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27.10.2015

12:21 Uhr

Fifa-Präsident

Ist Sexwale der bessere Blatter?

VonWolfgang Drechsler

Tokyo Sexwale könnte der nächste Fifa-Chef werden. Doch nur die wenigsten kennen den umtriebigen Südafrikaner. Porträt eines Mannes, der eine Handgranate in einen Lastwagen warf und 13 Jahre im Gefängnis saß.

Der Südafrikaner könnte der Nachfolger von Sepp Blatter werden. dpa

Tokyo Sexwale

Der Südafrikaner könnte der Nachfolger von Sepp Blatter werden.

KapstadtLeicht geht der Name des Unternehmens nicht von der Zunge: Mvelaphanda ist ein Wort aus der südafrikanischen Vendasprache und bedeutet so viel wie „Fortschritt“. Kaum weniger ungewöhnlich klingt der Name des Mannes, der das Geschäftsimperium kontrolliert und nun als möglicher Nachfolger von Fifa-Präsident Sepp Blatt gehandelt wird: Tokyo Sexwale (ausgesprochen: „Sechwale“, wobei das „ch“ wie im deutschen „ach“ artikuliert wird). Den Spitznamen Tokyo erhielt Gabriel Mosima Sexwale von Freunden wegen seiner früheren Leidenschaft für den Karatesport.

Mit dem 62-Jährigen klopft nun, nachdem er seine Kandidatur am Wochenende auch offiziell verkündet hat, ein Mann an die Tür des Fußballverbands, dem „der Geruch von Neutralität“ anhaftet, wie sein Fürsprecher Franz Beckenbauer ausdrücklich lobt – und den daher womöglich auch andere Europäer am Ende attraktiv finden könnten. Zumal hochrangige Fifa-Funktionäre zuletzt immer wieder gefordert, dass fortan „frischer Wind“ durch die verkrusteten Strukturen in Zürich wehen müsse.

Allerdings ist die Erfahrung des Südafrikaner in Sachen Fußball eher überschaubar: So arbeitete Sexwale bislang nur in der Fifa-Arbeitsgruppe gegen Rassismus und Diskriminierung und unterstützte darüber hinaus das Organisationskomitee der WM 2010 in seiner Heimat Südafrika.

Mögliche Blatter-Nachfolger bei der Fifa

Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa (Bahrain)

Reichte seine Kandidatur erst kurz vor dem Ende der Bewerbungsfrist ein und ist der große Favorit auf die Blatter-Nachfolge – wenn er zur Wahl zugelassen wird. Laut Fachmagazin kicker ermittelt die FIFA-Ethikkommission gegen das Exekutivmitglied wegen eines Anfangsverdachts auf Verletzung von Menschenrechten. Der 49-Jährige soll bereits zahlreiche Unterstützer hinter sich haben.

Jérôme Champagne (Frankreich)

Der 57-Jährige hat am Freitag seinen Hut in den Ring geworfen. Champagne punktet als Einziger mit einem Wahlprogramm, fordert mehr Transparenz und Entwicklung, hofft unter seiner Führung auf eine „starke, demokratische, respektierte und proaktive FIFA.“ Das klingt gut, realistische Chancen auf den FIFA-Thron dürfte er aber nicht haben, weil: Champagne arbeitete bereits von 1999 bis 2010 in verschiedenen beratenden Funktionen für die FIFA, war ein enger Vertrauter des skandalumwitterten Blatter. Das sind die falschen Voraussetzungen für einen glaubwürdigen Neuanfang.

Michel Platini (Frankreich)

Bis vor kurzem der Favorit auf den höchsten FIFA-Posten – ehe eine dubiose Millionen-Zahlung von Blatter publik wurde und den ehemaligen Weltklasse-Fußballer (60) in Verruf brachte. Wie Blatter ist auch Platini derzeit suspendiert, kann daher keinen Wahlkampf bestreiten und um die Gunst der Verbände buhlen. Das muss er aber auch nicht, denn seine Reputation ist groß genug für einen klaren Wahlsieg. Sollte Platini nicht weiter gesperrt werden und den Integritäts-Check bestehen, der für derzeit gesperrte Anwärter nicht durchgeführt wird, wird er der neue FIFA-Präsident.

Prinz Ali bin Al Hussein (Jordanien)

Im internationalen Sport gilt der in Amman geborene Adlige (39), der in den USA und Großbritannien studierte, als bestens vernetzt. Er wäre ein „großartiger Präsident“, hatte ausgerechnet Platini vor der Wahl Ende Mai dieses Jahres erklärt. Der Prinz selbst sagte im September, dass er der einzige Kandidat sei, welcher „der Korruption im Weltfußball mit Mut entgegentritt.“ Aber: Prinz Ali dürfte im Februar nicht annähernd genug Stimmen zusammenbekommen, er hat nicht einmal in seinem asiatischen Kontinentalverband eine verlässliche Mehrheit hinter sich und gilt außerdem als zu farblos.

David Nakhid (Trinidad und Tobago)

David wer? Der 51-Jährige ist die große Unbekannte im Wahlkarussell. Sein Beruf als Leiter einer Fußball-Schule dürfte kaum die Qualitätskriterien für Kandidaten erfüllen. Aufgrund seines Herkunftslandes muss sich der frühere Nationalmannschafts-Kapitän zudem immer wieder Spekulationen über eine angeblich zu große Nähe zu Jack Warner, der Schlüsselfigur im FIFA-Skandal, erwehren.

Tokyo Sexwale (Südafrika)

Der 62-Jährige wurde bereits von Franz Beckenbauer als Kandidat gepriesen. „Er hat zwar eine andere, eine politische Vergangenheit, aber er kennt sich im Sport aus. Er hat den Geruch der Neutralität und deswegen glaube ich, dass er eine gute Lösung wäre“, sagte der „Kaiser“ zuletzt am Rande des Camp Beckenbauer. Sexwale, bürgerlich mit Vornamen Mosima Gabriel, war im damaligen Apartheidstaat Südafrika 13 Jahre lang zusammen mit Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela auf Robben Island inhaftiert. Derzeit leitet er eine FIFA-Beobachtungskommission für Israel und Palästina.

Seinen kometenhaften Aufstieg vom Widerstandskämpfer zum reichen Geschäftsmann verdankt Sexwale einem Mix aus viel Charisma und Geschäftssinn aber auch seiner langjährigen Zugehörigkeit zur Führungsriege des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), der Südafrika seit dem Ende der Apartheid vor über 20 Jahren regiert. Nicht wenige, die ihn kennen beschreiben ihn jedenfalls als einen geborenen Geschäftsmann, den einst nur die Umstände in den Widerstand getrieben hätten.

Dies mag auch erklären, warum der Mann, der lange als potenzieller Anwärter auf das höchste Staatsamt in Südafrika galt und dessen Ambitionen im Stillen womöglich weiterglimmen, zu einem der führenden schwarzen Geschäftsleute am Kap aufgestiegen ist. Sein Privatvermögen wird inzwischen auf  mehr als 100 Millionen Dollar geschätzt.

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