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13.09.2014

17:57 Uhr

Gewalt im US-Football

Touchdown im Elevator

VonAxel Postinett

Ein Profi-Footballer schlägt seine Freundin zusammen. Ein Team-Besitzer der NFL zwingt angeblich Frauen zum Sex. Der amerikanische Macho-Sport steckt in einer tiefen Krise - und die Sponsoren werden nervös.

Ray Rice bei einer Pressekonferenz ap

Ray Rice bei einer Pressekonferenz

San FranciscoRay Rice verlor die Beherrschung. Es war nur ein einziger, gezielter Faustschlag, den der Profi-Footballer landete. Aber der schickte seine Freundin in einem Hotelaufzug bewusstlos zu Boden. Was darauf folgte wird das Gesicht des American Football für immer verändern. Rufe nach einem Rücktritt des Chefs der National Football League, NFL, Roger Goodell, werden immer lauter. Ein ehemaliger FBI-Ermittler durchleuchtet im Auftrag der Liga-Eigner Goodells Rolle in diesem Fall der häuslichen Gewalt, der zunächst so wie immer mit einer symbolischen „Strafe“ von zwei gesperrten Spielen beendet und unter den Teppich gekehrt werden sollte. Doch diesmal kam alles ganz anders. Die Öffentlichkeit ist entsetzt über das Ausmaß der Gewalt und die laschen Reaktionen. Die Sponsoren reagieren verschreckt. Springen sie ab, steht die NFL vor existenziellen Problemen.

Dem öffentlichen Aufschrei folgen hastige Aktionen von Liga und Verein. Statt wie geplant seine Mini-Strafe abzusitzen verliert Rice jetzt seinen Multi-Millionen-Dollar-Vertrag bei den Baltimore Ravens, der Verband sperrt ihn lebenslang. Die internen Strafen für Gewalt von Spielern gegen Frauen werden verschärft. Aber es kehrt einfach keine Ruhe ein. Im Gegenteil: Der politische Widerstand gegen die wahrscheinlich letzte echte Männerbastion in den USA, abgesehen von der Waffenlobby NRA, formiert sich: Sechzehn US-Senatorinnen aus beiden politischen Lagern fordern in einem Brief an die Liga unmissverständlich eine „Null-Toleranz-Politik“ bei häuslicher Gewalt. Es herrsche eine Kultur der Gewalt und Vergewaltigung lautet der Vorwurf vieler Kritiker und Frauenrechtler. Die „National Organisation for Women“ fordert den Rücktritt Goodells und eine Neubesinnung des Footballs: „Die NFL hat kein Ray Rice-Problem“, wettert President Terry O’Neill, „sie hat ein Problem mit Gewalt gegen Frauen“. Das Magazin Slate errechnet, dass 21 von 32 NFL-Teams dieses Jahr irgendwann einmal mindestens einen Spieler im Team hatten, der wegen häuslicher Gewalt oder Sexualdelikten angeklagt war.

Fakten rund um die NFL

Wurzeln in England

American Football wird seit 1869 gespielt, zur Anwendung kam dabei eine modifizierte Form der Regeln der London Football Association. Aus Fußball wurde Rugby und schließlich American Football. 1922 änderte die American Professional Football Association ihren Namen in National Football League oder NFL.

Der SuperBowl

Seit 1967 wird der SuperBowl ausgespielt, das große Finale der Serien AFN und NFL. Das Spiel fand in Los Angeles statt und die Champions der NFL, die Green Bay Packers schlugen die Kansas City Chiefs der AFL, der American Football League. Beide Ligen fusionierten 1970 unter NFL. Zu Beginn ein reines Sport-Spektakel mit Halbzeitauftritten von Hochschulkapellen entwickelte sich der SuperBowl zur Mega-Veranstaltung, die jedes Jahr über 100 Millionen TV-Zuschauer anzieht. Ein 30-Sekunden-Werbespot kostete 2014 rund 4 Millionen Dollar und in der Halbzeitpause treten Weltstars der Musik- und Showindustrie auf.

Das teuerste Stadion

Das brandneue Stadion der San Francisco 49ers in San Jose ist das derzeit teuerste der NFL. Die Baukosten beliefen sich auf 1,3 Milliarden Dollar. Dafür kostete am Eröffnungstag das billigste Stehplatz-Ticket 165 Dollar. Im Durchschnitt, so der Tickethändler Stubhub, wurden 309 Dollar fällig, 80 Dollar mehr als im Jahr zuvor im alten Stadion. Eine VIP-Loge für ein Spiel kostet bis zu 60.000 Dollar.

