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18.11.2015

15:13 Uhr

Hannover, die Absage und die Folgen

„Wir sollten uns nicht dem Terror beugen“

VonThomas Schmitt

Die Deutschen sollten gelassen auf die Absage des Länderspiels in Hannover reagieren. Das rät der Sicherheitschef der WM 2006, Helmut Spahn. Er rechnet mit mehr Polizeipräsenz und ist strikt gegen Absagen in der Liga.

Helmut Spahn war Sicherheitschef beim Deutschen Fußballbund (DFB) und 2006 für die Sicherheit der Weltmeisterschaft in Deutschland zuständig. dpa

Helmut Spahn

Helmut Spahn war Sicherheitschef beim Deutschen Fußballbund (DFB) und 2006 für die Sicherheit der Weltmeisterschaft in Deutschland zuständig.

Helmut Spahn war Sicherheitschef beim Deutschen Fußballbund (DFB) und 2006 für die Sicherheit der Weltmeisterschaft in Deutschland zuständig. 2011 wechselte er zum neugegründeten Zentrum für Sicherheit im Sport (ICSS) in Doha. Wie er das Risiko in Stadien nach der Spielabsage in Hannover gegen die Niederlande einschätzt. Und wie Arenen sicherer werden können.

Das Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande in Hannover ist sehr kurzfristig und überraschend abgesagt worden. Martin Kind, der Vorstandschef von Hannover 96, fürchtet nun dramatische Folgen für den Fußball?
Das glaube und hoffe ich nicht. Auch wenn es aufgrund der aktuellen Eindrücke schwer fallen mag, wir sollten Ruhe und Gelassenheit bewahren und so emotionslos wie irgend möglich, objektiv und sachlich analysieren.

Terrorismusexperten prognostizieren, dass sportliche Großereignisse nun „immer mehr zu reinen Polizeiveranstaltungen“ werden?
In den nächsten Tagen, vielleicht Wochen, werden wir sicher eine größere Präsenz von Sicherheitskräften wahrnehmen, was völlig normal und der Lage angemessen ist. Allerdings sollten wir uns nicht dem Terror beugen, indem wir unser Leben komplett umkrempeln. Es gilt, eine der Lage angemessene Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden. Auch bei der WM 2006 hatten wir eine latente Terrorgefahr und dennoch waren es keine „Polizeiveranstaltungen“. Es sind ganzheitliche Konzepte gefragt, die die mit allen Stakeholdern abgestimmt sein müssen.

24 dramatische Stunden für DFB-Elf: Von der Bombendrohung bis zur Landung daheim

10.00 Uhr

Alle Spieler und Betreuer müssen am Freitag das noble Teamhotel Molitor im Südwesten der Stadt verlassen. Eine Bombendrohung ist eingegangen. Teammanager Oliver Bierhoff eilt von einem Sponsorentermin zurück zur Mannschaft.

(Quelle: dpa)

12.00 Uhr

Bastian Schweinsteiger und Co. müssen sich die Zeit auf der Tennisanlage von Roland Garros vertreiben. Tennisspielen dürfen sie nicht. Währenddessen kommen im Teamhotel Spürhunde zum Einsatz. Sie finden – zum Glück – nichts.

13.30 Uhr

Die Polizei gibt Entwarnung. Als erster darf Holger Stromberg zurück. Der Koch soll das verspätete Mittagessen vorbereiten. Kurz darauf folgt die Mannschaft. Nach einer Ansprache von Joachim Löw wird das Team zu Tisch gebeten.

14.00 Uhr

Bierhoff spricht vor dem Hotel zur Presse. Der Teammanager berichtet von einem „großen Schreck“. Die Vorbereitung auf das Länderspiel sei gestört. Ein Alibi dürfe die Bombendrohung aber nicht liefern. „Wir sind erleichtert, dass die Sache geklärt ist“, sagte Bierhoff – nicht ahnend, was am Abend folgen sollte.

14.30 Uhr

Im Teamhotel tagt die DFB-Interimsspitze. Mehrere Stunden beraten die neuen Chefs Rainer Koch und Reinhard Rauball sowie Schatzmeister Reinhard Grindel und Generalsekretär Helmut Sandrock über die künftige Aufgabenverteilung im Verband.

19.00 Uhr

Abfahrt zum Stadion. Im schwarzen Weltmeisterbus machen sich Löw und seine Spieler auf den Weg zum Stade de France. Die Vorbereitung mit Störfaktor muss nun vergessen sein. Jetzt zählt nur noch die Konzentration für den sportlichen EM-Testlauf.

21.00 Uhr

Die Hymnen sind gespielt, die Partie beginnt. Das Stade de France ist mit fast 80.000 Zuschauern besetzt. Es herrscht ein Vorgeschmack auf die erhoffte Stimmung im kommenden EM-Sommer.

21.20 Uhr

Ein lauter Knall ertönt hinter der Gegengeraden. Erstmal ist unklar, was das gewesen sein könnte. Die Spieler sprechen laut Rauball von Druckwellen, die man auf der Ersatzbank habe spüren können.

