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24.04.2012

16:14 Uhr

Fußballklubs in Finanznot

Spaniens sinkende Sterne

VonFrederic Spohr, Ingmar Höhmann

Barcelona, Real, Atlético, Bilbao, Valencia - alle kämpfen sie in diesen Tagen um den Einzug in die beiden wichtigsten Europapokal-Finals. Sportlich dominiert Spanien den europäischen Fußball - finanziell ist die Lage jedoch prekär, der Blick in die Bilanzen erschreckend. Experten sehen schon in der Bundesliga den kommenden Machtpol in Europa.

Atletico Madrids Joao Miranda (hinten) im Duell mit Jonas vom FC Valencia: Sportlich sind beide Klubs top und spielen am Donnerstag um den Einzug ins Europa-League-Finale. Aber finanziell sieht es düster aus. dapd

Atletico Madrids Joao Miranda (hinten) im Duell mit Jonas vom FC Valencia: Sportlich sind beide Klubs top und spielen am Donnerstag um den Einzug ins Europa-League-Finale. Aber finanziell sieht es düster aus.

KölnWer in die Bücher spanischer Fußball-Vereine guckt, darf nicht schreckhaft sein. Philipp Grothe, Chef der internationalen Sportmanagement-Agentur Kentaro, hat den Blick gewagt. Als ihm eine Beteiligung an einem namhaften Verein angeboten wurde, checkte er die Bilanzen – und nahm schnell Abstand von der Idee. „Wenn Sie da die erste Seite aufschlagen, da graut es Ihnen.“ Pikant: Der Klub steht in dieser Woche im Halbfinale der Europa League. Präziser mag Grothe nicht werden. 

Sportlich dominiert der spanische Fußball Europa zwar wie nie zuvor - fünf der acht verbliebenen Teams in den internationalen Wettbewerben kommen aus Spanien: Im Champions-League-Finale ist ein rein spanisches Duell Real Madrid gegen Barcelona gut möglich, in der Europa League bei drei von vier Halbfinalisten aus der Primera Division (Athletic Bilbao, Atlético Madrid, FC Valencia) sogar sehr wahrscheinlich. Doch spanische Fußball-Teams lehren nicht nur ihren Gegnern das Fürchten. Auch Wirtschaftsprüfer erschaudern, beim Studium der Vereinsfinanzen. Keine einzige spanische Mannschaft schaffte es auf die Liste der zehn solidesten europäischen Top-Vereine, aufgestellt von Ernst & Young.

Die Finanzlage beim FC Barcelona 2012

Einnahmen

In der Money League der Wirtschaftsprüfer von Deloitte liegt der FC Barcelona mit einem Umsatz von 451 Millionen Euro auf Platz zwei. Die mit Abstand größten Einnahmen kommen aus der TV-Vermarktung. Ein lukrative Vertrag mit der TV-Vermarktungsgesellschaft Mediapro spülte rund 183 Millionen Euro in die Kassen des Vereins, das sind rund 40 Prozent der Gesamteinkünfte.
Ein Viertel der Einnahmen stammen aus dem Ticketverkauf. Mit durchschnittlich knapp 80.000 Zuschauern liegt Barça im Vergleich zu anderen europäischen Top-Mannschaften ganz weit vorne.

Ausgaben

Barça hat angefangen zu sparen: Insgesamt gab der Klub in der Saison 2010/2011 laut Geschäftsbericht rund 441 Millionen Euro aus, 54 Millionen weniger als in der Vorsaison. Wichtigster Kostenblock sind die Personalkosten des Kaders, die Barcelona mit 257 Millionen Euro beziffert.
Barça hat auch hier den Rotstift angesetzt und die Gehälter um rund 10 Millionen Euro gekürzt. Insgesamt wies der Verein nach Steuern einen Verlust von neun Millionen Euro nach Steuern aus.

Schulden

Nach der Saison 2010/2011 wies der Verein Schulden in Höhe von 364 Millionen Euro aus. Immerhin rund 77 Millionen Euro weniger als in der Vorsaison. José Gay de Liébana, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Barcelona, taxiert die Schulden jedoch deutlich höher: Er schätzt, dass der Verein mit 578 Millionen Euro in der Kreide stünde, würde man alle Verbindlichkeiten mit einrechnen.
Danach wäre der FC Barcelona der am höchsten verschuldete Verein der spanischen Liga. Ein Gläubiger Barcelonas ist auch der Staat, dem der Verein derzeit rund 48 Millionen an Steuern schuldet.