Der Vorwärtspass

Rugby, aus dem American Footbal entstand, erlaubt nur Pässe zurück. Die wohl signifikanteste Änderung, die erheblich zur Popularität des American Footballs beigetragen hat, war die Zulassung des Vorwärtspasses über die Gegner hinweg in die Richtung auf die Endzone. Das Spiel wurde dadurch erheblich schneller und interessanter. Eingeführt wurde er 1906 allerdings vor allem, um die oft blutigen und manchmal sogar tödlichen Massenkeilereien auf dem Feld zu entschärfen, indem man das Feld auflockern wollte. Seitdem sieht die Standardtaktik eines Spiels so aus, dass der Ball aus der Verteidigungsreihe nach hinten an den Quarterback abgegeben wird. Der geht dann ein paar Schritte zurück und wird von Teamkollegen gegen die anrennenden Gegner abgeschirmt. Weite Teamspieler versuchen sich derweil nach vorne freizulaufen und für einen Pass zu positionieren. Quarterbacks sind seitdem die wichtigsten und meist auch bestbezahlten Spieler eines Teams.

Die Bestbezahltesten

Die bestbezahlten Spieler der NFL in der Saison 2014:

Aaron Rodgers, Green Bay Packers: 22 Millionen Dollar pro Jahr.
Matt Ryan, Atlanta Falcons: 20,75 Millionen Dollar pro Jahr
Joe Flacco, Baltimore Ravens: 20,1 Millionen Dollar

Das Gehaltskartell

Die NFL hat einen Gehaltsdeckel für ihre Vereine installiert und mit der Spielergewerkschaft ausgehandelt. In dieser für die USA sehr unüblichen Aktion ist jeder Verein gezwungen, Mindest- und Maximallohnsummen einzuhalten. 1994 surfte jeder Club höchstens 34,6 Millionen Dollar für alle Spieler zusammen ausgeben. 2014 sind es bereits 133 Millionen Dollar.

Neu ist das alles nicht, aber niemand wollte es bislang richtig wahrhaben. Die Webseite „Power Forward“ pflegt eine nicht enden wollende Horrorliste von Vergewaltigungsvorwürfen gegen Nachwuchs-Footballer aus der College-Liga, dem Talent-Pool der NFL. Teilweise mussten selbst gegen Schulleitungen Ermittlungen eingeleitet werden, weil sie Opfer nicht ernst nahmen, sie angeblich von Anzeigen gegen Footballer abhalten wollten oder schlicht nicht bereit waren, irgendwelche Strafen zu verhängen. Universitäten investieren enorme Summen in Football-Spieler. Sie gelten als Helden und  die Colleges machen Millionengewinne mit der Nachwuchsliga. Die Anspannung und die Aggression unter den Spielern sind groß, es wird gnadenlos ausgesiebt. Persönliche Kurzschlusshandlungen scheinen da einfach eine Folge des Systems. Da wird nichts akzeptiert, was die Geldmaschine ins Stottern bringen könnte, schimpfen Kritiker unisono. Es herrsche seit Jahrzehnten eine Kultur der Vertuschens und Verschweigens. Der Jahresumsatz der College-Football-Liga wird auf rund zehn Milliarden Dollar geschätzt.

Das Fass zum Überlaufen brachte ein Vorfall, der schon im März passiert war, aber zunächst wie viele andere zuvor im Sande zu verlaufen drohte. Ein Video war im Umlauf, das zeigte wie Ray Rice eine bewusstlose Frau aus einem Fahrstuhl schleifte und auf dem Boden ablegte. Wilde Gerüchte machten die Runde. Er wurde verhaftet, später ersparte ihm ein Deal mit der Staatsanwaltschaft einer Verurteilung vor Gericht. Er nimmt jetzt an einem Anti-Gewalt-Programm teil. Ein nicht unüblicher Ausgang. Bereits 2010 zeigte eine Untersuchung der Harvard Law School eine „ungewöhnliche Milde“, wenn es um Sportler und häusliche Gewalt gehe: Die „Rate der Verurteilungen von Sportlern wegen häuslicher Gewalt ist überraschend niedrig, verglichen mit der Zahl der Verhaftungen“, heißt es. Die Liga zeigte sich ebenfalls gnädig mit einem schmerzfreien Klaps auf die Finger von Ray Rice: Zwei Spiele Sperre.

Schon Anfang August braute sich jedoch Ungemach zusammen, als sich der demokratische Senator Richard Blumenthal und zwei Kollegen an die NFL wandten. Die symbolische Bestrafung sende zwangsläufig die Botschaft, die NFL „behandele häusliche Gewalt nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit“, warnten sie. Die Politiker monierten eine Haltung des „Kavaliersdelikts“ bei den Verantwortlichen. Doch die Macho-Liga blieb stur. NFL-Vizepräsident Adolpho Birch verteidigte die Strafe als „angemessen“. Und auch Rices‘ Team wollten die Sache jetzt endlich beerdigen. Was war denn schon passiert?

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