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10.01.2010

08:36 Uhr

Fußball Afrika-Cup

Premierminister beordert Togo nach Hause

Togo wird trotz Bereitschaft der Spieler nicht beim Afrika-Cup antreten. "Das Team muss abreisen und nach Togo zurückkehren", erklärte Premierminister Gilbert Houngbo.

Kehrtwende: Togo spielt beim Afrika-Cup. Foto: Bongarts/Getty Images SID

Kehrtwende: Togo spielt beim Afrika-Cup. Foto: Bongarts/Getty Images

Togo trägt Trauer, die Fußball-Welt steht unter Schock - aber der Ball rollt. Fünf Monate vor dem Beginn der WM in Südafrika hat der tödliche Terroranschlag auf die togolesische Fußball-Nationalmannschaft weltweites Entsetzen ausgelöst. Unter dem Eindruck des Blutbades mit drei toten Delegations-Mitgliedern in der angolanischen Exklave Cabinda begann am Sonntagabend dennoch der 27. Afrika-Cup - ohne die in Tränen aufgelösten Spieler Togos.

Mit einem Machtwort beorderte Premierminister Gilbert Houngbo das Team nach dem verheerenden Separatisten-Angriff auf den Mannschaftsbus nach Hause. "Die Mannschaft muss abreisen und sofort nach Togo zurückkehren. Wenn Spieler oder andere Personen während der Eröffnungsfeier unter der Flagge Togos stehen, repräsentieren sie nicht unser Land", sagte Houngbo und rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Am Abend bestätigte die afrikanische Fußball-Konföderation (CAF) den Verzicht.

Spieler lenken ein

Doch nach der Anordnung des Premierministers lenkten die Spieler ein. "Wir werden definitiv nicht beim Afrika-Cup spielen, werden aus Angola ausgeflogen nach Togo. Die Maschine des Staatspräsidenten holt uns ab. In Togo werden wir alle bei der Beisetzung der Toten dabei sein", sagte Togos Nationalspieler Assimiou Toure vom Bundesligisten Bayer Leverkusen.

"Die Regierung bleibt bei ihrer Entscheidung, die Mannschaft zurückzurufen. Es ist das Beste, nicht in Angola zu bleiben. Es sind Menschen getötet worden, unser Torhüter Kodjovi Obilale liegt auf der Intensivstation", sagte Regierungssprecher und Minister Pascal Bodjona.

Der Mannschaft fuhr der Staatschef damit über den Mund. Angesichts der traumatischen Ereignisse nahe der Grenze hatten die Spieler schweren Herzens, aber fast einstimmig beschlossen, dennoch anzutreten. Trotz des Horrors, den Assimiou Toure vom Bundesligisten Bayer Leverkusen in einem Satz beschrieb: "Ich hatte Todesangst, ich konnte nur noch unter meinen Sitz springen und beten." Im Kugelhagel starben Assistenztrainer Abolo Amelete, der Pressesprecher Stanislas Ocloo und ein Busfahrer. Sieben Personen wurden verletzt.

Die furchtbaren Ereignisse werfen unterdessen einen Riesenschatten auf die WM. Die bange Frage nach der Sicherheit sorgte auch bei den deutschen Nationalspielern für Unsicherheit. "Das ist doch alles krank. Ich frage mich, wie die das mit der Sicherheit bei der WM handhaben wollen. Wir als Team werden sicherlich beschützt sein, aber was ist zum Beispiel mit den Familienangehörigen?", sagte Rene Adler der Bild am Sonntag. Der Torhüter zitterte mit seinen Leverkusener Vereinskollegen um Toure, ehe am Samstagmittag die Entwarnung kam.

Rebellen kündigen weitere Anschläge an

Abwehrspieler Toure hatte wie alle seine Mitspieler Riesenglück, mit dem Leben davongekommen zu sein. Als die Rebellen der "Front für die Befreiung der Exklave Cabinda" (Flec) aus ihren Verstecken sprangen und mit Maschinengewehren das Feuer eröffneten, kauerte der 22-Jährige minutenlang unter seinem Sitz. "Den ersten Bus haben sie völlig durchsiebt. Die dachten wohl, dass wir da drin saßen. Aber da war nur das Gepäck", berichtete Toure: "Gott sei Dank saß ich hinten in der vorletzten Reihe. Die haben vor allem auf den vorderen Teil geschossen. Wenn die Armee nicht gewesen wäre, wären wir jetzt alle nicht mehr am Leben."

Und der Schrecken geht weiter: Die Flec-Rebellen, die sich zu der Tat bekennen, kündigten weitere Anschläge auf den Afrika-Cup an. "Es wird weitergehen. Alles ist möglich", sagte der Rebellenführer Rodrigues Mingas. "Diese Nation ist im Krieg, weil Issa Hayatou (Präsident des afrikanischen Fußball-Verbandes/Anm. d. Red.) auf seinem Standpunkt beharrt. Der Anschlag hätte jeden treffen können."

Show geht weiter: Eröffnungsspiel am Abend

Dennoch muss die Show weitergehen. Sonntag traf Angola im Eröffnungsspiel auf Mali. Die afrikanische Fußball-Konföderation (CAF) erteilte Forderungen, das Turnier nach dem "Akt der Barbarei" (Togos Trainer Hubert Velud) nicht auszutragen, unmissverständlich eine sofortige Absage. Die Gruppe B wird wohl mit drei Mannschaften (Ghana, Elfenbeinküste, Burkina Faso) gespielt.

Der Fußball-Weltverband Fifa und Südafrika bemühten sich derweil zu versichern, dass der Anschlag die WM nicht tangiere. "Ich habe nach wie vor vollstes Vertrauen in Afrika und bin sicher, dass der Kontinent in der Lage ist, eine Fußball-WM zu organisieren", sagte Fifa-Präsident Joseph S. Blatter.

Auch der WM-Gastgeber reagierte gelassen. "Wir sind zu 100 Prozent bereit, das Turnier auszurichten. Spekulationen, dass der Vorfall in Angola Auswirkungen auf die WM hat, weise ich entschieden zurück", sagte Südafrikas Präsident Jacob Zuma. "Der Anschlag ist schockierend und inakzeptabel, er sollte uns aber Ansporn sein, den Terrorismus auszumerzen."

Unbehagen bei vielen Spielern

Am Unbehagen vieler Spieler ändert das nichts. "Wenn man so etwas hört, dann zuckt man zusammen und macht sich seine Gedanken", sagte Bastian Schweinsteiger: "Wenn einer Fußballmannschaft so etwas passiert, dann ist das sehr traurig und bedenklich." Mario Gomez ist davon überzeugt, "dass alles dafür getan wird, dass alle Beteiligten ein sicheres Turnier erleben werden".

Für den Afrika-Cup (bis 31. Januar) garantiert Angola unterdessen die Sicherheit aller Teilnehmer. Die Vorkehrungen insgesamt würden nach dem Vorfall "drastisch verschärft", sagte Sportminister Goncalves Muandumba: "Wir haben unsere Anstrengungen verdoppelt. Wir garantieren, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um Schutz und Unversehrtheit aller Mannschaften, Fans, Betreuer und Touristen zu gewährleisten."

Bei vielen Bundesligisten geht dennoch die Angst um. 20 Spieler, die in Deutschland unter Vertrag stehen, sind derzeit in Angola. Formal sind den Klubs zwar wegen der Abstellungspflicht der Fifa die Hände gebunden, doch bei weiteren Vorkommnissen würden die Vereine Konflikten nicht aus dem Weg gehen.

© SID

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