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28.05.2015

11:36 Uhr

Fifa-Skandal

Blatter geht auf Tauchstation

Fifa-Boss Blatter will seinen Zeitplan durchboxen. Doch die Zahl der Gegner, die seine Wiederwahl verhindern wollen, wächst. Nun sagt Blatter überraschend einige Auftritte ab. Wie lange hält sich der Fußball-Patron noch?

Jack Warner stellt sich

Bringen seine Aussagen Blatter zu Fall?

Jack Warner stellt sich: Bringen seine Aussagen Blatter zu Fall?

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New York/Zürich/Berlin/WarschauFifa-Präsident Joseph Blatter hat am Donnerstagmorgen nicht wie geplant den Medizin-Kongress des Fußball-Weltverbandes besucht. Ursprünglich hatte der 79-Jährige bei der seit Mittwoch laufenden Veranstaltung eine Begrüßungsansprache halten sollen. Nach den dramatischen Entwicklungen mit der Festnahme und Suspendierung mehrerer Top-Funktionäre wegen Korruptionsverdachts in Zürich wurde der Termin von Blatter kurzfristig abgesagt.

Einen Auftritt Blatters beim Treffen der europäischen Fußball-Verbände am frühen Nachmittag in einem Hotel in Zürich wird es nach dpa-Informationen ebenfalls nicht geben. Erster offizieller Termin des Schweizers sei die Kongresseröffnung um 17 Uhr in einem Theater in Zürich, hieß es.

Die Uefa-Spitze hatte am Mittwoch eine Verschiebung der für Freitag geplanten Präsidentschaftswahlen zwischen Blatter und seinem Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein gefordert und sogar einen Boykott nicht ausgeschlossen. Üblicherweise besucht der Fifa-Chef alle Konföderationssitzungen vor einem Kongress.

Bei dem Uefa-Meeting vor dem Kongress 2014 in Sao Paulo war es dabei erstmals zu einem offen ausgetragenen Disput zwischen Blatter und führenden Uefa-Funktionären gekommen. Blatter hatte dies später als schlimmste Brüskierung seiner Laufbahn bezeichnet.

Und auch jemand anderes fühlt sich brüskiert: der russische Präsident Wladimir Putin. Laut Nachrichtenagentur AFP erklärte Putin am Donnerstag, durch die Ermittlungen wollten die USA lediglich die Wiederwahl Blatters verhindern. In Russland wird die Weltmeisterschaft 2018 ausgetragen. Die Vergabe war hoch umstritten, Russland Blatters Favorit. Die WM-Vergabe ist allerdings Teil der Ermittlungen der Schweizer Behörden, nicht der US-amerikanischen.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Am Mittwoch hatte Blatter wegen der aktuellen Enthüllungen der US-Justiz um jahrelange Korruption im nord- und südamerikanischen Fußball unter Beteiligung von Fifa-Funktionären auch die Teilnahme an der Sitzung der südamerikanischen Konföderation CONMEBOL abgesagt.

Kommentare (25)

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Sergio Puntila

28.05.2015, 07:48 Uhr

Weitaus schwieriger dürften sich Probleme darstellen, die einem Blatter-Patronat folgen dürften.

Herr Paul Rimmele

28.05.2015, 07:49 Uhr

Alles hat seine Zeit!
Für Herrn Blatter und viele seiner Weggefährten ist sie abgelaufen.
Dass allerdings die USA hier die treibende Kraft sind ist nicht gut. Der "Welltpolizist" Nr. 1
sollte mal lieber bei sich für Ordnung sorgen; da gibts soviel zu tun, das reicht für Jahrhunderte.

Herr Hasso aus der Bronx

28.05.2015, 08:29 Uhr

Nur die USA waren zu so einem Schritt in der Lage.
Warum eigentlich, warum haben nicht längst die Schweizer- oder andere Europäische Regierungemn eingegriffen?
Warum hat dieser Miliarden-Konzern FIFA den Status der Gemeinnützigkeit?
Doch nur weil selbst Regierungen von dessen Geldsegen profitieren.
Und, nicht zu vergessen, das Fußvolk um Blatter herum; seine Wasserträger, die nach Qatar reisen und keine Sklaven sehen :)
Aber: alles hat seine Zeit!

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