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14.02.2017

11:55 Uhr

Fußball in Spanien

„Alarmierendes“ Problem im Anti-Doping-Kampf

Das monatelange Theater um die Regierungsbildung in Spanien ist zu Ende - die Primera División leidet aber unter den Folgen: Wegen fehlenden Gesetzesanpassungen sind Dopingproben von Messi, Ronaldo & Co. ungültig.

Der spanische Sportminister Inigo Mendez de Vigo hat im Sommer „Null Toleranz gegen Doping“ angekündigt. Passiert ist seitdem nichts. dpa

Inigo Mendez de Vigo

Der spanische Sportminister Inigo Mendez de Vigo hat im Sommer „Null Toleranz gegen Doping“ angekündigt. Passiert ist seitdem nichts.

MadridDie Wahlheimat von Fußball-Stars wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Toni Kroos ist im Anti-Doping-Kampf inzwischen nur noch ein Entwicklungsland. Seit fast einem Jahr werden in Spaniens Profiligen nur noch sehr wenige Doping-Proben genommen, die darüber hinaus international nicht einmal gültig sind. „Absurd“, sei die aktuellen Situation, titelte die Zeitung „La Vanguardia“. Denn theoretisch könne ein in der Primera División des Dopings überführter Profi bei einem Champions-League-Spiel problemlos zum Einsatz kommen. Am Dienstag war immer noch keine schnelle Lösung für das Problem in Sicht, die Hauptverantwortlichen wollten keinen Kommentar abgeben.

Schuld an der Situation ist die Politik. Die spanische Regierung hatte sich mit der Anpassung der nationalen Gesetze an den schon seit 2015 geltenden neuen Code der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zunächst viel Zeit gelassen. Zwischen Ende 2015 und Oktober 2016 gab es dann aufgrund einer politischen Pattsituation in Madrid plötzlich zehn Monate lang keine reguläre Regierung mehr. Gesetze durften nicht mehr verabschiedet werden, auch die Dopinganpassung blieb liegen.

Meldonium: ein Doping-Renner in Russland

Substanz

Meldonium war zumindest bis 2014 besonders in Russland ein Renner unter den für Doping genutzten Mitteln. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte hohen Missbrauch der Substanz in verschiedenen Sportarten festgestellt.

Verbot seit 2016

Der Wirkstoff wurd seit 1. Januar 2016 auf die gültige Liste der verbotenen Substanzen gesetzt.

Neue Fälle

Dennoch scheint es vor allem in der russischen Doping-Szene weiter beliebt zu sein. Die am Montag öffentlich gewordenen russischen Doping-Fälle mit Meldonium von Tennis-Stars Maria Scharapowa und der ehemaligen Eistanz-Europameisterin Jekaterina Bobrowa könnten Hinweise darauf sein.

Übersehen

Im Dezember habe sie ein Schreiben der WADA und der ITF bekommen, in dem auf die veränderten Doping-Regularien hingewiesen wurde. „Ich habe nicht auf die Liste geschaut“, sagte Scharapowa. Das Mittel habe sie seit 2006 eingenommen.

Weitere Fälle 2016

Eduard Worganow (Russland) Radsport
Olga Abramowa (Ukraine) Biathlon
Zwei Athleten des ASV Nendingen (nicht namentlich genannt) Ringen
Artem Tyschtschenko (Ukraine) Biathlon

Medikament

Meldonium wird unter dem Markennamen Mildronat als Herzmedikament in den baltischen Staaten und in Russland vertrieben; in Deutschland ist es als Arzneimittel nicht zugelassen. Es soll die Durchblutung fördern und somit als Medikament für Angina Pectoris und Herzerkrankungen geeignet sein.

Sport

Athleten versprechen sich durch die Einnahme der Substanz eine verbesserte Durchblutung und damit eine Steigerung der physischen sowie mentalen Belastungsfähigkeit.

Forschung

Bereits bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen stellten Wissenschaftler in einer Studie fest, dass vor allem Sportler aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion bevorzugt auf Meldonium zurückgriffen. Es war damals noch nicht verboten.

Studie

Laut einer russischen Studie von 2015 - kurz vor dem WADA-Verbot - fanden Moskauer Forscher in 724 von 4316 Urinproben Meldonium.

Die Konsequenzen ließen nach Ablauf der Anpassungsfrist nicht lange auf sich warten. Spanien - ein Land, das unter anderem wegen des Riesenskandals um die berüchtigten Blutbeutel von Dopingarzt Eufemiano Fuentes stark vorbelastet ist - wurde im März 2016 von der WADA zu einem „nicht konformen“ Staat erklärt. Dem Madrider Labor wurde dann im Juni von der WADA die Zulassung entzogen. Unmittelbare Folgen hat dies für Spaniens Fußball jedoch noch nicht.

