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22.06.2011

16:29 Uhr

Fußball-Geschäft

Die DFL bläst zum Angriff auf den Glückspielstaatsvertrag

VonMathias Peer

Die Deutsche Fußball Liga droht den Ministerpräsidenten: Sollten sie den Markt für Sportwetten nicht weiter öffnen als bislang geplant, will der Ligaveranstalter künftig Lizenzgebühren von Wettanbietern verlangen. Im Visier der DFL steht dabei vor allem das staatliche Wettunternehmen Oddset. Auf den ersten Blick wirken die Pläne absurd. Doch dahinter steckt knallhartes Kalkül.

Der Wettanbieter Oddset ist Ziel der juristischen Drohgebärde der DFL. Quelle: ap

Der Wettanbieter Oddset ist Ziel der juristischen Drohgebärde der DFL.

FrankfurtGerade einmal zwölf Seiten ist das Dokument lang, mit dem die Deutsche Fußball Liga (DFL) den neuen Glücksspielstaatsvertrag zu Fall bringen möchte. Zu lesen sind darin keine Geheimnisse: Es handelt sich um den Spielplan zur neuen Bundesliga-Saison, der alle Termine der insgesamt 306 Liga-Spiele feinsäuberlich auflistet. Normalerweise gibt dieser Fußball-Kalender nur wenig Grund zur Aufregung: 34 Spieltage, 18 Teams, alle Mannschaften treten jeweils zwei Mal gegeneinander an. So weit, so üblich.

Nur ein einziger Satz bietet erhebliches Konfliktpotenzial - die DFL hat ihn vorsichtshalber gleich auf jede Seite geschrieben: Der Spielplan dürfe nur zu Informations- und Berichterstattungszwecken verwendet werden, jede darüber hinausgehende kommerzielle Nutzung sei ab Januar 2012 nur mit ausdrücklicher Zustimmung erlaubt. Im Klartext: Geht es nach der DFL, werden Glücksspielunternehmen, die Sportwetten auf Bundesliga-Spiele anbieten, Lizenzgebühren bezahlen müssen, weil sie dafür den Spielplan der DFL kommerziell nutzen.

FAQ Glücksspielstaatsvertrag

Warum wird über einen neuen Glücksspielstaatsvertrag verhandelt?

In Deutschland existiert auf dem Glücksspiel- und Sportwettenmarkt bisher weitgehend ein  staatliches Monopol. Glücksspiele dürfen nur von staatlichen Unternehmen wie den Kasinos und Lotteriegesellschaften sowie dem Sportwettenbetreiber Oddset angeboten werden. Dabei gibt es nur wenige Ausnahmen, etwa bei Pferdewetten.

Nach europäischem Recht ist ein staatliches Glücksspielmonopol nur dann zulässig, wenn es dazu dient, die Gefahr von Spielsucht konsequent zu bekämpfen. In einem Urteil vom September vergangenen Jahres kam der Europäische Gerichtshof (EuGH) zu der Auffassung, dass der aktuelle Glücksspielstaatsvertrag diese Voraussetzungen nicht erfüllt.

Begründet wurde dies unter anderem damit, dass die staatlichen Glücksspielunternehmen zu stark für ihre Produkte geworben haben, als dass noch von Suchtprävention ausgegangen werden könne. Die Ministerpräsidenten müssen nun eine Neuregelung für den zum Jahresende auslaufenden Vertrag finden, um die Bedenken des EuGH auszuräumen.

Was steht im Entwurf zum Glücksspielstaatsvertrag?

Die Ministerpräsidenten planen, den Markt für Sportwetten künftig auch für private Anbieter zu öffnen. Nach einem Vertragsentwurf, der im April 2011 vorgestellt wurde, sollen ab 2012 sieben Konzessionen für Sportwettenanbieter vergeben werden. Darauf haben sich die Regierungschefs von 15 Bundesländern geeinigt, nur Schleswig-Holstein will einen eigenen Weg gehen.

Die Pläne der Ministerpräsidenten sehen vor, dass die Wettunternehmen 16 2/3 Prozent des Spieleinsatzes als Konzessionsabgabe abführen müssen. Außerdem sollen bei Fußballspielen nur Wetten auf Endergebnisse erlaubt sein, unter anderem weil Wetten auf Zwischenergebnisse und gelbe Karten als sehr manipulationsanfällig gelten.

Wie wichtig ist das Wettgeschäft für den Sport?

Die Öffnung des Sportwettenmarktes könnte einen neuen Milliardenmarkt in Deutschland schaffen. Das Marktforschungsunternehmen Goldmedia rechnet für den Fall einer moderaten Liberalisierung mit jährlichen Wachstumsraten von acht Prozent. Den Berechnungen zufolge könnten die jährlichen Spieleinsätze bereits in fünf Jahren ein Volumen von 1,5 Milliarden Euro erreichen.

Sportverbände und Vereine hoffen, über Trikot- und Bandenwerbung von dem neuen Markt zu profitieren, die im Gegensatz zu TV-Werbung für Sportwetten laut Entwurf für den Glücksspielstaatsvertrag erlaubt sein soll. Der Profifußball rechnet mit möglichen Zusatzeinnahmen in der Höhe von dreistelligen Millionenbeträgen.

Wann tritt das neue Glücksspielrecht in Kraft?

