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21.12.2015

11:34 Uhr

Fifa-Urteil

Gnade für Blatter!

VonOliver Stock

Die Ethikhüter der Fifa haben die Ära Blatter beendet. „Richtig so!“ heißt es vielerorts. Dabei hat auch der gesperrte Fifa-Präsident eine faire Beurteilung verdient. Die Welt verweigert sie ihm jedoch. Ein Kommentar.

Fifa-Boss im Wortlaut

Blatter: „Acht Jahre gesperrt - wofür?“

Fifa-Boss im Wortlaut: Blatter: „Acht Jahre gesperrt - wofür?“

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Acht Jahre Sperre für Sepp Blatter und Michel Platini? Für den 79jährigen Blatter bedeutet das vielleicht „lebenslang“. Das „Richtig so!“ zu diesem Urteil der Fifa geht uns aber viel zu schnell über die Lippen.

Auch ein Sepp Blatter hat einen fairen Prozess verdient. Dazu gehört: Für Blatter gilt die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen ist. Und das ist es bisher nicht. Der Druck, den seine Gegner entfachen und damit diese Grundregel jedes Rechtsstaates einfach ignorieren, ist beschämend.

Der Vorverurteilte hat auch eine Habenseite auf seinem Lebenskonto. Als Blatter 1998 an die Spitze der Fifa gelangte, saß der Verein auf 20 Millionen Franken Schulden. Inzwischen sind daraus 1,5 Milliarden Dollar Plus geworden.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Das ist eine unternehmerische Leistung, für die wir jedem anderen Unternehmenschef auf die Schulter klopfen würden. Blatter hat Länder in seine Organisation geholt, die anderswo am Katzenzisch sitzen.

Vertreter aus Afrika, aus Asien, aus Südamerika haben den Einfluss gewonnen, der ihnen zusteht. Klar, dass diejenigen, die deswegen an Einfluss verloren haben, sauer sind: Deutschland zum Beispiel.

Blatter hat den Verein Fifa in Höhen geführt, die ohne ihn nicht zu erklimmen gewesen wären. Regierungschefs, Kirchenführer, Filmstars: Sie alle ließen sich nur zu gern mit dem charmanten Chef der weltgrößten Nicht-Regierungsorganisation ablichten. Bis die Amerikaner kamen.

Handelsblatt in 99 Sekunden

Der Umgang mit Blatter ist beschämend!

Handelsblatt in 99 Sekunden: Der Umgang mit Blatter ist beschämend!

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Natürlich hat der Mann in seiner 17-jährigen Laufbahn an der Spitze des Weltfußballverbandes Fehler gemacht. Er hat vor offensichtliche Korruption in seinen eigenen Reihen die Augen geschlossen. Er hat sich nicht glaubwürdig als Vorreiter für Transparenz inszeniert – nur: Er sah dafür auch keine Veranlassung: Die Fifa hantiert weder mit dem Geld von Steuerzahlern noch von Anlegern.

Blatter nach Fifa-Sperre: „Ich werde kämpfen – für mich, für die Fifa“

Blatter nach Fifa-Sperre

„Ich werde kämpfen – für mich, für die Fifa“

Dieses Urteil beendet zwei Karrieren: Fifa-Chef Blatter und Uefa-Präsident Platini sind von den Ethikhütern der Fifa für acht Jahre gesperrt worden. Blatter sieht sich als „Punchingball“ – und geht gegen das Urteil vor.

Ich bin der Meinung: Die Ära Blatter ist vorbei. Sie ist es in Wahrheit schon seit zwei, drei Jahren. Sepp Blatter ist ein Patriarch, der sein Lebenswerk nicht aus der Hand geben will. Er ist stur und beim Festhalten an scheinbar Bewährtem unterlaufen ihm Fehler. Ein Ferdinand Piëch oder eine ehemalige Größe wie Siemens-Chef Heinrich von Pierer hätten für diese Schwäche in einer stillen Stunde vermutlich Verständnis.

Kommentare (10)

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Herr Heinz Keizer

21.12.2015, 12:18 Uhr

"Blatter hat den Verein Fifa in Höhen geführt,"

in die ein Verein nicht gehört. Blatter und seine "Mitstreiter" waren und sind völlig abgehoben. Die Fifa und ihre Ethikhüter sind kein staatliches Gericht, vor dem die Unschuldsvermutung gilt. Vereinsgremien, in letzter Konsequenz die Mitglieder, können einen Vorstand sogar ohne Gründe abberufen. Die finanzielle Entwicklung der Fifa und des Fussballsports insgesamt sehe ich eher negativ. Wenn das alles noch nachvollziehbar wäre, ginge es ja vielleicht noch. Wenn jedoch Millionenzahlungen fließen, ohne das es dafür wirkliche Nachweise gibt, ist das sehr bedenklich. Dafür soll ein Vorstand keine Verantwortung haben?

Herr Josef Steiner

21.12.2015, 12:34 Uhr

Gnade für Blatter !

WARUM ?

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr J.-Fr. Pella

21.12.2015, 12:44 Uhr

Wie sagt der Volksmund:
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
Übrigens Herr Gabriel:
Hier wäre die Bezeichnung Pack durchaus angebracht.
Aber Sie haben diese Vokabel ja schon anderweitig mißbraucht.

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