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04.12.2015

20:29 Uhr

Fifa-Reform

Fußball-Weltverband sieht sich auf Kurs

Für die Fifa nun die Überzeugungsarbeit bei den nationalen Verbänden. Die könnten das Reformpaket noch stoppen. Die hartnäckigen Korruptionsermittlungen der US-Justiz spielen angeblich keine Rolle.

Der Fifa-Interimschef sieht den Fußballweltverband auf einem guten Weg - trotz scharfer Töne von Seiten der US-Justiz. ap

Issa Hayatou

Der Fifa-Interimschef sieht den Fußballweltverband auf einem guten Weg - trotz scharfer Töne von Seiten der US-Justiz.

Zürich/WashingtonTrotz der deutlichen Warnung aus den USA und der neuen Anklagewelle gegen Fußball-Funktionäre sieht die Fifa ihre als revolutionär deklarierten Reformpläne nicht beschädigt. Im Gegenteil. Am Tag nach der Festnahme von zwei weiteren Vizepräsidenten kurz vor dem Votum des Exekutivkomitees für ein umfangreiches Erneuerungskonzept lautete die Botschaft aus dem Hauptquartier des Weltverbandes: Die Reformen sind die richtige Antwort und wichtiger denn je.

Von einem Nackenschlag oder getrübtem Reformeifer wollte man in der Administration in Zürich nichts wissen. „Es ist der Beginn eines Kulturwandels“, hatte der umstrittene Interimschef Issa Hayatou die Haltung vorgegeben. Das internationale Echo auf die Schweizer Festnahmen, US-Ermittlungen und Reformentscheidungen war aber deutlich: Die Fifa steht wieder am Pranger.

„Die Fifa zeigt zum x-ten Male, wie sie vom Wandel spricht, ohne überhaupt zu wissen, was das heißt. Die Exekutive, oder was davon übrig bleibt, debattiert einen ganzen Tag über Transparenz, Altersgrenzen und neue Regeln, aber dann findet sie sich mit der Realität konfrontiert“, schrieb die italienische Zeitung „La Stampa“.

Auch aus England kam ein kritisches Urteil: „Die neuen Festnahmen bei den Fifa-Ermittlungen sind ein dramatisches neues Kapitel in der Erzählung über das verfaulte Herz des Fußballs. Die Rollenbesetzung in der jüngsten Phase in den Korruptionsermittlungen gegen den Weltverband war eine andere, aber das Thema hat sich kein bisschen geändert“, konstatierte der „Guardian“.

Fifa: Filmreife Razzia gegen Fußball-Funktionäre

Fifa

Filmreife Razzia gegen Fußball-Funktionäre

In bester Lage am Zürichsee liegt das Luxushotel Baur au Lac. Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres werden dort führende Fifa-Funktionäre festgenommen. Die Szenen im Morgengrauen sind filmreif.

Passend dazu kündigte der derzeit suspendierte Fifa-Chef Joseph Blatter am Freitag ein weiteres Mal seine Rückkehr ins Amt an. „Es wäre mein Wunsch, beim außerordentlichen Kongress am 26. Februar, den ich selbst aufgestellt habe, dabei zu sein. Und zwar in einer Führungsposition“, sagte Blatter in einem Interview der Schweizer Sportinformation Si. Der 79-Jährige versicherte: „Ich bin ein suspendierter Präsident, aber nicht ein isolierter Präsident.“

In England wurden indes erste Stimmen laut, die Fifa solle die Verbände aus Süd- und Mittelamerika suspendieren, ähnlich dem Leichtathletik-Schicksal Russlands wegen der Dopingvorwürfe. Dieser radikale Schritt gilt derzeit als ausgeschlossen. Möglich wäre er nur durch ein Votum mit Dreiviertel-Mehrheit im Fifa-Kongress. Die Fifa-Vizepräsidenten Juan Ángel Napout und Alfredo Hawit wurden einen Tag nach ihrer Festnahme von der Ethikkommission für 90 Tage suspendiert.

Unterstützung für ihre Reformbemühungen bekam die Fifa von einer langjährigen Kritikerin. „Das ist schon sehr weitgehend über das hinaus, was bisher in den vergangenen drei bis vier Jahren an Änderungen stattgefunden hat“, sagte Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International dem TV-Sender Sky.

Fifa: Eine Chronologie zum Korruptionsskandal

2. Dezember 2010

Die Fifa vergibt die WM-Turniere 2018 und 2022 an Russland beziehungsweise Katar. Kurz vor der Abstimmung werden sechs Mitglieder des Exekutivkomitees gesperrt. Die britische Zeitung Sunday Times hatte aufgedeckt, dass sie ihre Stimmen zum Kauf angeboten hatten.

1. Juni 2011

Der Schweizer Joseph S. Blatter wird zum vierten Mal zum Fifa-Präsidenten gewählt und installiert eine Reformagenda. Wenige Wochen vor Blatters erneuter Wahl leitet der Verband eine Untersuchung aufgrund angeblicher rechtswidriger Zahlungen in die Wege.

23. Juni 2011

Mohamed bin Hammam, ehemaliger Präsident des asiatischen Kontinentalverbandes (AFC) und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, wird wegen nachgewiesener Korruption lebenslang gesperrt.

30. April 2013

Die Ethikkommission bestätigt, dass Ex-Fifa-Boss Joao Havelange und die einstigen Exekutivkomitee-Mitglieder Ricardo Teixeira und Nicolas Leoz illegale Zahlungen der Sport-Marketing-Firma ISL angenommen haben.