Der momentan gültige Glücksspielstaatsvertrag läuft Ende des Jahres aus. Eigentlich wollte die Ministerpräsidentenkonferenz bereits zum 9. Juni eine unterschriftsreife Neufassung ausgearbeitet haben. Auch aufgrund der starken Kritik wurde die Entscheidung auf Oktober vertragt. Bis dahin wird sich auch die Europäische Kommission zu dem Vertragsentwurf geäußert haben.

Nach Berichten des Fachmagazins "Sponsors" von dieser Woche hat die Kommission erhebliche Zweifel daran, dass der Entwurf mit EU-Recht vereinbar sei. Kritisiert werde dem Bericht zufolge vor allem die Begrenzung auf lediglich sieben Lizenznehmer. Beobachtern zufolge werde es den Ministerpräsidenten deshalb kaum gelingen, eine Neuregelung zu treffen, die noch bis Jahresende von allen Länderparlamenten ratifiziert werden kann. In Schleswig-Holstein, das in dieser Frage einen Sonderweg geht, soll die Liberalisierung des Glücksspielmarktes plangemäß am 1. Oktober in Kraft treten.

Welche Kritik gibt es am neuen Vertragsentwurf?

Sportverbände und Wettanbieter halten die geplante Konzessionsabgabe von 16 2/3 Prozent für zu hoch und nicht marktgerecht. Außerdem kritisieren sie, dass die Zahl der Lizenzen auf sieben beschränkt sein soll. Die DFL befürchtet, dass die meisten Wettanbieter unter diesen Bedingungen weiterhin aus dem europäischen Ausland operieren werden und den Profiklubs deshalb zusätzliche Werbeeinahmen vorenthalten bleiben.

Die DFL spricht sich zusammen mit anderen Sportorganisationen für eine kontrollierte Öffnung des Marktes aus. Private Wettanbieter sollen dabei zwar unter staatlicher Kontrolle arbeiten, jedoch nur eine niedrigere Abgabe bezahlen müssen. Von dieser Abgabe sollen mindestens 80 Millionen Euro an den Breitensport fließen.

Auf den ersten Blick wirken die Pläne der Liga-Funktionäre absurd: Lange hatte die DFL für eine kontrollierte Öffnung des Sportwettenmarktes gekämpft, eine Lizenzabgabe für Spielpläne würde es für die Wettanbieter nun zusätzlich erschweren, sich legal in Deutschland niederzulassen. Doch wie DFL-Geschäftsführer Christian Seifert am Mittwoch vor Journalisten erklärte, geht es der Liga gar nicht darum, bei den privaten Buchmachern abzukassieren. Stattdessen will Seifert mit der Drohung, Lizenzgebühren zu verlangen, die Ministerpräsidenten unter Druck setzen, die derzeit über eine Neufassung des Glücksspielstaatsvertrages verhandeln: "Wenn die Interessen des Sports dabei ausreichend berücksichtigt werden, sind wir bereit, auf Lizenzgebühren zu verzichten", sagte Seifert.

Kommentare (3)

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salenumber1

22.06.2011, 17:24 Uhr

es geht doch letztlich nicht nur um den spielplan, der tatsächlich in einem hochkomplexen verfahren zusammengestellt wird sonder vor allem, um live-daten, die die wettanbieter für ihr live-wetten angebot benötigen. da steckt das geld und nicht bei den spielplänen. den spielplan kann sich doch jeder auch woanders holen und muss nicht den dfl-spielplan verwenden...

Heinz

23.06.2011, 09:55 Uhr

Ohne Zweifel handelt es sich bei einem individuell erstellten Spielplan um geistiges Eigentum. wie bei jedem Plan der immer wieder neu erstellt werden muss !

Peter

23.06.2011, 17:40 Uhr

Die DFL bzw. der organisierte (Profi-) Sport blasen nicht zum Angriff, sondern tröten alte Gesänge. Der Vorstoß zeigt wieder einmal, dass im organisierten (Profi-) Sport nicht Werte wie Fairness, Anstand und Gerechtigkeit sondern Korruption, Machtversessenheit und Mobbing (u.a. gegen verdiente Nationalspieler) zählen. Erst haben sie sich (wie auch einige Politikvertreter auf Sylt) von der ausländischen Wettindustrie hofieren und blenden lassen und die Argumente über DOSB und DFL an die Politik herangetragen und jetzt haben sie rechtzeitig erkannt, oh weh von diesen Anbietern gibt es bei einer Liberalisierung kein bzw. nicht genügend Geld. Schade nur, dass die Ländervertreter und der Breitensport es noch nicht gemerkt haben, dass sie reingelegt wurden. Dabei hätte schon einfaches Steuerrecht und eine gewöhnliche Dreisatzrechnung gereicht, um zu erkennen, dass die Länder nicht ans Geld kommen und die Bundesbürger Haus und Hof verzocken müssten, um bei den geforderten Steuersenkungen auf das derzeitige Niveau zu kommen. Aber Nachdenken und Rechnen ist nun mal zu kompliziert für die Herrenriege. Einfacher ist es, mit gekauften Scheinargumenten der Politik, den Ländern und ODDSET zu drohen. An Scheinheiligkeit und Verlogenheit ist diese Argumentation wohl nicht zu überbieten. Dem organisierten (Profi-) Sport geht es eben um nichts anderes, als mit allen Mitteln neue Geld- bzw. Einnahmequellen zu Lasten der Allgemeinheit (hier Förderung der Spielsucht und –schulden) zu erschließen. Die Karawane zieht eben weiter! Schneller, höher, weiter bis es knallt!

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