zudem auf eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in den USA hoffen.

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Die Ermittler bauen nun darauf, dass noch weitere Fifa-Funktionäre ihr Schweigen brechen. Das Konzept gleicht dem Vorgehen bei Mafia-Verfahren. Ein Geständnis führt zum nächsten, bis am Ende das gesamte Syndikat entblößt und die Führungsriege hinter Gitter gebracht werden kann. „Die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen, sie stehen noch am Anfang“, ließen die Strafverfolger wissen, als sie die Korruptionsvorwürfe vergangene Woche öffentlich machten.
So verwundert es nicht, dass US-Medien inzwischen über Ermittlungen gegen Fifa-Präsident Sepp Blatter berichten. Genauso wenig ist es überraschend, dass sich die Amerikaner für die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar interessieren, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Hinweise darauf, dass auch bei diesen Entscheidungen Schmiergeld geflossen ist, gibt es seit Jahren. Auch die Schweizer Bundesstaatsanwaltschaft ermittelt in dieser Angelegenheit. Gleichzeitig aber wird das Verfahren der Amerikaner dadurch zum Politikum. Bei der Vergabe der WM 2022 schlug Katar einen großen Favoriten: die USA.

Kommentare (4)

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Herr Jürgen Dannenberg

04.06.2015, 09:45 Uhr

Wie sieht es eigentlich um Beckenbauer aus?

Herr Manfred Schäfer

04.06.2015, 13:30 Uhr

Beckenbauer bekommt von der NSA und US-Ermittlerin die Ermittlungsdaten seiner FIFA Kollegen und einen Persilschein...!!!
Ihm wird klar gemacht, dass Russland die Spiele entzogen werden müssen und er bei Erfolgreich "mission impossible" mit Rückendeckung der USA dann auch FIFA Präsident werden kann...Ermittlungen jeglicher Art werden dann gegen ihn und andere FIFA Mitglieder eingestellt...
Die Daten über Beckenbauer bleiben bei der US-Behörde und können jederzeit als Druckmittel das gewünsche Ergebnis ihrer Marionetten erreichen...und versprochen: Es gibt unter der Aufsicht der USA keine Skandale mehr...Vorbehaltlich alle halten sich an die Spielregeln des NSA und USA...
oder am Besten: die FIFA kommt gleicht ihren Hautsitz in New York, neben der UNO...Das wäre doch schön, oder???

Herr Teito Klein

04.06.2015, 16:00 Uhr

Beckenbauer ist Putins bester Mann
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Er hatte für die Vergabe der WM 2018 an Russland gestimmt.
Dafür hatte Putin ihn zum Sonderbotschafter" ernannt.

Auch in Katar war Beckenbauer "blind". Er hat dort keine Sklaven gesehen, die liefen alle frei herum.
Somit ist Beckenbauer bestens geeignet, Don Blatters Nachfolge anzutreten.

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