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14.11.2014

21:18 Uhr

Joseph Blatter unter Druck

Das fragwürdige Treiben der Fifa

VonStefan Kaufmann

Der Konzern Fifa macht gut Kasse. Doch die guten Geschäfte sind umstritten. Der Vorwurf der Korruption passt allerdings nicht in die Scheinwelt. Ligapräsident Rauball bringt nun sogar einen Fifa-Austritt ins Gespräch.

Joseph Blatter hat sich noch nicht zum Bericht der Fifa-Ethikkommission geäußert. AFP

Joseph Blatter hat sich noch nicht zum Bericht der Fifa-Ethikkommission geäußert.

DüsseldorfDie Fifa ist ein Kontrollfreak: Abseits des Geschehens auf dem Rasen überlässt der Fußball-Weltverband ungern etwas dem Zufall. Die eigenen Turniere, wie jüngst in Brasilien, sind choreographiert bis ins Details, die Verträge mit dem Gastgeberland garantieren Narrenfreiheit auf fremden Terrain und steuerfreie Einnahmen.

Das Ergebnis war ein Hochglanz-Fußballfest mit einem Gewinn von 1,6 Milliarden Euro. Damit übertraf die Fifa die Bestmarke des Turniers 2010 in Südafrika. Ein Großteil des Geldes liegt inzwischen auf dem Festgeldkonto des Verbands in Zürich.

Für die wirtschaftlichen Erfolge kann sich Joseph S. Blatter, seit 1998 Fifa-Präsident, auf die Schulter klopfen. Das Geschäft mit dem Fußball boomt, die Weltmeisterschaften sind ein globales Großereignis. Für ein gutes Gefühl sorgen Initiativen wie die „Say No To Racism“-Kampagne und die eigens eingesetzte Ethik-Kommission.

Ganz ehrfürchtig sagt Blatter, mittlerweile 78 Jahre alt: „Ich möchte der Fifa auch in einer fünften Amtszeit als Präsident zur Verfügung stehen und dienen.“ Sein härtester Konkurrent, Uefa-Chef Michel Platini, verzichtet auf einen Wahlkampf, so dass Blatters Wiederwahl an die Spitze des Fußball-Weltverbandes so gut wie garantiert ist. Die Wahl ist im kommenden Mai.

Fifa: Die Organisation des Fußballweltverbandes

Fifa-Kongress

Er ist die Vollversammlung des Fußball-Weltverbandes. Der Kongress wird von den 209 nationalen Mitgliedsverbänden gebildet und ist das höchste legislative Gremium der Fifa. Jeder Verband hat dabei eine Stimme. Der Kongress tritt mindestens einmal im Jahr zusammen. Er trifft Entscheidungen über die Fifa-Statuten und über die Aufnahme oder den Ausschluss von Mitgliedern.

Aufgaben des Kongresses

Zu den wichtigen Aufgaben des Kongresses gehört auch die Wahl des Fifa-Präsidenten. Künftig soll die Vollversammlung darüber entscheiden, wer die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet - wie, ist aber noch offen. Mit dieser Reform aus dem Jahr 2011 reagierte der Verband auf die schweren Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der Titelkämpfe 2018 nach Russland und 2022 nach Katar.

Exekutivkomitee

Das Exekutivkomitee ist das ausführende Organ der Fifa, vereinigt aber sehr viel Macht auf sich. Kopf ist der auf vier Jahre gewählte Präsident, seit 1998 Joseph Blatter. Darüber hinaus gehören dem Komitee 24 Mitglieder an, darunter acht Vizepräsidenten. Sie werden nicht vom Kongress gewählt, sondern durch die Fußball-Konföderationen (Kontinentalzusammenschlüsse) und Verbände ernannt.

Aufgaben

Das Exekutivkomitee ernennt die Vorsitzenden und die Mitglieder der Ständigen Kommissionen, zum Beispiel für Finanzen und für Medizin. Es besetzt aber auch Rechtsorgane wie zum Beispiel die Ethikkommission, die sich um Betrugsvorwürfe kümmert. Bis 2011 bestimmte das Exekutivkomitee den Ort und die Daten der Fußball-Weltmeisterschaften.