Das Urteil der Wirtschaftsprüfer über die Primera División ist desaströs: Während sie die Bundesliga zur Referenz mit 100 Prozent erklären, erreichen die spanischen Teams gerade einmal 39 Prozent – das ist der schlechteste Wert in ganz Europa.

Der momentane sportliche Höhenflug könnte sich schnell als Wendepunkt entpuppen. Auch wenn die beiden Top-Klubs Real Madrid und FC Barcelona vorerst weiter stark sein werden – für den Rest der spanischen Liga könnte die Blüte bald vorbei sein, vermutet der Unternehmensberater Jürgen Rothenbücher von A.T. Kearney. Als neue fußballerische Macht in Europa sieht er die Bundesliga – auch dank der der höheren TV-Einnahmen ab 2013.

So verdiente Real Madrid im Geschäftsjahr 2010/2011 sein Geld

Ticketerlöse

Über 80.000 Zuschauer passen ins Estadio Santiago Bernabéu – doch es ist nicht immer ausverkauft.2010/2011 lag der Zuschauerdurchschnitt nur bei etwa 66.000 und damit noch unter dem Schnitt in der Saison 2009/2010. Damals war der Verein außerdem Gastgeber des Champions-League-Finals. Die Ticketerlöse sanken deswegen um vier Prozent auf 124 Millionen Euro.

TV-Vermarktung

Der größte Posten bei Real: 183,5 Millionen Euro an Fernsehgeldern haben die Königlichen eingenommen. Das sind 16 Prozent mehr als in der Vorsaison. 2011stand Madrid im Halbfinale der Champions League und bekam 39 Millionen Euro von der Uefa. Der größte Teil der Einnahmen stammt jedoch von der Produktionsfirma Mediapro, an die Real die Übertragungsrechte verkauft hat. Der Vertrag läuft noch bis zur Saison 2013/2014.

Werbung, Merchandising und Sonstiges

Nachdem FC Bayern hat Real hier die größten Einnahmen in ganz Europa. Insgesamt sicherten sich die Spanier 172 Millionen Euro. Wichtige Partner sind der Wettanbieter Bwin und Ausrüster Adidas. Seit dieser Saison unterstützt außerdem die Fluglinie Emirates den Verein.

Der Deal wird Deutschland bei den Fernseh-Einkünften von Platz fünf auf Platz vier hieven. „Die Bundesliga wird dominanter werden, Spanien wird dagegen stark abfallen. Wir sehen jetzt schon, dass die spanischen Klubs deutlich weniger für Spieler ausgeben. Und es wird noch weniger werden.“ Damit sinke im Vergleich zu anderen Ligen die Attraktivität für Starspieler.

Kommentare (11)

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24.04.2012, 16:22 Uhr

Über die Brüssler Beihilfetöpfe wird schon jetzt nicht nur der Stierkampf, sondern auch der spanische Fußball von uns allen fördernd mit vielen Millionen pro Jahr unterstützt. Und: bei den Italienern sieht es nicht viel besser aus. Dort hat die Liga Schulden von ca. 2,6 Mrd Euro !!! Nicht nur die Wirtschaft dieser Eurokrisenländer ist schlicht aufgeblasen mit Krediten, sondern auch die Unternehmen selber - und dazu gehört eben auch das Unternehmen Fußball.

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24.04.2012, 16:29 Uhr

Na, da wird sich doch bestimmt bald ein Rettungsschirm aufspannen, oder? Es muss doch auch hier möglich sein, den deutschen Steuerzahler in Generalhaftung zu nehmen - das wäre ja gelacht!

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24.04.2012, 16:33 Uhr

Sobald im Sommmer die deutschen Abgeordneten im Euro-Wahn den ESM abgenickt haben - und der Bundespräsident hat seine Unterschrift ja auch schon angekündigt, können unbegrenzt aus Solidarität deutsche Steuergelder an spanische Banken fließen.
Dann dürfte auch weiter genug für die Fussballclubs dabei abfallen. Also alles kein Problem.

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