Die spanische Anti-Doping-Agentur (AEPSAD) bestätigte, dass in der laufenden Saison bis zum letzten Wochenende nur 57 Erstliga-Profis auf den Gebrauch von verbotenen Substanzen getestet worden seien. Die Ergebnisse wurden nicht bekannt. Zum Vergleich: Vergangene Saison wurden jeden Monat in der ersten und zweiten Liga im Schnitt 74 Dopingproben genommen. In Deutschland führte die Anti-Doping-Agentur NADA laut ihrem Jahresbericht 2015 insgesamt 1147 Kontrollen durch.

„Das Fehlen von Kontrollen in einem Land, das über eine der wichtigsten Fußball-Ligen der Welt verfügt, und das über einen Zeitraum von fast zwölf Monaten, ist alarmierend“, sagte ein WADA-Sprecher. „Und es trägt auch nicht gerade dazu bei, das Vertrauen in sauberen Sport zu stärken, in einem Moment, wo dies so dringend nötig wäre.“ Der spanische Verband RFEF und die Profiliga LFP gaben trotz Anfragen zunächst keine Stellungnahme ab.

In anderen Sportarten bekam das Land Hilfe durch internationale Verbände, im Fußball war das aber nicht der Fall. Sowohl der Weltverband FIFA als auch die Europäische Fußball-Union UEFA hätten bei den Tests Beistand leisten können, kritisierte die AEPSAD. „Beide lehnten es ab, eine solche Vereinbarung zu unterzeichnen. Die FIFA, weil sie ihre Kompetenzen nur im internationalen Fußball sieht, und die UEFA, weil sie meint, nur für Vereine, die an UEFA-Wettbewerben teilnehmen, verantwortlich zu sein“, klagte die nationale Agentur.

Doping: Die Chronik der Ereignisse im russischen Skandal

03. Dezember 2014

Der ARD-Dokumentarfilm „Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht“ enthüllt dank der Whistleblower Julia Stepanowa und Witali Stepanow, dass die Erfolge der russischen Leichtathleten offenbar Ergebnis von systematischem Doping, Vertuschung von Kontrollen und Korruption waren.

09. November 2015

Die unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) um Richard Pound und Richard McLaren liefert in ihrem ersten Bericht Nachweise für umfassende Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik.

13. November 2015

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF suspendiert Russlands Verband.

17. Juni 2016

Das IAAF-Council bestätigt die Sperre für die russischen Leichtathleten und damit den Olympia-Ausschluss in Rio. Nur einzelne Athleten könnten unter neutraler Flagge teilnehmen, sofern sie glaubhaft machen können, nicht ins Doping-System Russlands involviert zu sein.

18. Juli 2016

Im ersten Bericht von WADA-Chefermittler McLaren wird belegt, dass es eine Verwicklung auch des russischen Geheimdienstes FSB bei der Vertuschung von Doping-Fällen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gab. Auslöser der Untersuchung waren die Vorwürfe von Gregori Rodschenkow, ehemaliger Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Er hatte Vertuschungspraktiken in seinem Labor zusammen mit der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA enthüllt.

24. Juli 2016

Das Internationale Olympische Komitee entscheidet, dass die russische Mannschaft trotz der Doping-Vorwürfe nicht komplett von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen wird. Das IOC überträgt den internationalen Sportverbänden die Entscheidung, welche russische Athleten antreten dürfen. Am Ende werden rund 280 Russen zugelassen.

09. Dezember 2016

Mehr als 1000 russische Sportler seien zwischen 2011 und 2015 Teil einer großangelegten staatlichen Dopingpolitik gewesen, teilt McLaren in seinem zweiten Bericht mit. Es habe sich um eine „institutionelle Verschwörung“ über mehrere Jahre und sportliche Großereignisse hinweg gehandelt. Es seien auch Beweise gefunden worden, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 manipuliert worden seien.

Seit dreieinhalb Monaten hat Spanien wieder eine voll funktionsfähige Regierung, die nationalen Gesetze wurden aber immer noch nicht angepasst. Warum, dazu hat sich Sportminister Iñigo Méndez de Vigo noch nicht geäußert. Dabei hatte der konservative Politiker (61) im Sommer 2016 „Null Toleranz gegen Doping“ angekündigt und dann im November die Anpassung der Gesetze an den WADA-Code als Priorität bezeichnet. Passiert ist seitdem jedoch nichts. Bei der AEPSAD hofft man unterdessen, dass die Anpassung „bis Ende Februar“ erfolgt. So lange werden Messi, Ronaldo & Co. weiter nur bei internationalen Einsätzen echten Dopingkontrollen unterzogen.

Von

dpa

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