21.26 Uhr

Schon wieder dieser ohrenbetäubende Lärm. Spätestens jetzt beschleicht viele im Stadion ein mulmiges Gefühl. Was ist da los vor der Arena? Das Spiel geht aber unbeeinflusst bis zur Halbzeit weiter.

22.15 Uhr

Die Nachricht von den Schießereien in der Stadt und den Explosionen vor der Arena erreichen die Zuschauer. Auch die Bilder von Präsident Francois Hollande auf dem Weg hinaus sorgen für Unruhe.

22.50

Das Spiel ist vorbei. Tausende Zuschauer werden auf den Rasen geleitet. Mit großer Bedacht agieren die Ordner. Nur kurz kommt es zur Unruhe an manchen Ausgängen. Bis alle Zuschauer das Stade de France verlassen können, vergehen Stunden.

23.15

In den Katakomben herrscht eine gespenstische Stimmung. Alle sonst üblichen Medienaktivitäten wie die Pressekonferenz sind abgesagt. Die Mannschaft bleibt in der Kabine. Wie lange, ist unklar. „Wir sind alle erschüttert und schockiert. Für mich tritt der Sport in den Hintergrund“, sagt Bundestrainer Löw.

2.00 Uhr

Das Warten im Stadion wird zur Geduldsprobe. Angeblich sollen die deutschen Spieler mit Kleinbussen zum Hotel gebracht werden. Doch auch das ist zu riskant. Bierhoff und Rauball erklären später die Entscheidung: Der Verbleib in der Arena ist alternativlos.

3.30 Uhr

Das Krisenmanagement läuft. DFB-Interimschef Rauball telefoniert unter anderem mit Innenminister Thomas de Maiziere. Das Ziel: Die Mannschaft soll so schnell wie möglich in die Heimat gebracht werden.

6.30 Uhr

Eine Nacht in der Umkleide geht für Schweinsteiger und Co. endlich zu Ende. Die DFB-Eskorte bricht unter Polizeischutz Richtung Flughafen auf. Rauball lobt die Mannschaft: „Man kann stolz sein, wie sie diese Nacht überwunden hat.“

8.00 Uhr

Die Lufthansa-Maschine steht auf dem Rollfeld ganz weit abseits des Flughafengebäudes bereit – bewacht von Polizisten mit Maschinengewehren. Die Spieler plumpsen in ihre Sitze. Bis zum Start vergeht aber noch eine Stunde.

9.00 Uhr

Nun sind auch Fans, Sponsoren und Journalisten an Bord. Die Maschine hebt in den Pariser Morgenhimmel ab. Auf dem Flug wird bekannt, dass Löw seine Spieler mindestens für eine Nacht nach Hause schickt. Über das Holland-Spiel soll später entschieden werden.

10.00 Uhr

Die Landung am Samstagmorgen in Frankfurt weckt die erschöpften Spieler aus einem kurzen Schlaf. Die Erleichterung ist bei Lukas Podolski und Co. spürbar. Ihre schwierigste Länderspielreise nimmt am DFB-Stammsitz in Frankfurt ein Ende.

Sollte der nächste Spieltag der Bundesliga vorsichtshalber abgesagt werden?
Nein! Sonst müssten wir alle zu Hause bleiben und dürften auch keinen Bahnhof, Flughafen oder Kino betreten. Eine solche Entscheidung kann nur getroffen werden, wenn es konkrete Anhaltspunkte und eine unmittelbar bevorstehende Gefahr gibt.

Terror und der Sport: Wer entscheidet über Spielabsagen?

Terror und der Sport

Wer entscheidet über Spielabsagen?

Nach der Länderspiel-Absage richtet sich der Fokus auf die Sicherheit in den Stadien der Fußball-Bundesliga. Doch wer ist dafür verantwortlich? Und wie schätzen Experten die Lage ein? Wichtige Fragen und Antworten.

Wie kann der Innenraum von Arenen wirksamer geschützt werden?
Die Sicherheitskonzepte in den Stadien sind wirksam und bereits auf einem hohen Niveau. Ich bin sicher, dass die Lage fortlaufend analysiert und dementsprechend gehandelt wird.

Stimmen zum Länderspiel

Mit der Absage „haben wir eigentlich wieder verloren, also 2:0 für die Terroristen“

Stimmen zum Länderspiel: Mit der Absage „haben wir eigentlich wieder verloren, also 2:0 für die Terroristen“

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Was halten Sie von personalisierten Tickets, die es ja in Italien schon lange gibt?
Der Grund für personalisierte Tickets in Italien war ja nicht die Terrorabwehr. Die jeweiligen Veranstaltungen müssen individuell beurteilt werden. Maßnahmen, die bei einer WM erforderlich und sinnvoll sind, müssen nicht zwangsläufig auch im Ligaalltag angezeigt sein.

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