Verdacht

Am Prinzip wurde erst gerüttelt, als zehn Mitglieder des Exekutivkomitees unter Korruptionsverdacht standen. Einige wurden suspendiert, andere lebenslang gesperrt - wie im Juli 2011 Fifa-Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam aus Katar. Die Ethikkommission sah es als erwiesen an, dass er Stimmen für seine Wahl zum Fifa-Chef kaufen wollte - bin Hammam bestritt das. Fifa-Vize Jack Warner trat bereits im Juni 2011 von allen Ämtern zurück, die eingeleiteten Verfahren wurden damit einfach beendet.

Präsident

Seit 1998 steht der Schweizer Joseph Blatter an der Spitze der Fifa. Bei den beiden letzten Wahlen hatte er keinen Gegenkandidaten. Trotz der Korruptionskrise wurde Blatter Anfang Juni 2011 mit großer Mehrheit wiedergewählt - 186 der 203 abstimmenden Delegierten votierten für ihn. Allein schon eine Verschiebung dieser Wahl zur Klärung aller Vorwürfe wäre schwierig geworden. Denn dafür ist eine Dreiviertel-Mehrheit der 209 Mitgliedsverbände nötig.

Aufgaben

Der Präsident führt nicht nur die Kongressverhandlungen. Über das Exekutivkomitee, das er einberuft und leitet, hat er ebenfalls große Machtfülle. Bei Patt-Situationen in Abstimmungen gibt seine Stimme den Ausschlag. Auf Vorschlag des Präsidenten ernennt und entlässt das Exekutivkomitee auch den Generalsekretär, der die Verwaltung der Fifa leitet. Um den Präsidenten zu zwingen, eine außerordentliche Sitzung einzuberufen, müssen sich mindestens 13 der 24 Mitglieder auf einen Antrag dafür einigen.

Umso unerfreulicher sind für den Fifa-Chef die jüngsten Debatten um Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit WM-Vergabeverfahren an Russland und Katar. Zwar sprach die Fifa-Ethikkommission in ihrem Bericht – zusammengefasst vom deutschen Richter Hans-Joachim Eckert – die WM-Gastgeber Russland (2018) und Katar (2022) vom Vorwurf der Bestechung im Vergabe-Prozess frei. Ausdrücklich entlastet von jedem Verdacht der Bestechlichkeit oder irregulärer Einflussnahme wurde Präsident Blatter. Der Bericht bescheinigt dem Schweizer sogar eine aktive Rolle im Demokratisierungsprozess der Fifa.

Chefermittler Michael Garcia wunderte sich dagegen über Eckerts Schlussfolgerungen. Der frühere Mafia-Jäger kündigte auch prompt an, das milde Urteil seines rechtssprechenden Kollegen im Fifa-Ethikgremium vor dem Berufungskomitee anzufechten. Damit ist die Reinwaschung krachend gescheitert.

Der Vorgang offenbart die zwei Gesichter der Fifa: Ihre guten Geschäfte sind häufig auch dunkle Geschäfte. So schließt der Bericht eine Neuvergabe der Turniere zwar aus – allerdings werden Unregelmäßigkeiten bei fast allen neun WM-Kandidaten vor der Vergabe im Dezember 2010 festgestellt. In seinen Schlussbemerkungen hält Eckert fest: „Anzunehmen, dass zum Beispiel Umschläge voller Bargeld im Austausch für WM-Stimmen überreicht werden, ist naiv. Korruption, auch in der normalem Geschäftswelt, wird auf viel intelligentere Weise vorgenommen.“

Joseph Blatter

Blatter als Fußballer

Blatter war selbst von 1948 bis 1971 aktiver Fußballer und schaffte es bis in die oberste Schweizer Amateurliga.

Karriere vor der Fifa

Joseph Blatter studierte an der Rechtsfakultät der Universität Lausanne und schloss sein Studium mit dem Lizentiat der Handels- und Volkswirtschaftswissenschaften ab. Er begann er seine Karriere als Journalist und PR-Fachmann im sportlichen und privatwirtschaftlichen Sektor. Kontakte zur internationalen Sportszene knüpfte Blatter als Direktor für PR und Sport der Longines S.A., die an der Organisation der Olympischen Spiele 1972 und 1976 beteiligt war.

