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10.12.2016

13:12 Uhr

Fußball in den USA

Die geschlossene Gesellschaft

VonThilo Neumann

Von Klinsmann kritisiert, bei den Fans beliebt: Die Major League Soccer, höchste Fußballliga der USA, ist auf Wachstumskurs. Das Saisonfinale verspricht Spannung – die Probleme des Sports kann es aber nicht kaschieren.

Nach dem Sieg im Finale der Eastern Conference spielt der kanadische Toronto FC am Sonntag um die MLS-Meisterschaft. AP

Kanada obenauf

Nach dem Sieg im Finale der Eastern Conference spielt der kanadische Toronto FC am Sonntag um die MLS-Meisterschaft.

New YorkClint Dempsey muss draußen bleiben. Wenn am Samstagabend im kanadischen Toronto das Endspiel der nordamerikanischen Fußballliga Major League Soccer (MLS) steigt, kann der Stürmer nicht für seinen Arbeitgeber Seattle Sounders gegen den Toronto FC auflaufen; Dempsey plagen Herzprobleme, der Muskel schlägt unregelmäßig.

Statt an der Seite seiner Mitspieler um die wichtigste Trophäe im US-Vereinsfußball zu kämpfen, sorgt sich der 33-jährige Dempsey nicht nur um den Fortgang seiner Karriere – der Zustand des kranken Organs ist lebensbedrohlich. Es scheint eine Ironie des Schicksals: schließlich kam die Laufbahn des 130-fachen Nationalspielers nur deshalb in Schwung, weil ein anderes Herz vor 21 Jahren aufhörte zu schlagen. Das Herz seiner Schwester Jennifer.

Die Geschichte von Clint Dempsey erzählt eine Familientragödie – und viel über das Fußballsystem in den USA. Der Stürmer entstammt einer armen Familie, wuchs in einer Wohnwagen-Siedlung am Rande der texanischen Kleinstadt Nacogdoches auf. Schon in jungen Jahren war sein Talent am Ball offensichtlich, doch eine Profikarriere schien trotzdem unrealistisch.

Fußball in den USA (1): Zehn Stars und Promis

David Beckham (39)

Englands ehemaliger Superstar sorgte mit seinem Wechsel zu Los Angeles Galaxy im Juli 2007 für einen neuen Boom im US-Fußball. Für Los Angeles in 98 Liga-Spielen 18 Mal erfolgreich und US-Meister 2011 und 2012. Will 2017 als Eigner mit einem neuen Profi-Team in Miami zurück in die MLS.

Jürgen Klinsmann (50)

Der Weltmeister und ehemalige Bundestrainer lebt seit vielen Jahren in den USA, ließ 2003/2004 seine Karriere bei Orange County Blue Star ausklingen. War Berater des FC Toronto und von 2011 bis 2016 Nachfolger von Bob Bradley als US-Nationaltrainer. Führte die USA 2013 zum kontinentalen Gold-Cup und 2014 ins WM-Achtelfinale. Gilt auch in den USA als unbequemer Reformer.

Kaká (33)

Der brasilianische Weltmeister von 2002 schaffte auch beim US-Franchiseklub Orlando City SC im Oktober 2014 das Comeback in der „Selecao“, ist Top-Verdiener in der MLS.

Clint Dempsey (32)

Der dreifache WM-Teilnehmer (2006, 2010, 2014) war bei Tottenham Hotspur und beim FC Fulham einer der namhaftesten US-Legionäre in der englischen Premier League. Der Stürmer von den Seattle Sounders ist mit einem Marktwert von sieben Millionen Euro drittwertvollster Spieler der MLS.

Landon Donovan (33)

In der Bundesliga bei Bayer Leverkusen und beim FC Bayern München durchgefallen, wurde der 2014 nach 374 Liga-Spielen zurückgetretene Angreifer von Los Angeles Galaxy mit 136 Treffern zum Rekord-Torschützen der MLS. Mit 57 Toren in 157 Länderspielen ist Donovan immer noch mit die wichtigste Identifikationsfigur im US-Fußball.

David Villa (33)

Spaniens Weltmeister war 2014 der erste Topstar, den der neu an den Start gegangene New York City FC verpflichten konnte. Hat in New York einen Drei-Jahres-Vertrag.

Robbie Keane (34)

Der Kapitän des amtierenden Meisters Los Angeles Galaxy ist in der EM-Qualifikation für Frankreich 2016 mit den Iren Gruppengegner der deutschen Mannschaft und ein Spitzenverdiener der MLS.

Sebastian Giovinco (28)

Der 21-fache italienische Nationalspieler wechselte 2015 von Juventus Turin in die USA zum FC Toronto und ist mit einem Marktwert von sieben Millionen Euro der wertvollste Spieler der Liga.

Michael Bradley (26)

Der frühere Bundesligaprofi von Borussia Mönchengladbach sorgte bei seinem Wechsel zum FC Toronto im Januar 2014 für den immer noch gültigen Transfer-Rekord in der MLS. Die Kanadier zahlten für den zentralen Mittelfeldspieler 7,4 Millionen Euro an den AS Rom.

Alexi Lalas (44)

Wurde mit seiner tizianroten Mähne und Ziegenbart bei der WM 1994 im eigenen Land zur Kultfigur des amerikanischen Teams und unmittelbar danach bei seinem Wechsel zu Padua Calcio zum ersten US-Amerikaner, der sich in der italienischen Serie A einen Stammplatz erkämpfen konnte. War in der MLS u. a. Spieler und Manager von Los Angeles Galaxy und gilt als Experte für die TV-Sender ESPN und ABC Sports als einer der renommiertesten Experten in den USA.

Der Grund: Die Eltern konnten dem Sohn nicht dauerhaft den Mitgliedsbeitrag für die nächstgelegene Nachwuchsakademie bezahlen, in Dallas, drei Autostunden entfernt; das geringe Vermögen der Dempseys wurde bereits von Clints großer Schwester Jennifer beansprucht, einer ambitionierten Jugend-Tennisspielerin. Bis diese plötzlich verstarb, 1995, mit 16 Jahren; in ihrem Gehirn war ein krankhaft erweitertes Blutgefäß gerissen.

So fiel die sportliche Hoffnung der Familie wieder auf Clint, einem traumatisierten Jungen von zwölf Jahren. Fortan fuhren ihn die Eltern wieder regelmäßig nach Dallas. 2004 unterschrieb Dempsey seinen ersten Profivertrag, bei New England Revolution in der MLS.

Das System, das Clint Dempsey als Fußballer durchlief, beschrieb Jürgen Klinsmann, der kürzlich geschasste Nationaltrainer und technische Direktor vom Fußballverband US Soccer, einst als Inverted Pyramid, als umgekehrte Pyramide. Es ist eine Struktur, die eigentlich keinen Platz hat für Menschen wie Dempsey. Denn statt einer breiten Basis – wie bei einer normalen Pyramide -, aus der sich nach und nach eine kleine Elite herausbildet, scheint die Situation im amerikanischen Fußball umgekehrt: bereits der Zugang zum Sport ist limitiert.

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