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07.04.2006

19:41 Uhr

Kahn „maßlos enttäuscht“

Lehmann zeigt Mitgefühl für Kahn

Der Sieger im Duell um den deutschen WM-Torhüter Nummer eins heißt Jens Lehmann, der große Verlierer Oliver Kahn. Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat die angesichts des wachsenden Drucks von Seiten der Bayern die Entscheidung in der "T-Frage" vorgezogen und dem Torhüter von Arsenal London den Vorzug vor dem "Titan" gegeben. Zwei Fragen aber sind auch nach Klinsmanns überraschendem Votum noch offen.

Jens Lehmann (r) hat im Wettbewerb um den Platz im Tor gegen Oliver Kahn (l) gesiegt. Foto: dpa

Jens Lehmann (r) hat im Wettbewerb um den Platz im Tor gegen Oliver Kahn (l) gesiegt. Foto: dpa

HB HAMBURG/MÜNCHEN/FRANKFURT. Bundestrainer Jürgen Klinsmann teilte dem unterlegenen Torwart am Freitag unter vier Augen mit, dass nicht der 36-jährige Münchner, sondern sein gleichaltriger Herausforderer Lehmann bei der Weltmeisterschaft ab 9. Juni das Tor der DFB-Elf hüten werde. "Dies war die schwierigste Entscheidung meiner Amtszeit", erklärte Klinsmann. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung hatte der Bundestrainer persönlich den Wahl-Engländer Lehmann über seine Beförderung informiert. Ursprünglich wollte Klinsmann erst im Mai bekannt geben, wer den Zuschlag erhält.

Jens Lehmann hat mit Freude auf seine Berufung reagiert. "Ich freue mich, dass die Entscheidung zu meinen Gunsten ausgefallen ist", sagte der 36-jährige Schlussmann vom FC Arsenal in einer vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) verbreiteten Stellungnahme.

"Ich werde mich noch mehr reinhängen als ohnehin schon, um den Anforderungen bei der Weltmeisterschaft gerecht zu werden und alles daran setzen, um das Vertrauen des Trainers zu rechtfertigen."

Gleichzeitig äußerte Lehmann Mitgefühl für seinen Rivalen Oliver Kahn: "Nachdem ich bei insgesamt vier Turnieren auf der Bank gesessen habe, weiß ich, wie es in dem aussieht, der nicht spielt."

Zahlreiche Kamerateams, Fotografen und Medienvertreter warteten am Freitagabend auf dem Flughafen Bremen vergeblich auf einen Satz von Oliver Kahn. Wenige Stunden nach der Entscheidung passierte Kahn nach der Ankunft des Charterflugzeugs kommentarlos die Absperrung und stieg mit versteinerter Miene in den Mannschaftsbus des FC Bayern München.

Auch der freundliche Beifall einiger Bayern-Fans konnte den enttäuschten Schlussmann nicht aufheitern. Lediglich drei Kinder freuten sich. Sie erhielten vom 84-maligen Nationalspieler Autogramme. Danach fuhren Kahn und seine Team-Kollegen in ein Hotel, wo die Bayern-Mannschaft wie geplant die Nacht vor dem Bundesliga- Schlagerspiel bei Werder Bremen an diesem Samstag verbrachte.

Mit der Entscheidung rücken nun zwei andere Fragen in den Mittelpunkt. Die eine: Schmeißt Oliver Kahn jetzt hin und erklärt seinen Rücktritt wie es Jens Lehmann bei einer Entscheidung gegen ihn getan hätte? Die andere: Wen nominiert Klinsmann am 15. Mai als dritten Torwart? Einen Youngster wie Dortmunds Roman Weidenfeller oder den Bremer Tim Wiese? Vielleicht auch Hannovers Robert Enke? Oder er einen international erfahrenen Routinier wie Schalkes Frank Rost oder Leverkusens Jörg Butt?

Der Bundestrainer begründete die vorgezogene Entscheidung, die am Freitag nach einer Bestandsaufnahme mit seinen Co-Trainern Joachim Löw und Andreas Köpke fiel, mit dem Druck, der in den vergangenen Tagen entstanden war: "Nach dem Spiel gegen die USA haben wir die Entwicklung in den vergangenen 22 Monaten intensiv analysiert und nun eine Entscheidung getroffen." Nur minimale Unterschiede hätten den Ausschlag gegeben, berichtete Torwart-Coach Andreas Köpke. "Beide Torhüter haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass Jens Lehmann besser zu unserer Spielphilosophie passt", begründete die sportliche Leitung das Plus für Lehmann 63 Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft.

"Natürlich ist Oliver enttäuscht, aber er hat sich als wahrer Sportsmann präsentiert", berichtete Klinsmann vom Gespräch mit dem 84-maligen Nationalspieler Kahn. "Ich bin über diese Entscheidung sehr überrascht und maßlos enttäuscht", teilte der Münchner Torhüter lediglich kurz in einer Presseerklärung mit. Er werde sich nun in den kommenden Wochen voll auf seine Aufgabe bei den Bayern konzentrieren. Über seine Zukunft in der Nationalmannschaft werde er sich "zu gegebener Zeit" äußern. Kahns Arbeitgeber FC Bayern, der nach dem Patzer seines Torhüters im Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Köln (2:2) auf eine schnelle Entscheidung gedrängt hatte, sprach von einer falschen Entscheidung. "Trainer und Vorstand werden sie dennoch akzeptieren", übermittelte der Verein.

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