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30.05.2011

14:03 Uhr

Fifa-Präsident Joseph Blatter

Warum die Macht mit ihm ist

VonIngmar Höhmann

Joseph Blatter beherrscht das Machtspiel im Weltfußball wie kein anderer. Doch obwohl sein Image angekratzt ist, immer wieder Korruptionsvorwürfe aufkommen, hat er keine Konkurrenz zu fürchten. Ein Erklärungsversuch.

"Napoleon" und sein Reich: Sepp Blatter. Quelle: dpa

"Napoleon" und sein Reich: Sepp Blatter.

ParisJoseph Blatter hat es nicht leicht: Der Präsident des Fußballweltverbands wird regelmäßig in den Medien wahlweise der Korruption, der Geldgier oder des Machtmissbrauchs angeklagt. Kurzzeitig schien es, als ob nun sogar die Fifa das Vertrauen in ihren eigenen Chef verloren hätte. Sie leitete gegen Blatter eine Ermittlung wegen Bestechungsverdacht ein - und das fünf Tage vor den Präsidentschaftswahlen. Doch die Freude seiner Gegner währte nicht lang: Die Kommission sprach Blatter frei. Stattdessen suspendierte der Verband seinen Gegenkandidaten, den Präsidenten der asiatischen Konföderation, Mohamed bin Hammam. Für viele ist das nur ein Beleg mehr dafür, dass unter Blatters Regime die ehrliche Tour die Ausnahme geworden ist.

Doch der kleine Schweizer ist Gegenwind gewohnt. Auch wenn er außerhalb seiner Welt nicht gerade beliebt ist, innerhalb der Fifa zieht er die Fäden. Zwölf Jahre ist er bereits im Amt - aber der Ruhestand ist für ihn kein Thema. "Ich werde so lange weitermachen wie ich kann", sagte er vor kurzem dem Schweizer Fernsehsender TSR. "Aufhalten kann mich nur Gott oder der Fifa-Kongress." Zumindest vor Zweiterem braucht Blatter keine Angst zu haben: Nachdem der einzige Herausforderer ausgeschaltet ist, gerät seine Wiederwahl am Mittwoch zur Formsache.

Chronologie Bestechungsaffäre Fifa Stand 30.5.2011

18. November 2010

Sechs Funktionäre werden von der FIFA mit Strafen belangt. Die Ethikkommission schließt Adamu für drei Jahre von allen Aktivitäten im Fußball aus, Temarii für ein Jahr. Beide dürfen bei den WM-Vergaben nicht abstimmen. Vier ebenfalls ins Visier geratene ehemalige Offizielle werden ebenfalls gesperrt. „Alle Zweifel sind ausgeräumt“, sagt FIFA-Chef Joseph Blatter.

20. Oktober 2010

Die Exekutivmitglieder Reynald Temarii (Tahiti) und Amos Adamu (Nigeria) werden von der FIFA wegen Korruptionsverdachts vorläufig suspendiert. Sie sollen bereit gewesen sein, ihre Stimmen bei der Vergabe der WM 2018 und 2022 zu verkaufen.

29. November 2010

Neue Bestechungsvorwürfe gegen drei weitere Exekutivmitglieder: Ricardo Texeira (Brasilien), Nicolás Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun). Die Verfehlungen des Trios sollen schon einige Jahre zurückliegen. „Der Schaden für den Ruf der FIFA ist sehr groß“, sagte Claudio Sulser, Chef der Ethikkommission.

2. Dezember 2010

Die FIFA vergibt die nächsten Weltmeisterschaften nach Russland (2018) und Katar (2022). Beide Länder sind erstmals Veranstalter einer Endrunde.

