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27.04.2015

15:52 Uhr

Fragen im Fußball

Von Zensur, hohlen Antworten und Überwachung

Unbequeme Fragen sind in der Fußball-Bundesliga oft unerwünscht. Spitzenclubs wollen den Journalisten in kritischen Situationen manchmal sogar einen Maulkorb verpassen. Das zahlt sich auf lange Sicht nicht aus.

Der scheidende BVB-Trainer Jürgen Klopp (rechts) mit seinem Nachfolger Thomas Tuchel: Borussia Dortmund gab sich bis zum Ende bedeckt. Reuters

Geheime Gespräche?

Der scheidende BVB-Trainer Jürgen Klopp (rechts) mit seinem Nachfolger Thomas Tuchel: Borussia Dortmund gab sich bis zum Ende bedeckt.

BerlinBorussia Dortmund hat sich bis zum Saisonende jegliche Nachfragen zum neuen Trainer Thomas Tuchel verbeten, die Bayern gingen noch restriktiver vor. Mehrfach fiel der Sprecher des besten deutschen Fußballclubs bei einer Pressekonferenz vergangene Woche den Journalisten ins Wort, die Trainer Pep Guardiola zum überraschenden Rücktritt von Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt befragen wollten.

„Für Fußballvereine ist es im Vergleich zu anderen Unternehmen oft schwieriger, das richtige Maß der Offenheit und Transparenz herzustellen“, sagt Holger Schramm, Professor für Medien- und Wirtschaftskommunikation an der Universität Würzburg.

Bundesligaclubs seien wegen des enormen Fußballinteresses in der Gesellschaft permanent – nicht nur in Krisen- und Erfolgszeiten – Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Die Erwartung der Medien sei deshalb, „dass auch täglich transparent Rede und Antwort gestanden wird“.

Dieser hohen Erwartungshaltung wollen die Vereine nicht mehr ständig entgegenkommen. „Heute gibt Bayern-Trainer Pep Guardiola nicht einmal mehr Interviews. Trainer werden in der Kabine vom eigenen Verein überwacht“, beklagte Trainer-Routinier Peter Neururer diese Woche in der „Sport Bild“.

Phrasen und Plattitüden der Fußball-Profis

Die Fußballersprache

Die Protagonisten im Profifußball stehen heute in der Öffentlichkeit wie nie zuvor. Kein Wunder, dass sie im Zeitalter von Facebook, Twitter und Youtube oft nur noch Phrasen von sich geben. Vor allem die Spieler wissen genau, was sie vor Kameras und Mikrofonen sagen dürfen und sollen. Und was zu Problemen und Geldstrafen führen könnte. Die Deutsche Presse-Agentur hat einige gängige Sätze aus den verbalen Baukästen der Fußballer gesammelt (und was damit eigentlich gemeint ist).

„Wir denken nur von Spiel zu Spiel“

Heißt meistens: Wir dürfen nicht über große Ziele reden, das haben der Trainer und Manager verboten, damit sie es nicht eines Tages um die Ohren bekommen.

„Im Fußball kann alles passieren.“

Heißt meistens: Wir haben überhaupt keine Chance, aber das dürfen wir nicht sagen.

„Wir haben Respekt, aber keine Angst.“

Heißt meistens: Wir denken lieber nicht darüber nach, wie stark der nächste Gegner ist.

„Wir haben uns nicht belohnt.“

Heißt meistens: Wir waren zu dämlich, aus unseren Chancen etwas zu machen.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Heißt meistens: Beim Blick auf die Tabelle würden wir tot umfallen.

„Die Mannschaft hat die Qualität.“

Heißt meistens: Warum sie diese nicht umsetzen kann, da müssen sie jemand anderen fragen.

„Ich wollte der Mannschaft helfen.“

Heißt meistens: Mein Trainer hasst Starallüren, deshalb sage ich lieber nicht, dass ich heute eigentlich der Größte bin.

„Wir sind nicht gut in die Zweikämpfe reingekommen.“

Heißt meistens: Der Trainer hat uns vorher in den Hintern getreten, aber irgendwie hat es nichts genutzt.

„Wir haben nicht viel zugelassen.“

Heißt meistens: Der Gegner hat ja vorne nicht viel zu bieten gehabt.

„Die Fans haben uns toll unterstützt.“

Heißt meistens: Ich werde mich hüten, jemals etwas Negatives über unsere Fans zu sagen. Das würde man dann doppelt und dreifach zurückbekommen.

„Es war keine leichte Entscheidung.“

Heißt im Managerjargon: Wir sind froh, dass wir diesen Trainer los sind, aber das kostet uns eine deftige Abfindung.

In puncto Tuchel untersagten jüngst auch der Hamburger SV, bei dem der Coach im Gespräch war, und Mainz 05 als ehemaliger Arbeitgeber Fragen nach Tuchel. Bei Werder Bremen verhängte die Sportliche Leitung ihren Spielern zuletzt einen Maulkorb nach einer Niederlage – so, wie es andere Clubs auch schon getan hatten.

Erich Laaser, Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten, hält diese Entwicklung für sehr bedenklich: „Journalisten haben eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Wenn man schon im Vorhinein bestimmte Themen verbietet, ist es schlicht Zensur“, kritisiert er.

Rechtlich allerdings machen sich die Clubs kaum angreifbar, weil sie eine andere Stellung als etwa politische Parteien haben. Fußballclubs, die ihre Profiabteilungen oft in Kapitalgesellschaften ausgliedern, sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen. „Und wie jedes andere Unternehmen haben Vereine das Recht, Fragen strategisch auszuweichen oder sie nicht zu beantworten“, betont Medienexperte Schramm. Das sei mit dem „demokratisch legitimierten Presserecht“ vereinbar. Zwar hätten Reporter die Möglichkeit, Fragen zu stellen, „aber die Vereine haben keine transparente Auskunftspflicht“.

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