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28.05.2015

17:56 Uhr

Fifa-Skandal

„Es werden mehr schlechte Nachrichten kommen“

Fifa-Boss Sepp Blatter will sich trotz des jüngsten Korruptions-Skandals am Freitag erneut zum Präsidenten wählen lassen. Damit riskiert er eine Spaltung des Weltfußballverbandes. Denn die Uefa droht mit einem Austritt.

Korruption in der Fifa?

Blatter: „Ich kann nicht jeden die ganze Zeit kontrollieren“

Korruption in der Fifa?: Blatter: „Ich kann nicht jeden die ganze Zeit kontrollieren“

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ZürichSeit zwei Tagen war er abgetaucht, doch zur Eröffnungsrede des Fifa-Kongresses war Sepp Blatter zur Stelle. Der 79-Jährige wirkte am Rednerpult angespannt, aber inhaltlich war er ganz der Alte. So sagte er mit Blick auf die 209 Fahnenträger der Fifa-Mitgliedsländer – natürlich alle im schwarz-weißen Adidas-Trainingsdress: „Schauen Sie sich unsere Fahnen an – es sind mehr als bei den Vereinten Nationen“.

Wer Anzeichen von Reue oder der Übernahme von Verantwortung erwartet hatte, der wurde enttäuscht. „Einige wenige Individuen haben durch ihre Handlungen einen Schatten auf den Fußball geworfen“, sagte Blatter. „Und einige wollen mich persönlich dafür verantwortlich machen. Aber ich kann nicht jeden die ganze Zeit überwachen“, entschuldigte er sich.

Im Fußball gäbe es eben Korruption – wie im Rest der Gesellschaft. „Es werden in den kommenden Monaten wohl noch mehr schlechte Nachrichten kommen“, orakelte der Fifa-Präsident. Nun müsse die Fifa durch ihre Entscheidungen am Kongress den ersten Schritt machen, um das verloren gegangene Vertrauen wieder zu gewinnen.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Und eine dieser Entscheidungen soll offenbar sein, Sepp Blatter ein weiteres Mal an die Spitze des Weltfußballverbandes zu wählen.

Uefa-Präsident Michel Platini hat für den Fall eines Wahlsiegs von Fifa-Chef Joseph Blatter einen Rückzug der europäischen Mannschaften aus allen Fifa-Wettbewerben nicht ausgeschlossen. Bei einer Sondersitzung rund um das Champions-League-Finale in Berlin werde man in der kommenden Woche „alle Möglichkeiten ins Auge fassen“, sagte der Franzose am Donnerstag in Zürich.

Uefa spricht Klartext

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Eine weitere Option ist laut Platini offenbar ein kollektiver Austritt der europäischen Mitglieder aus dem Fifa-Exekutivkomitee. „Wenn wir diese Abstimmung nicht gewinnen, dann treffen wir uns mit allen Generalsekretären und Präsidenten beim Champions-League-Finale in Berlin. Je nach Ausgang der Wahl werden wir sehen, ob wir dabei sind oder nicht im Exko.“

Der Engländer David Gill hatte bereits angekündigt, seinen Platz in der Fifa-Exekutive bei einem Blatter-Sieg nicht einzunehmen. DFB-Chef Wolfgang Niersbach wollte sich diesbezüglich noch nicht festlegen. „Das ist ein Abwägen: Boykottiert man etwas oder geht man ins Exko rein und hat die Chance auch wirklich etwas zu verändern“, sagte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes am Donnerstag in Zürich.

Zuvor hatte Platini hat den umstrittenen Fifa-Boss zum Rücktritt aufgefordert. „Ich habe ihm gesagt: 'Bitte verlasse die Fifa. Lass es sein'“, berichtete der Franzose am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Zürich von der Unterredung mit Blatter.

„Es wäre ein Zeichen von Größe gewesen. Fußball ist wichtiger als Personalien, aber er hat gesagt: 'Es ist zu spät. Ich kann nicht aufhören, nicht zu Beginn dieses Kongresses.'“ Platini gilt als großer Unterstützer von Blatter-Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein. Die Uefa werde zum „allergrößten Teil“ für den Jordanier stimmen, erklärte er.

Entgegen den ursprünglichen Überlegungen wird die Europäische Fußball-Union den Fifa-Kongress nicht boykottieren und will bei der Präsidentschaftswahl am Freitag zu großen Teilen für den einzigen verbliebenen Blatter-Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein votieren. Das teilten mehrere Uefa-Mitglieder am Donnerstag mit.

Blatters Wahl zu seiner fünften Amtszeit wird dadurch allerdings kaum gefährdet werden. Schließlich ist ihm die Unterstützung aller Kontinentalverbände, außer der Uefa, sicher. Alle Fußballnationen sind gleichberechtigt und dürfen je eine Stimme bei der geheimen Wahl am Freitag abgeben. Die in der Wahrnehmung mächtige Uefa (53 Mitglieder) kann bei der Wahl also leicht überstimmt werden.

Kommentare (11)

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Herr Kurt Küttel

28.05.2015, 16:11 Uhr

Und nächste Woche stellen wir fest das alles beim alten ist.

Herr never mind

28.05.2015, 16:38 Uhr

die Wahl sollte wie geplant stattfinden. Und wenn Blatter wieder gewählt wird wissen wir alle was die FIFA wirklich wert ist und welche Werte die FIFA verteidigt.

Herr Kurt Küttel

28.05.2015, 16:40 Uhr

Wenn die UEFA und der DFB Eier in er Hose hätten (bzw. deren Vertreter) dann wären sie schon längst ausgetreten. Welchen Wert hat eine WM 2022 ohne europäische Teilnehmer? Das würde Raum für eine zusätzliche EM schaffen!

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