6. Mai 2013

Chuck Blazer, ehemaliger CONCACAF-Generalsekretär, wird von der Ethikkommission gesperrt.

17. Dezember 2014

Der ehemalige US-Bundesanwalt Michael Garcia tritt als Chefermittler der Fifa zurück. Der Amerikaner reagiert damit auf die Ablehnung seines Einspruchs gegen die Auswertung seiner Untersuchung der Korruptionsvorwürfe bei der WM-Vergaben 2018 und 2022. „Meine Rolle in diesem Prozess ist zu Ende“, sagt Garcia und bemängelte „fehlende Führung in der Fifa in diesen Fragen“.

27. Mai 2015

Kurz vor Beginn des Fifa-Kongresses in Zürich nimmt die Schweizer Polizei sieben hochrangige Funktionäre fest. Darunter sind auch die beiden Vizepräsidenten Jeffrey Webb (Kaimaninseln) und Eugenio Figueredo (Uruguay). Zudem werden Jose Maria Marin, Costas Takkas, Eduardo Li, Julio Rocha und Rafael Esquivel verhaftet. Den sieben Festgenommenen, die in die USA ausgeliefert werden sollen, werden Geldwäsche, die Annahme von Bestechungsgeldern sowie Korruption bei WM-Vergaben und TV-Rechten vorgeworfen.

29. Mai 2015

Blatter wird zum fünften Mal zum Präsidenten gewählt: Er erhält 133 Stimmen, sein einziger Gegenkandidat Prinz Ali bin Al Hussein 77.

2. Juni 2015

Der umstrittene Präsident Joseph S. Blatter stellt sein Amt für Neuwahlen bei einem außerordentlichen Kongress zur Verfügung. „Ich habe hart für Veränderungen und Reformen gekämpft. Aber ich kann das nicht alleine machen“, sagt er.

17. September 2015

Blatters rechte Hand, Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke, wird von allen Aufgaben entbunden. Er soll vom Ticketverkauf für Weltmeisterschafts-Endrunden persönlich profitiert haben.

25. September 2015

Die Schweizer Justiz-Behörden eröffnen ein Ermittlungsverfahren gegen Blatter. Ihm wird unter anderem „eine treuwidrige Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken im Februar 2011 zu Lasten der Fifa“ an Uefa-Präsident Michel Platini vorgeworfen. Platini, der zu diesem Zeitpunkt noch als Thronfolger Blatters gilt, betont, es habe sich um eine legale Zahlung gehandelt, und er habe nichts falsch gemacht.

2. Oktober 2015

Die einflussreichen Fifa-Sponsoren Coca-Cola, Visa und McDonald's fordern Blatter auf, mit sofortiger Wirkung zurückzutreten. Der Schweizer winkt ab und hält an seinem Plan fest, dass sein Nachfolger im Februar 2016 gewählt wird.

8. Oktober 2015

Blatter, Platini und Valcke werden von der Ethikkommission vorläufig für 90 Tage suspendiert. Der ehemalige südkoreanische Fifa-Vize-Präsident Chung Mong-Joon wird zeitgleich für sechs Jahre gesperrt. Blatter soll gegen den Ethikcode verstoßen haben. FIFA-Vizepräsident Issa Hayatou (Kamerun) übernimmt interimsweise Blatters Amtsgeschäfte.

24. November 2015

Die Ethik-Kommission beantragt eine lebenslange Sperre für Platini. Einen entsprechenden Antrag bestätigt der Anwalt des Franzosen.

3. Dezember 2015

Im Vorfeld der Sitzung des Exekutivkomitees in Zürich verhaftet die Polizei auf Antrag der US-Justiz zwei weitere hochrangige Funktionäre. Erneut geht es um organisiertes Verbrechen, Geldwäsche und Betrug. „Die hochrangigen Fifa-Funktionäre sollen diese Gelder als Gegenleistung für den Verkauf von Vermarktungsrechten im Zusammenhang mit der Austragung von Fußballturnieren in Lateinamerika und von WM-Qualifikationsspielen erhalten haben“, teilt das Schweizer Bundesamt für Justiz mit.

15. Dezember 2015

Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach erinnert sich laut der Befragungsprotokolle zur dubiosen Zahlung von 6,7 Millionen Euro des DFB an die Fifa, dass Beckenbauer ihm 2002 nach Blatters Wiederwahl gesagt habe: "Der ist auch mit meinen Geld gewählt worden." Ähnlich soll sich auch der ehemalige DFB-Vize-Generalsekretär Stefan Hans geäußert haben.

21. Dezember 2015

Die rechtsprechende Kammer der Ethikkommission spricht ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für acht Jahre gesperrt. Der Vorwurf lautet Untreue und Amtsmissbrauch.

Die Vereinigung der europäischen Proficlubs fühlt sich hingegen übergangen. „Die Reformvorschläge zeigen, dass die ECA Recht hatte zu glauben, dass ein Reformprozess von innen kein nachhaltiges Regierungs-Modell liefern kann, das dem 21. Jahrhundert gerecht wird“, teilte die ECA in einer Stellungnahme mit und schickte eine Warnung an die Fifa: „Die Vereine sind nicht bereit, weiter ignoriert zu werden.“ Im Reformkonstrukt mit einem neuen Council und mehr Macht für den Generalsekretär haben externe Fußball-Institutionen wie die ECA oder die Spielergewerkschaft Fifpro keine direkte Einbindung.

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