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01.02.2008

15:18 Uhr

Fußball Bundesliga

"Fall Webster" macht Bundesliga-Klubs Sorgen

Nachdem der Oberste Sportgerichtshof dem schottischen Profi Andy Webster in einem Transferstreit Recht gegeben hat, fürchtet die Bundesliga "verheerende Folgen" für den Fußball.

Mit einem bahnbrechenden Urteil ging der Prozess des schottischen Profis Andy Webster vor dem Obersten Sportgerichtshofs (CAS) zu Ende. Webster bekam im Streit um einen Transfer Recht und hat damit einen Stein ins Rollen gebracht, der nun auch die Bundesliga massiv bedroht. "Sollte das Urteil in dieser Form zur generellen Anwendung kommen, kann dies verheerende Folgen haben", erklärte Holger Hieronymus, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL): "Wir dürfen nicht zulassen, dass künftig Arbeitsverträge einseitig und ohne triftigen Grund aufgelöst werden dürfen. Die Entscheidung ist mit den Grundsätzen des deutschen Arbeitsrechts nicht vereinbar. Solange es keine arbeitsrechtliche Klärung gibt, wird die DFL keine internationale Freigabe erteilen."

Die Liga-Spitze analysiert mit ihren Juristen derzeit eingehend die Konsequenzen des Urteils. Im Dialog mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und im Rahmen des Verbandes der Europäischen Fußball-Ligen (Epfl) wird der Ligaverband gemeinsam an einer solidarischen Position des Fußballs arbeiten. "Im Sinne unserer Klubs werden wir alles daran setzen, damit ein wesentlicher Grundsatz erhalten bleibt: Verträge sind zu erfüllen", sagte Hieronymus.

Müller: "Die Klubs müssen am Ende bluten"

Manager Horst Heldt vom deutschen Meister VfB Stuttgart sprach den Richtern in Lausanne jegliche Praxisnähe ab: "Das haben Leute entschieden, die in der Praxis keine Ahnung haben. Die großen Vereine werden die kleinen Klubs noch mehr schlucken." Auch Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, zugleich Vorsitzender der Europäischen Klub-Vereinigung (ECA), "bedauerte" das Urteil: "Weil damit wieder einmal die Position und die Planungssicherheit der Klubs geschwächt wird." Schalkes Manager Andreas Müller meinte: "Die Klubs halten die Verträge ein und müssen am Ende bluten. Man sollte darüber nachdenken, ob man gewisse Gehaltszahlungen erst im letzten Jahr vornimmt."

Das CAS-Urteil vom Dienstag könnte ähnlich dramatische Auswirkungen auf den Profifußball haben wie im Jahr 1995 der Fall Bosman. Der Independent schrieb bereits von einem "Erdbeben". Auslöser für das Urteil war der in 2001 auf Druck der EU vom Weltverband eingeführte Artikel 17. Dieser besagt, dass ein Profi bei einem Wechsel ins Ausland seinen Kontrakt nach einer "geschützten" Laufzeit von drei (bis zum 28. Lebensjahr) oder zwei Jahren (nach dem 28. Lebensjahr) einseitig auflösen kann.

Holzhäuser: "Mich überrascht das Urteil nicht"

Nach dem CAS-Urteil im Fall Webster muss der Spieler selbst oder der aufnehmende Verein allerdings nicht - wie von der Fifa gefordert - eine hohe Konventionalstrafe, sondern lediglich das noch ausstehende Gehalt zahlen. Im Fall Webster bedeutet das: Statt der Fifa-Strafe in Höhe von 625 000 britischen Pfund (rund 840 000 Euro) muss Webster nur ein Jahresgehalt (rund 200 000 Euro) als Strafe zahlen.

Laut Bayer Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser hat die Fifa das CAS-Urteil aber selbst verschuldet und mit der Einführung des Artikels 17 ein Eigentor geschossen. "Mich überrascht das Urteil nicht. Das Problem ist der Artikel 17 selbst. Dieser wurde bar jeder Sachkenntnis und völlig ohne Not eingeführt. Aus irgendeinem Grund war man wohl der Ansicht, Spieler nicht länger als drei Jahre binden zu können", sagte Holzhäuser dem Sport-Informations-Dienst (sid).

Spieler können sich künftig "freikaufen"

Den Profis spielt das CAS-Urteil unterdessen in die Karten. So könnte sich der Berliner Marko Pantelic, dessen Drei-Jahres-Vertrag im Juni 2009 ausläuft, bei einem möglichen Transfer ins Ausland für rund 1,5 Mill. Euro "freikaufen". Normalerweise wäre der Serbe nicht für weniger als vier Mill. Euro zu haben.

Glück hatte in diesem Zusammenhang zuletzt der Hamburger SV. Denn der umworbene Mittelfeldstar Rafael van der Vaart kündigte bereits an, seinen angekündigten Abschied vom HSV keinesfalls mit Hilfe des Fifa-Paragraphen 17 erwirken zu wollen. "Das will ich nicht. Ich habe den Verantwortlichen auch bereits gesagt, dass ich das nicht tun werde", sagte der 24-Jährige.

Auch Spielervermittler sind Gewinner des Urteils

Die Fifa verwies in ihrer Reaktion auf das CAS-Urteil auf die Problematik, dass sich die Entschädigung, die ein Spieler schuldet, der seinen Vertrag ohne triftigen Grund vorzeitig auflöst, ohne Weiteres im Voraus berechnen lasse. Für das System sei dies verheerend. Die Hände reiben könnten sich wohl einzig die Spielervermittler, die ihre Klienten gewinnbringend neuen Klubs anbieten könnten.

"Deshalb müssen wir bei Vertragsabschlüssen in der Zukunft noch genauer auf den Charakter des Spielers achten", erklärte Frankfurts Vorstandsboss Heribert Bruchhagen, der nach dem CAS-Urteil bereits ein Treffen mit Klub-Anwalt Christoph Schickhardt anberaumte: "Natürlich bin ich nicht amüsiert über das Urteil. Es ist nicht schön, wenn Verträge nach zwei Jahren keinen Wert mehr haben. Welche Konsequenzen das für uns haben wird, kann ich schon erahnen. Aber wenn die Straßenverkehrsordnung geändert wird, dann muss ich mich auch danach richten", meinte Bruchhagen.

© SID

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