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24.01.2007

11:14 Uhr

Fußball National

Beckenbauer: "Fußball sorgt für Stabilität"

Auch im "Nach-WM-Jahr" wird es um Franz Beckenbauer keinen Deut ruhiger. Im aktuellen Interview spricht der 61-Jährige über seine Ambitionen in der Fifa-Exekutive, die Lage der Bundesliga und natürlich den FC Bayern.

Ohne Fußball geht es bei Franz Beckenbauer nicht. Im aktuellen Interview mit dem Sport-Informations-Dienst schildert der "Macher" der WM 2006 seine nächsten Pläne und seine Gedanken über die Situation des Fußballs in der Welt, in Europa und in Deutschland.

sid: "Franz Beckenbauer, mit welchen Erwartungen gehen Sie am Freitag zum Uefa-Kongress, wo Sie für einen europäischen Platz in der Fifa-Exekutive kandidieren?"

Beckenbauer: "Die Präsidentenwahl zwischen Lennart Johansson und Michel Platini beschäftigt mich mehr als mein Schicksal. Wichtiger ist es, wie es nach der Kampfabstimmung weitergeht. Es darf keine Spaltung in der Uefa geben."

sid: "Der frühere DFB-Präsident und jetzige Amtsinhaber Gerhard Mayer-Vorfelder hat Ihnen viel Arbeit prophezeit."

Beckenbauer: "Ich weiß nicht, ob ich mehr Zeit investieren muss als im letzten Jahr vor der WM in meine Rolle als OK-Chef."

sid: "Wo werden Sie in der Fifa ihre Aufgaben sehen?"

Beckenbauer: "Als Exko-Mitglied bist Du immer auch Mitglied in irgendwelchen Kommissionen. Ich werde sehen, welche für mich übrig bleibt. Am liebsten würde ich im sozialen Bereich arbeiten. Der Fußball sorgt für Stabilität auf unserem Planeten. Auf unserer Welcome-Tour haben wir erlebt, wie selbst verfeindete Völker plötzlich an einem Tisch sitzen, wenn es um Fußball geht."

sid: "Platini will den kleinen Vereinen mehr Gewicht geben."

Beckenbauer: "Es ist richtig, kleine Verbände und Vereine in Entscheidungen einzubeziehen. Andererseits warne ich davor, die Starken zu schwächen. Das hat schon Abraham Lincoln gesagt."

sid: "Es wird einen Vorschlag geben, die EM auf 24 Teilnehmer aufzustocken."

Beckenbauer: "Dann kann man gleich alle 52 Mitgliedsverbände mitspielen lassen."

sid: "Manche verlangen im Gegenteil Vorqualifikationen der kleinen Länder."

Beckenbauer: "Wer das ernsthaft vorschlägt, der wird sofort weggejagt. Ich war ja auch skeptisch, als die großen Qualifikationsgruppen kamen, aber die Einschaltquoten zeigen ja, dass diese Spiele angenommen werden. Und so lange Länder wie San Marino ein 0:13 ertragen..."

sid: "Weshalb darbt der deutsche Vereinsfußball auf internationalem Niveau derart?"

Beckenbauer: "Ich weiß es nicht. Ich habe keine Erklärung, weshalb die anderen plötzlich besser sein sollen. Wenn jetzt noch die Bayern ausscheiden sollten... Real Madrid, das ist so ein 50: 50-Spiel."

sid: "Wird zu wenig gespielt?"

Beckenbauer: "Wir sind das bevölkerungsreichste Land unter den fünf großen Verbänden, aber sind die einzigen, die noch mit 18 Mannschaften spielen. Und dann leisten wir uns noch den Luxus einer Winterpause, nach der man wieder von vorne anfangen muss. Zumindest sollte man sich mit dieser Frage befassen."

sid: "Hat die Bundesliga Defizite?"

Beckenbauer: "Nein. Der Fußball lebt, der Fußball lebt gut. Wir sehen guten Fußball in wunderschönen Stadien. Nur die Erfolgsmeldungen, die fehlen."

sid: "Wo hapert es bei den Bayern?"

Beckenbauer: "Wir brauchen einen kreativen, offensiv orientierten Mittelfeldspieler, einen Spielertyp wie den jungen Scholl oder Deco oder Diego oder Messi. Die Stürmer haben wir. Uns fehlt die Kreativität im Mittelfeld. Die neue Saison wird kein Übergang sein, sondern einen Umbruch bringen. Vielleicht waren wir in der Vergangenheit bei einigen Transfers zu zögerlich, zu unentschlossen, und dann waren die Spieler weg. Wir haben in der Bundesliga einfach zu wenig gute Spieler. 1990 hat fast jeder Nationalspieler ein Angebot aus Italien gehabt, und heute?"

sid: "Verfälschen Leute wie Roman Abramowitsch (Klubbesitzer des FC Chelsea, d.Red.) nicht den Fußball?"

Beckenbauer: "Natürlich ist das zunächst eine Wettbewerbsverzerrung, aber mir ist es lieber, die Millionäre tragen ihr Geld zum Fußball hin als anderswo. Wenn so einer zum FC Bayern käme, würde ich ihn nicht wegschicken."

sid: "Da wir schon bei Chelsea sind: Weshalb wird Michael Ballack in England so kritisiert?"

Beckenbauer: "Ich sehe bei Chelsea einfach keine Position für Ballack. An dem läuft das Spiel, wie jeder sehen kann, meist vorbei. Frank Lampard ist zu stark, der nimmt ihm seine Position weg. Bei Manu, da wäre er gut aufgehoben. Die ideale Position, wo ihn alle suchen, wie bei Bayern oder in der Nationalmannschaft. Die Vereine sollten sich eben schon anschauen, wen sie für welche Position holen."

sid: "Die Spieler sollten aber auch studieren, zu welchem Verein sie wechseln. Sollte die Politik mehr in den Fußball eingreifen? Stichworte: Geldwäsche, Doping, Bestechung..."

Beckenbauer: "Grundsätzlich sollte das ohne große Einmischung gehen, nicht so wie jetzt in Polen oder Mazedonien, wo Fifa und Uefa zu massiven Drohungen greifen müssen, um die Unabhängigkeit des Fußballs zu wahren. In Dopingfragen, da brauchen wir die Politik. Aber den ganzen Rest soll der Fußball selber lösen müssen und dürfen."

sid: "Sie plädieren wie ihr vermutlich neuer Präsident Joseph S. Blatter auch für eine 6+5-Regelung, dass also sechs Spieler auf dem Feld für die Nationalmannschaft des jeweiligen Verbandes spielberechtigt sein müssen, um das Wort Ausländer zu vermeiden."

Beckenbauer: "Das Thema ist ja schon seit langem bekannt, aber das müssen wir verstärken. Da müssen Fifa und Uefa in Brüssel noch mehr Druck machen, damit die Sonderrolle des Fußballs im Vergleich zu reinen Wirtschaftsunternehmen anerkannt wird."

© SID

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