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14.03.2014

18:40 Uhr

Hoffenheim-Geschäftsführer Rettig

„Wir schleppen keinen Traditionsballast mit uns herum“

VonAnis Micijevic, Alexander Möthe

ExklusivSeit Oktober heißt der starke Mann bei der TSG Hoffenheim Peter Rettig. Im Interview spricht der Geschäftsführer über Probleme mit der Tradition, die Markenfindung, strategische Partner und den Einfluss Dietmar Hopps.

Der starke Mann bei der TSG Hoffenheim: Peter Rettig ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei den Kraichgauern.

Der starke Mann bei der TSG Hoffenheim: Peter Rettig ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei den Kraichgauern.

DüsseldorfPeter Rettig hat Erfahrung mit starken Marken. Der Mann, der heute Vorsitzender der Geschäftsführung bei der TSG 1899 Hoffenheim ist, war früher einer der leitenden Manager bei Coca Cola Deutschland. Im Anschluss war er frei als Berater tätig – und landete so im Kraichgau und damit der 1. Fußball-Bundesliga. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt hat Rettig vielerorts im Verein Nägel mit Köpfen gemacht, Posten neu besetzt, Strukturen neu geschaffen und geordnet. Zum Gespräch nach Düsseldorf bringt er seinen Mediendirektor mit: Christian Frommert. Der Mann, der 2006 als Leiter der Sponsoring-Kommunikation der Deutschen Telekom die Suspendierung Jan Ullrichs aus dem Radrennteam bekannt geben musste. Es zeigt sich schnell: Wenn Rettig von Professionalisierung spricht, dann hat er konkrete Vorstellungen. Und dennoch entwickelt sich ein letztlich überraschend offenes, ehrliches Gespräch.

Herr Rettig, Sie haben als General Manager die Fußball-WM 2006 für Coca-Cola gesteuert. Nun sind Sie Vorsitzender der Geschäftsführung bei der TSG Hoffenheim. Es ist ja nicht alltäglich, dass man von einem Weltunternehmen in die baden-württembergische Provinz zu einem Fußballverein wechselt.
Es gibt da eigentlich zwei Schritte: Der erste Schritt ist, von der Industrie in den Profifußball zu wechseln und dann innerhalb des Profifußballs nicht zum FC Bayern oder zum FC Barcelona, sondern zur TSG Hoffenheim zu gehen. Und beides sind eigentlich völlig logische Schritte.

Warum?
Wenn man so wie ich bei Coca Cola gearbeitet hat, hat man irgendwann eine hohe Affinität zu Sport. Coca Cola ist der Sponsor der Olympischen Spiele, der Fifa und der Uefa. Ein Sponsor, der die Plattform Fußball genutzt hat, um Erlebniswelten zu schaffen. Dadurch kommen Sie ganz nah ran an diese Fußball-Welt.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Coca Cola und der TSG Hoffenheim?
Beides sind emotionale Marken. Fußball ist eine Dienstleistung und Coca Cola verkauft Getränke, da ist natürlich ein großer Unterschied, aber sie bewegen sich in hochemotionalen Umfeldern. Rationalität spielt auch eine Rolle, aber eher eine untergeordnete.

Wie kam der Kontakt zu Hoffenheim zustande?
Ich habe nach meinem Job bei Coca Cola als Berater im Profifußball gearbeitet und bin von dem Thema gar nicht mehr richtig weggekommen. Und so bin ich irgendwann bei der TSG Hoffenheim gelandet. Da hatte ich vor einem Jahr ein Beratungsmandat. Damals haben uns die Gesellschafter gefragt, ob wir nur ein sportliches Problem haben (der Verein war zu dem Zeitpunkt Tabellenvorletzter, Anm. d. Red.) oder grundsätzliche Probleme im Verein. Dann haben wir Konzepte entwickelt und festgestellt, dass es nicht nur ein sportliches Problem gibt. Ein sportliches Problem ist oft auch die Konsequenz von strukturellen oder von Führungsproblemen. Deswegen war relativ schnell klar, dass auch ein paar andere Sachen geändert werden mussten. Letztlich hieß es, ich solle nicht nur erzählen, was alles gemacht werden müsste, sondern es gleich selbst machen.

Warum gerade die TSG Hoffenheim?
Die TSG Hoffenheim hat von allen Fußball-Bundesligisten die höchste Affinität zu Markenwerten wie Coca Cola, Nike oder klassischen Industrieunternehmen.

Inwiefern?
Wir müssen diesen Traditionsballast nicht mit uns rumschleppen. Wir haben keine Gremien mit Altvorderen, die immer und überall mitreden wollen, sondern ganz kurze Entscheidungswege. Wir sind hochmodern, wir sind innovativ und mutig – also all das, was man von einem Wirtschaftsunternehmen auch erwarten würde. Wie habe ich Erfolg? – Nicht, indem ich bewahre und sehr traditionell daherkomme, sondern indem ich Dinge ausprobiere, mutig bin, meinen eigenen Weg beschreite. Die TSG Hoffenheim ist wahrscheinlich der einzige Fußballverein, der wirklich mit einem Wirtschaftsunternehmen vergleichbar ist. Und trotzdem ist es immer noch ein Fußballverein. Aber wir haben den Blick nach vorne und nicht nach hinten gerichtet.

Man kann bei Ihnen eine liberale Einstellung zum Traditionsbegriff heraushören. Warum transportiert dann die TSG mit der Jahresangabe 1899 im Vereinsnamen praktisch eine in der Form nicht gegebene Tradition nach außen?
Die Frage habe ich genauso gestellt, die konnte mir keiner beantworten. Deshalb sind wir die TSG und deshalb rufen die Fans in der Kurve „TSG“ oder „Hoffe“ und nicht „1899“.

Also distanzieren Sie sich selbst davon?
Für mich hat der Ausdruck „1899“ wenig Bedeutung. Und wenn Sie mit den Fans sprechen, dann sagen sie auch: „Wir sind die TSG“. Das war irgendwann mal ein Versuch, hervorzuheben, dass es diesen Verein schon sehr lange gibt. Das ist eben ein Faktum. Es gibt die TSG Hoffenheim länger als Schalke 04. Und wenn man Tradition an Gründungsdaten festmachen möchte, dann hat die TSG eine längere Tradition als viele Vereine.

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