Mitgliedschaft im Exekutivkomitee

Schon seit 1981 gehört Blatter zum Exekutivkomitee des Fussball-Weltverbandes und war somit an insgesamt fünf Weltmeisterschaften beteiligt. Einen Namen machte sich Blatter zusammen mit dem damaligen Präsidenten Havelanges bei den Verhandlungen für Fernseh- und Marketingverträge zur kommerziellen Verwertung der Fussball-Weltmeisterschaften bis 2006.

Präsidentschaft

1998 wurde Blatter zum achten Präsidenten der Fifa gewählt. Seit 1999 ist er auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOK). Im Laufe seiner Amtszeit setzte Blatter viele Projekte um, die sein Vorgänger João Havelanges initiiert hatte. Dazu gehören die Wettbewerbs- und Ausbildungsprogramme der Fifa, die Weltmeisterschaften in den Alterskategorien U-20 und U-17 sowie im Frauen- und Hallenfußball. Blatter wurde 2002 für eine zweite Amtsperiode gewählt und 2007 erneut für eine weitere Amtszeit bestätigt.

Soziales Engagement

Joseph Blatter engagiert sich seit langem für verschiedene humanitäre Projekte und untermauert dadurch seine Überzeugung, dass Fußball eine gesellschaftliche Verantwortung trägt. Er begann 1994 eine Partnerschaft mit den SOS Kinderdörfern, die die Fifa finanziell und materiell unterstützt. Seit 1998 führt Blatter auch immer wieder Kampagnen mit UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, durch.

Seine Fußballphilosophie

„Fußball für alle, alle für den Fußball“ - Neben der gesellschaftlichen Verantwortung liegt Blatter das Fairplay am Herzen. Fußball ist für ihn eine Möglichkeit für eine bessere Völkerverständigung. Er setzt zudem darauf, sämtliche Akteure des Fußballs über ein modernes Kommunikationsnetz zu verknüpfen und mit Politik und Wirtschaft in Kontakt zu treten. In erster Linie aber bedeutet der Fußball für Blatter natürlich Leidenschaft und Emotionen.

Kritisiert wird die Fifa auch für die Missachtung von Menschenrechten bei der Vergabe ihrer Weltturniere. Angemahnt werden beispielsweise die Bedingungen auf den Stadien-Baustellen in Katar. Viel über das Selbstverständnis hochrangiger Funktionäre sagt ein Zitat von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke aus dem vergangenen Jahr: „Das mag jetzt vielleicht verrückt klingen, aber manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser“, erklärte er in Bezug auf den ausgewählten Gastgeber Russland. „Wenn es ein starkes Staatsoberhaupt mit Entscheidungsgewalt gibt, vielleicht wie Putin sie 2018 hat, ist es für uns Organisatoren leichter als etwa in Ländern wie Deutschland, in denen auf verschiedenen Ebenen verhandelt werden muss.“

Kommentare (7)

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Frau Ute Umlauf

14.11.2014, 15:55 Uhr

Dass Blatter noch frei rum läuft ... wundert mich! Wer macht es?

Herr Johnny Ringo

14.11.2014, 16:23 Uhr

Eine Packung mit 25 Schrotpatronen kosten 6,00 €.

Herr Hasso aus der Bronx

14.11.2014, 17:10 Uhr

Insbesondere die Deutschen Fußball-Fans haben es doch in der Hand diesen mafiös strukturierten Mann aus dem Amt zu jagen: Bleiben Sie einfach zu Hause für ein paar Spiele und legen Sie so diesen Sumpf trocken.
Und weiterhin natürlich die Politiker: warum ist alles was die FIFA macht eigentlich steuerfrei und wsrum kann dieser "Manager" steuerfrei Aufwandsentschädigungen kassieren und lebt wie die Made im Speck; während sich die Polizisten für ein Taschengeld von Gehalt auf Steuerzahlerkosten um den Schutz in und um die Stadien kümmern?
Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß, war es eigentlich noch nie und kein Politiker sollte sich mit solch halbseidenen Vögeln fotografieren lassen.

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