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02.06.2015

11:28 Uhr

Geldwäsche und Korruption bei der Fifa

Blatters Generalsekretär Valcke gerät in Verdacht

Quelle:SID

FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke steht wegen einer Millionenüberweisung im Visier der Behörden. Deshalb fährt er nicht zur Frauen-WM. Gegen Brasiliens Ex-Verbandspräsidenten Ricardo Teixeira wird ebenfalls ermittelt.

SID

Unter Verdacht: Jerome Valcke

New York / Rio de JaneiroJerome Valcke, Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes Fifa, soll dem mittlerweile geschassten Vizepräsidenten Jack Warner im Jahr 2008 zehn Millionen Dollar von einem Fifa-Konto überwiesen haben. Im Gegenzug habe Warner Südafrika als WM-Ausrichter 2010 seine Unterstützung zugesagt. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf Ermittlerkreise des FBI.

Valcke hatte am Montag seine geplante Reise zur Frauen-WM nach Kanada kurzfristig abgesagt. „Es ist wichtig, dass er sich um Angelegenheiten im Fifa-Hauptquartier in Zürich kümmert“, teilte die Fifa mit.

Die Überweisung der zehn Millionen Dollar, die vom damaligen südafrikanischen WM-Organisationskomitee in der Sache bestätigt wurde, war laut der Anklageschrift der US-Behörden „von einem hochrangigen Fifa-Funktionär“ genehmigt worden. Überwiesen wurde direkt von der Fifa in die Concacaf-Region (Nord- und Zentralamerika sowie die Karibik) im Rahmen des Geldes, das Südafrika für die WM-Ausrichtung bekommen hatte.

Die Anklagepunkte gegen die Fifa-Funktionäre

Copa Americà

1986 erwirbt das Unternehmen Traffic Brazil die weltweiten Vermarktungsrechte für die Südamerika-Meisterschaft. Fünf Jahre später fordert CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz für eine Vertragsverlängerung eine sechsstellige Summe an Schmiergeld. Ein namentlich nicht genannter Mitverschwörer (#2) veranlasst die Zahlung einer sechsstelligen Summe in US-Dollar auf ein Konto, das Leoz zugeschrieben wird. Bis 2011 erhält Leoz Zahlungen für jede Auflage des Turniers, diese erhöhen sich jedes Mal und erreichen einen Millionenbetrag. Für die weltweiten Vermarktungsrechte der vier Copa Americas von 2015 an werden bereits insgesamt Schmiergelder in Höhe von 110 Millionen an elf CONMEBOL-Offizielle vereinbart.

Gold Cup

Mit Hilfe des gleichen Mit-Verschwörers (#2) wird ein System wie bei der Copa America aufgebaut. Traffic USA erwirbt von 1996 an für fünf Auflagen auch die Vermarktungsrechte der Nord- und Mittelamerika-Meisterschaft. Bis zum Turnier 2003 fließen Hunderttausende Dollar an Schmiergeldzahlungen an CONCACAF-Präsident Jack Warner. Diese werden ebenfalls versucht, über Mittelsmänner zu verschleiern. Warners Nachfolger Jeffrey Webb erhält 1,1 Millionen für seine Zusage der Rechte am Gold Cup und CONCACAF Champions League 2012 an Traffic USA. Für die Turniere im folgenden Jahr sind es bereits zwei Millionen.

Copa Libertadores

Rund um 2000 hält Leoz auch hier die Hand auf und bekommt von einem Mit-Verschwörer (#5) einer Sport-Marketing-Agentur Schmiergeld- und Kickback-Zahlungen für die Werberechte an der südamerikanischen Vereins-Königsklasse. 2006 weist Leoz #5 an, aus dem Werbekontrakt mit dem CONMEBOL mehr als zwei Millionen US-Dollar auf persönliche Konten in Schweiz und Paraguay zu lenken.

Brasilianische Nationalmannschaft

Ein multinationaler Sport-Ausrüster aus den USA erwirbt 1996 die Ausrüsterrechte für zehn Jahre für 160 Millionen US-Dollar. Der Ausrüster stimmt zu, weitere 40 Millionen an eine Tochter von Traffic Brasil zu zahlen. Die Hälfte fließt als Schmiergeld von Mit-Verschwörer (#2) an eine weitere namentlich nicht genannte Person. 2002 wird der Ausrüstervertrag vorzeitig aufgelöst.

WM-Vergabe 2010

CONCACAF-Präsident Warner berichtet einem Mitverschwörer, dass hohe FIFA-Offizielle, die südafrikanische Regierung und das südafrikanische Bieter-Komitee bereit seien, eine Zahlung von Südafrikas Regierung in Höhe von 10 Millionen Dollar an den CFU zu arrangieren. Diese soll „die afrikanische Diaspora unterstützen“. Mitverschwörer #1 versteht, dass Warner, er selbst und Mitverschwörer #17 für Südafrika als Gastgeber der WM 2010 stimmen sollen. Warner deutet an, dass er das Angebot akzeptiert und sagt Mitverschwörer #1 zu, eine Million Dollar weiterzureichen.