6. Dezember 2010

Die Wahl Katars gerät immer mehr ins Zwielicht, wiederum tauchen Bestechungsvorwürfe auf. FIFA-Vizepräsident Julio Grondona soll laut einem Bericht als Chef des argentinischen Fußball-Verbandes AFA etwa 59 Millionen Euro aus Katar erhalten haben. Vizepräsidenten-Kollege Julio Grondona verweigert einen Kommentar dazu: „Ich sage nichts dazu. Ich bin fast 80 Jahre alt. Ich will mich deshalb nicht mehr mit so etwas befassen.“

8. Dezember 2010

Blatter meint: „Wir müssen unser Image verbessern.“

4. Februar 2011

Der Einspruch von Adamu und Temarii gegen die Sperren wird von der FIFA-Berufungskommission abgelehnt.

10. Mai 2011

Der frühere englische Verbandschef David Triesman beschuldigt das FIFA-Quartett Teixeira, Leoz, Vize Jack Warner (Trinidad und Tobago) und Worawi Mukudi (Thailand) unlautere Forderungen vor den WM-Vergaben gestellt zu haben. Der Weltverband will den Vorwürfen nachgehen.

25. Mai 2011

Nun muss sich auch Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam vor der einberufenen Ethikkommission verantworten. Es soll um Bestechungsvereinbarungen bei einem Treffen der Karibischen Fußball-Union vom 10. und 11. Mai gehen. Ins Visier gerät auch FIFA-Vizepräsident Jack Warner (Trinidad & Tobago). Belastungszeuge ist Exekutivkomitee-Mitglied Chuck Blazer (USA).

27. Mai 2011

Die Ethikkommission nimmt Ermittlungen gegen FIFA-Präsident Blatter auf. Bin Hammam wirft dem Schweizer Amtsinhaber vor, von angeblichen Zahlungen an FIFA-Mitglieder aus der Karibik gewusst, aber zunächst nichts dagegen unternommen zu haben.

28. Mai 2011

Bin Hammam zieht seine Kandidatur für das Präsidentenamt überraschend zurück.

29. Mai 2011

Bin Hammam und Warner werden wegen Korruptionsverdachts für zunächst 30 Tage suspendiert. Sie sollen beim Treffen der Karibischen Fußball-Union versucht haben, für die Wahl des Katarers bin Hammam Stimmen zu kaufen.

30. Mai 2011

Warner erhebt neue Anschuldigungen gegen Blatter. Der habe dem Kontinentalverband Nord- und Mittelamerika/Karibik (CONCACAF) ein „Geschenk“ von einer Million Dollar zukommen lassen, um das Geld „nach eigenem Ermessen“ zu verwenden.

Eigentlich sollte man denken, ein Mann, der früher als Pressechef gearbeitet hat, könne in der Öffentlichkeit eine gute Figur abgeben. Doch um Blatters Ruf steht es nicht zum Besten, jede Aktion wird kritisch hinterfragt. Hilfsprogramme wie "Football for Hope" oder "Football for Health" verunglimpfen seine Gegner als billige Marketing-Schachzüge. "Man kann sich selbst nur als Gutmensch verkaufen, wenn kein negatives Vorurteil in der Welt ist", sagt Peter Rohlmann, Chef des Beratungsunternehmens PR Marketing in Rheine. "Wer einmal ein schlechtes Image hat, kann selbst nur noch wenig tun. Fremde müssten Blatter Integrität attestieren. Von Außen aber kommt wenig Hilfe."

Doch wie kommt es, dass der bedeutendste Sportfunktionär der Welt so ins Zwielicht geraten ist - und gleichzeitig keine Probleme zu haben scheint, sich an der Spitze zu halten? Kritiker machen das "System Blatter" dafür verantwortlich, das der Schweizer über Jahrzehnte aufgebaut habe. "Es ist der Eindruck entstanden, dass Mitarbeiter, die zu mächtig wurden, regelmäßig mit diplomatischem Geschick weggelobt oder deren Ausscheiden mit großzügigen Aufhebungsverträgen versehen wurde, damit im Nachhinein keine Klagen kommen", sagt Rohlmann. "Allerdings weiß nur der interne Zirkel, wie das System genau funktioniert. Und Fakt ist auch: Blatter ist noch nirgends gerichtlich verurteilt worden. Der Grund ist schlicht, dass es nie zu einem Urteil gekommen ist - und immer rechtzeitig Vergleiche geschlossen worden sind."

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