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04.05.2011

12:03 Uhr

Interview mit Thomas Hitzlsperger

„Viele Investoren würden sofort einen deutschen Klub kaufen“

VonKatharina Slodczyk, Olaf Storbeck

ExklusivThomas Hitzlsperger hat sein Fußballer-Glück in England gefunden. Im Interview erklärt der deutsche Profi in Diensten West Ham United, was den Reiz der Premier League ausmacht, warum Investoren der Bundesliga wohl täten - und wohin Manuel Neuer wechseln sollte.

Glücklich bei West Ham United: Thomas Hitzlsperger. Quelle: dpa

Glücklich bei West Ham United: Thomas Hitzlsperger.

Frage: Nationaltorhüter Manuel Neuer wird wohl zu Bayern München wechseln, wenn ihm nicht doch noch Manchester United ein unwiderstehliches Angebot macht. Sie kennen wie kaum ein anderer die Premier League und die Bundesliga. Was würden Sie Neuer empfehlen, wenn er die Wahl haben sollte?

Thomas Hitzlsperger: Solche Entscheidungen muss natürlich jeder für sich selbst treffen. Ich habe mir meinen Wechsel von der Jugendmannschaft des FC Bayern München zu Aston Villa im Sommer 2001 lange überlegt. Doch ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Und ich bin im letzten Sommer auch ganz bewusst nach England zurückgekommen: Die Atmosphäre in den Stadien, die Fans - ich kann das nicht gut beschreiben, was hier anders ist. Fakt ist: Es macht großen Spaß, in der Premier League zu spielen. Die Stimmung ist einzigartig und die Qualität ist enorm hoch.

In England ist auch noch mehr Geld im Spiel.

Top-Fußballer werden überall gut bezahlt, ob in Deutschland, Italien, Spanien oder England. Aber dass Investoren in England die Clubs kaufen können und dann allein bestimmen, was passiert, prägt die Premier League sehr. In Deutschland geht das gar nicht – kein Investor darf dort mehr als 50 Prozent der Anteile an einem Verein besitzen.

Würde sich denn die Qualität des Fußballs verbessern, wenn diese Regel in Deutschland fallen würde?

Schwer zu sagen. Sicher ist aber eines: Es gibt viele Investoren, die sofort einen deutschen Verein kaufen würden, wenn sie die Möglichkeit hätten. Die würden Schlange stehen, um in Deutschland zu investieren.

Aber würde das die Qualität des Vereinsfußballs erhöhen?

Ich kenne einige gute Spieler, die sagen: Deutschland ist ein tolles Land, es bietet eine gute Lebensqualität. Gut möglich, dass sie nach Deutschland gehen würden, wenn ihnen ein Investor auch noch 20, 30 Prozent mehr bieten würden als das, was sie bislang verdienen. Würden mehr Top-Spieler in Deutschland spielen, würde es das Niveau der Bundesliga nochmals anheben. Möglicherweise wäre die Liga dann mit ein, zwei weiteren Clubs dauerhaft in der Champions League vertreten.

Auch das Verhältnis zu den Fans hier in England ist anders als in Deutschland. In England wird beispielsweise unter Ausschluss der Anhänger trainiert. Ist das ebenfalls etwas, das ihnen hier besser gefällt? Sie haben es bei Stuttgart ja auch schon mal erlebt, dass Fans den Mannschaftsbus gestürmt haben.

Die Distanz zwischen Spielern und Fans hier viel größer als in Deutschland, das stimmt. Wir haben so gut wie keinen Kontakt zu den Fans hier, es gibt keinen Austausch. Die Fans in Deutschland belassen es nicht beim Stadionbesuch, sondern kommen auch zum Trainingsplatz und teilen den Spielern ihre Meinung mit. Derzeit sieht man aber wieder, wie sehr die Vereine in der Abstiegszone mit dem Druck zu kämpfen haben. Sie können kaum in Ruhe arbeiten.

Kommentare (1)

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Frieder

04.05.2011, 19:48 Uhr

Da ich als Englischlehrer die englische Presse regelmäßig lese, weiß ich, dass die Engländer die deutschen um ihre in der Regel solide geführten, von Mitgliedern getragenen und somit unabhängigen Clubs beneiden. Besonders nach der Achtelfinalniederlage gegen Deutschland wurde vielfach die deutsche Nachwuchsarbeit gerühmt, die daher herrüht, dass eben nicht in dem Maße wie in England hochbezahlte Ausländer in die Clubs geholt wurden, sondern dem Nachwuchs eine Chance gegeben wird.

Auch wenn ich die Ticketpreise vergleiche, stelle ich fest, dass sie bei uns nur die Hälfte wie in England betragen.

Alles in allem finde ich somit, dass sich das deutsche System eines von den Mitgliedern getragenen Vereins auch im Profifußball bewährt hat, vor allem angesichts der besseren Nachwuchsförderung.

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