Die südafrikanische Regierung soll die Zahlungen daraufhin jedoch nicht direkt aus Regierungstöpfen vornehmen können. In drei Margen weist ein hochrangiger FIFA-Funktionär an, dass zehn Millionen Dollar von einem FIFA-Konto in der Schweiz auf ein US-Konto fließen. Das Geld landet schließlich auf Konten im Namen der Karibischen Fußball-Union CFU und CONCACAF, kontrolliert von Warner, in Trinidad und Tobago. Durch Geldwäsche bei Mittelsmänner fließen Teile des Geldes schließlich zu Unternehmen in Trinidad und Tobago sowie Warners Privatkonten. Mit-Verschwörer #1 erhält mehr als 750.000 Euro von Warner.

Fifa-Präsidentschaftswahl 2011

Mit-Verschwörer #7, ein hoher Funktionär der FIFA und des asiatischen Verbands AFC, erklärt 2011 seine Kandidatur für das FIFA-Präsidentenamt. Ende April fließen 363 537,98 Dollar von einem Konto, das Mit-Verschwörer #7 kontrolliert auf ein Konto des CFU, das Warner kontrolliert. Im Mai stellt #7 den CFU-Verbänden seine Kandidatur vor, Warner sagt den Funktionären, dass sie sich ein „Geschenk“ abholen könnten. Die Repräsentanten erhalten jeweils einen Umschlag mit 40 000 US-Dollar. Nachdem das System aufliegt und Warner von seinen Posten zurücktritt, veranlasst Mit-Verschwörer #7 eine Zahlung von mehr als 1,2 Millionen Dollar auf ein Konto, das Warner kontrolliert.

Valcke dementierte in einer E-Mail an die New York Times seine direkte Verantwortlichkeit. Fifa-Sprecherin Delia Fischer gab an, dass der damalige Direktor der Fifa-Finanzkommission, der inzwischen verstorbene Julio Grondona, die Zahlung autorisiert habe – und das „im Einklang mit den Fifa-Statuten“.

Der Weltverband reagierte am Dienstagmorgen in einer Stellungnahme: „Weder der Generalsekretär Jérôme Valcke noch ein anderes Mitglied des Führungsstabes war an der Initiierung, Genehmigung oder Durchsetzung des Projekts beteiligt.“ Das Geld, von der südafrikanischen Regierung genehmigt, sei zur Unterstützung der afrikanischen Diaspora in der Karibik überwiesen worden. Der Fifa sei durch die Überweisung kein Schaden entstanden, denn das Geld habe dem südafrikanischen Organisationskomitee gehört.

Diese Anmerkung ist interessant; denn die US-Justiz ist davon überzeugt, dass die Gelder in Wahrheit dazu dienten, Fifa-Funktionäre zu schmieren, damit diese die WM an Südafrika vergeben. Der Großteil des Geldes soll sich Jack Warner selbst eingeheimst haben, was dieser bestreitet. US-Behörden ermitteln. Warner selbst bezeichnete die Anschuldigungen wiederholt als Revanche der USA für die Niederlage des Landes bei der Abstimmung über die Vergabe der WM-Endrunde 2022 gegen Katar. Auch der der Präsident des südafrikanischen Fußballverbandes bestreitet, dass die Gelder für Schmiergeldzahlungen gedient hätten.

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Die Fußball-Weltmeisterschaft ist für die Fifa die wichtigste Einnahmequelle. Doch auch die Verbände hängen weltweit von dem Turnier ab. Aus Dänemark kommt nun ein Vorschlag, der das Fifa-System erschüttern könnte.

Warner hatte sich im Mai den Justizbehörden in Trinidad und Tobago gestellt, die USA haben seine Auslieferung beantragt.

Die Fifa bestätigt damit aber die Darstellung der US-Justiz, dass die 10 Millionen Dollar auf Konten überwiesen wurden, die unter der Kontrolle von Warner standen – der zentralen Schlüsselfigur im Fifa-Korruptionssumpf.

Generalsekretär Valcke, die „Nummer zwei“ von Fifa-Präsident Joseph S. Blatter, war bislang nicht ins Visier der US- oder der Schweizer Behörden geraten, die mit ihren Festnahmen und voneinander unabhängigen Ermittlungen die Fifa am vergangenen Mittwoch in eine tiefe Krise gestürzt hatten.

Kommentare (1)

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Herr Marc Otto

02.06.2015, 10:25 Uhr

Ausgerechnet die Amerikaner machen hier einen auf Moralapostel, dabei ist die Bestechung von Politikern in den USA legal, heisst nur dann Wahlkampffinanzierung.

Dazu noch, kein einziger amerikanischer Banker ist wegen dem massiven Betrug an der Wall Street, der einen gigantischen Schaden weltweit angerichtet hat, von der New Yorker Staatsanwaltschaft bestraft worden. Von den Kriegsverbrechern gar nicht zu reden. Es ist deshalb mehr als heuchlerisch, wenn Amerika jetzt Moral im internationalen Fussball durchsetzen will.

Was war der wirklich Zweck des Überfalls kurz vor der Abstimmung? Ein israelischer Journalist frohlockte, als er die Nachricht über die Verhaftung der FIFA-Funktionäre hörte. Das wird die Weltpresse voll beschäftigen und von der Ausschlussabstimmung ablenken, sagte er. So ist es auch.


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