Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.12.2014

13:27 Uhr

Genervt von der Fifa

Fußballverbände haben „ein bisschen die Nase voll“

Die Europäische Fußball-Union geht weiter auf Distanz zur Fifa. Grund sei der umstrittene Untersuchungsbericht zur WM-Vergabe an Russland und Katar, hieß es nach einem Treffen der europäischen Verbände in Frankfurt.

Uefa-Präsident Michel Platini (rechts) und „sein“ Generalsekretär Gianni Infantino. AFP

Uefa-Präsident Michel Platini (rechts) und „sein“ Generalsekretär Gianni Infantino.

FrankfurtDie Europäische Fußball-Union geht im Zusammenhang mit der schleppenden Aufarbeitung ungelöster Probleme beim Weltverband weiter auf Distanz zur FIFA. Nach einem Treffen zahlreicher europäischer Verbände in Frankfurt zeigte sich UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino am Dienstag zunehmend genervt.

„Die ganze Angelegenheit macht uns eigentlich alle ein bisschen traurig. Und wir haben eigentlich alle auch ein bisschen die Nase ziemlich voll“, betonte der Schweizer mit Blick auf den umstrittenen Untersuchungsbericht der Ethikkommission zur WM-Vergabe 2018 an Russland und 2022 an Katar. „Jeden Tag kommt was Neues raus, es wäre doch schön, wenn da mal für Klarheit gesorgt werden könnte.“

Fußball-WM 2022: Katar und seine Probleme

Das Problem

Fünf Millionen Dollar. Das ist die Summe, die der ehemalige katarische Spitzenfunktionär Mohammed bin Hammam eines Berichts der britischen Zeitung „Sunday Times“ zufolge an Schmiergeldern an Offizielle des Fußball-Weltverbandes gezahlt haben soll.

Der Ermittler

Belege für den Stimmenkauf - teilweise schon ein Jahr vor dem Zuschlag für Katar im Dezember 2010 - sollen von der Zeitung an FIFA-Chefermittler Michael Garcia gehen. Der frühere FBI-Direktor untersucht die WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar.

Der Bericht

Seine Untersuchungen will er bis zum 9. Juni abgeschlossen haben. Sein ursprünglich für September 2013 vorgesehener Bericht soll dann sechs Wochen später fertig sein. Garcia bereist alle Kandidatenländer und wurde zuletzt unabhängig von den neuen Enthüllungen zu Gesprächen mit den Katarern in Oman erwartet.

Im Visier

Als FIFA-Vize und Mitglied des Exekutive gehörte der Katarer Mohammed bin Hammam zum engsten Machtzirkel des Fußball-Weltverbandes. Die Aussage des WM-Komitees, bin Hammam stünde in keiner offiziellen oder inoffiziellen Verbindung zu Katars WM-Bewerbung, ist absurd. Selber abstimmen durfte er bei der Vergabe 2010 zwar nicht, der heute 65-Jährige war aber maßgeblicher Strippenzieher.

Zweifelhafte Karriere

Als Beauftragter für das FIFA-Entwicklungsprogramm Goal verteilte er gerade in armen Ländern immer wieder legale Finanzspritzen des Weltverbandes. Gestürzt wurde bin Hammam 2011 über Bestechungsvorwürfe im Rahmen seiner Kandidatur als FIFA-Präsident gegen Amtsinhaber Joseph Blatter. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hob eine lebenslange Sperre auf, später wurde bin Hammam wegen Verfehlungen in seiner Zeit als Chef der asiatischen Föderation erneut von der FIFA mit einem Bann belegt.

Ein Schatten auf der WM

Die neue Vorwürfe kommen für die FIFA zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Sie werden mit Sicherheit den Kongress der 209 Mitgliedsverbände am 10. und 11. Juni kurz vor dem Eröffnungsspiel in Sao Paulo beschäftigen. Auf der offiziellen Tagesordnung gibt es aber keinen Programmpunkt Katar. Blatter will den Kongress nutzen, um sich als Präsidentschaftskandidat küren zu lassen.

Dauer-Debatte

Das Turnier am Zuckerhut selbst wird durch die Dauer-Debatte um Katar wohl keine Kratzer abbekommen. Die Erfahrung zeigt: Wenn der Ball einmal rollt, rückt der Sport in den Fokus und hohe Wellen schlägt das Thema hauptsächlich in England, Australien und Japan, die alle in den jüngsten WM-Vergaben unterlegen waren, und Deutschland.

Dilemma

Prinzipiell kann die FIFA die Austragungsrechte wieder aberkennen. Zuständig wäre der Kongress als höchste Instanz. Allerdings müssten zunächst Beweise für klare Verstöße gegen die Bewerbungsrichtlinien vorliegen. Und Katar bliebe der Rechtsweg offen. Ein juristischer Streit könnte für die FIFA lang und sehr, sehr teuer werden.

Neue Ausschreibung

Lieber heute als morgen hätte FIFA-Präsident Joseph Blatter das Problem vom Tisch. Doch eine endgültige Lösung ist nicht in Sicht. Legt der Garcia-Bericht eine Neu-Ausschreibung nahe, ist mit einem Gang durch alle Instanzen der Sport- und Zivilgerichtsbarkeit zu rechnen. Bleiben die Vorwürfe ohne Beleg und Konsequenz wird ohnehin weiter über die Katar-WM debattiert werden.

Menschenrechte

Mit Argusaugen beobachten Menschenrechtsorganisationen die umstrittenen Arbeitsbedingungen für Bau- und Gastarbeiter am Golf. Und: Noch ist nicht geklärt, wie die FIFA den durch die extreme Hitze notwendigen Winter-Termin gegen den Widerstand der Top-Ligen in Europa durchsetzen kann.

Bei der Frage nach einem möglichen gemeinsamen Gegenkandidaten für Amtsinhaber Joseph Blatter bei der FIFA-Präsidentschaftswahl im Mai 2015 hielt sich Infantino bedeckt. „Das einzige, was die UEFA machen kann, ist eine Plattform aufstellen, damit es zur Diskussion kommt“, erklärte der Jurist.

Vor der nächsten Sitzung des Exekutivkomitees der UEFA im Januar würden die europäischen Verbände über diese Frage beraten. „Man kann nichts ausschließen. Ob alle geschlossen für einen Kandidaten sind, das ist noch offen und hat auch noch Zeit“, so Infantino.

Verärgert reagierte der Generalsekretär des europäischen Verbandes auf Medienberichte, wonach auch UEFA-Chef Michel Platini in den Skandal um die FIFA geraten sei. Er sei erstaunt, dass man „solchen Blödsinn überhaupt publiziert“, so Infantino.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×