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02.02.2011

11:50 Uhr

Gewerkschaft warnt

Vom Profivertrag in die Pleite

Die Spielergewerkschaft VdV schlägt Alarm: 20 bis 25 Prozent der Fußball-Profis seien am Ende ihrer Karriere pleite oder überschuldet. Nur auf die Karte Fußball zu setzen, erweist sich oft als schwerwiegender Fehler. Viele Klubs steuern der Entwicklung entgegen. Die Gewerkschaft fordert: „Lieber Bildung statt teurer Autos“.

In einer Karriere im Profifußball winkt viel Geld. Die Spielergewerkschaft VdV warnt allerdings davor, die Bildung zu vernachlässigen. dpa

In einer Karriere im Profifußball winkt viel Geld. Die Spielergewerkschaft VdV warnt allerdings davor, die Bildung zu vernachlässigen.

HB KÖLN. Das derzeit berühmteste Möbelstück Deutschlands ist verwaist. Heisenberg-Gymnasium Gladbeck, Klassenraum, Jahrgangsstufe 11, erste Reihe, 3. Tisch, links außen: Ein schnöder Holzstuhl mit Metallrahmen. Hier würde Julian Draxler sitzen, wenn der Schalker Jungstar nicht die Schule geschmissen hätte - auf Anraten seines Trainers Felix Magath.

Nun ist Julian Draxler sicherlich nicht geeignet, um Horroszenarien von Hartz IV und einem langen Leben auf Muttis Schoß zu zeichnen. Draxler ist ein kluger Junge, hat die Mittlere Reife und noch viel, viel Zeit. Dennoch schlägt die Spielergewerkschaft VdV Alarm. „20 bis 25 Prozent der Spieler sind nach der Karriere pleite oder überschuldet“, sagt VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky: „Sie wissen, dass sie auf eine Wand zurasen. Aber sie bremsen nicht.“

Am Ende seien die Spieler von Staatsleistungen oder ihrer Frau abhängig: „Deshalb raten wir: Keine teuren Autos, sondern lieber Bildung“. Viele Klubs schließen sich der Forderung an, fördern ihre Jungprofis in Partnerschulen und Eliteschulen des Fußballs. Auch der FC Bayern, den zudem auszeichnet, dass er gescheiterten ehemaligen Stars wieder auf die Beine hilft. Gerd Müller ist das beste Beispiel.

Das Münchner Theodolinden-Gymnasium ist nur einen Steinwurf vom Bayern-Trainingsgelände entfernt. Michael Rensing hat dort Abitur gemacht, Georg Niedermeier vom VfB Stuttgart auch. „Bei uns geht es erst um die Schule, dann erst um den Sport“, sagt Horst Schmidbauer, der die „Leistungssportklassen Fußball“ koordiniert: „Es gibt ein Leben nach dem Fußball - und das ist länger als die Karriere.“

Baranowsky formuliert es anders: „Irgendwann kommt der Tag X. Jeder weiß, dass jedes Foul den Tag X bedeuten kann.“ DFB-Sportdirektor Matthias Sammer - in seiner Laufbahn selbst von etlichen Verletzungen und Rückschlägen bei Comebacks geschlagen - hat schon sein Bedauern bekundet, dass der Schalker Jungstar Draxler die Schule abgebrochen habe und drauf hingewiesen, dass eine Verletzung die Karriere beenden schnell könne. Einige Ex-Profis haben ganz bittere Erfahrungen gemacht. Der frühere Dortmunder Bundesliga-Spieler Günter Breitzke wartet seit 1999 auf Arbeit, die einzige Ausbildung war eine abgebrochene Lehre als Lackierer.

Sein Wechsel zu Fortuna Düsseldorf (1992) „war mein Untergang“, sagt er. Jeder Tag fühlt sich nun an wie eine Woche. Es sei denn, es wird mal wieder Fußball gespielt - mit den Alten Herren. Häufig, erklärt Baranowsky, muss in solchen Fällen auch ein Psychologe eingreifen. „Wer alles ausblendet und keine Rücklagen hat, steht irgendwann vor dem Nichts. Da gibt es ein ganz, ganz böses Erwachen.“ Studien zufolge haben nur zehn Prozent der Profis am Karriere-Ende ausgesorgt.

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