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26.02.2016

18:24 Uhr

Gianni Infantino ist neuer Fifa-Präsident

Blatters Nachbar auf dem Thron

Gianni Infantino ist zum neuen Fifa-Chef gewählt worden. Er tritt die Nachfolge von Sepp Blatter an, der wegen des Korruptionsskandals zurücktreten musste. Infantino soll die Fifa reformieren – doch Zweifel bleiben.

Er tritt die Nachfolge von Sepp Blatter als Fifa-Präsident an. AP

Gianni Infantino

Er tritt die Nachfolge von Sepp Blatter als Fifa-Präsident an.

ZürichMit dem Waschen schmutziger Wäsche kennt man sich im Hause Infantino aus. Launig erzählte der neue Fifa-Präsident am Vorabend seiner Wahl, dass er das Amt als Vereinschef in seinem Schweizer Heimatort Brig als 18-Jähriger nur bekommen habe, weil seine Mutter versprach, die Trikots zu reinigen.

In seinem neuen Job wird Gianni Infantino ohne seine Mama auskommen müssen - und die Aufgabe ist riesig. Noch vor wenigen Monaten war unvorstellbar, dass der 45 Jahre alte Jurist aus dem Wallis seinen Landsmann und Dorfnachbarn Joseph Blatter beerben würde. Erst die Sperre von Uefa-Boss Michel Platini machte ihn zum Kandidaten.

Eloquent ist Infantino. Mit einer Mischung aus jungenhaftem Charme und knallharter Funktionärsdenke hat er es in der Fußball-Welt ganz nach oben geschafft. Seinen Sprung ins Top-Amt der Fifa hatte er aber selbst nicht für möglich gehalten. „Manchmal gibt es im Leben Situationen, in denen man seine Pläne ändern muss, weil es die Bedingungen erfordern“, erklärte er seinen Entschluss.

Dem breiten Fußball-Publikum war der Schweizer zuvor bestenfalls von den Auslosungen zur Champions League bekannt, die er mehrsprachig leitete. Im zweiten Wahlgang beim Fifa-Konress am Freitag in Zürich setzte sich Infantino mit 115 Stimmen durch.

Der Weg auf den Fifa-Thron bedurfte eines Kraftaktes: Nicht einmal in der europäischen Heimatkonföderation flogen dem geübten Funktionär die Herzen automatisch zu. Erst bei seiner Abschlussrede vor den Uefa-Funktionären konnte er sich sicher sein, dass die Zustimmung zumindest aus Europa standesgemäß sein würde.

Blatters letzte Bastion: Der Geburtsort eines Scheinheiligen

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Der Geburtsort eines Scheinheiligen

Die Welt hat den Stab über Ex-Fifa-Chef Joseph Blatter längst gebrochen. Doch an einem Ort ist Freundschaft stärker als alle Skandale. Ein Rundgang durch Visp, wo Blatter geboren wurde. Wo er einfach der Sepp ist.

„Ich bin um die ganze Welt gereist, fünfmal um die ganze Welt. Ich kann ihnen Ratschläge erteilen über alle Fluglinien und wie man am besten schläft“, berichtete er launig von seiner Werbetour um den Globus. „Manchmal weiß ich nicht, welche Tageszeit gerade ist, ob ich frühstücke oder zu Abend esse“, hatte er schon zuvor erzählt. Von Panama, nach Asuncion, von Kigali nach Paris. Die Maschinerie lief.

Langsam mauserte er sich zu einem ernsthaften Konkurrenten für Scheich Salman bin Ibrahim al Chalifa, dem Adligen aus Bahrain, der vergeblich versuchte, ihn auf den Posten des Fifa-Generalsekretärs zu locken. „Es ist nicht die Zeit für Deals“, lehnte Infantino ab. Seinen europäischen Verbündeten, etwa dem Deutschen Fußball-Bund, hätte er eine solche Allianz auch nicht erklären können.

Nun soll Infantino die Fifa reformieren, doch Zweifel bleiben. Seine Sozialisation als Funktionär erfolgte im System von Platini und damit im System von Blatter. Seine letzte Wahlrede vor den Delegierten hätte auch von Blatter geschrieben worden sein können - ständig wechselte er zwischen sechs Sprachen, ein Stilmittel dass der Ex-Chef perfekt beherrschte.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Seine Wahlkampf-Versprechungen im Blatter-Stil nehmen öffentlich schon Anstoß. Fünf Millionen Dollar Zuschuss für alle Konföderationen und damit eine Steigerung im Vier-Jahreszyklus von 150 Prozent sind Versprechungen á la Blatter. Von den Delegierten bekam er dafür bei seiner Rede Szenen-Applaus. Die WM-Aufstockung auf 40 Teams bringt aber seine europäischen Freunde in Rage.

Von

dpa

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