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14.09.2015

15:53 Uhr

Koalition gegen die Fifa

Schweizer und US-Ermittler spielen mit Blatter

Die US-Fifa-Chefermittlerin Loretta Lynch erhöht zusammen mit Schweizer Kollegen den Druck auf den Weltfußballverband Fifa. In Zürich kündigte sie weitere Klagen an. Offen blieb, ob Fifa-Boss Blatter gemeint sein könnte.

Die US-Chefermittlerin gegen die Fifa macht sich über den Boss des Weltfußballverbandes lustig: „Ich kann hier keine Informationen zu möglichen Reiseplänen von Herrn Blatter geben.“ AFP

Loretta Lynch

Die US-Chefermittlerin gegen die Fifa macht sich über den Boss des Weltfußballverbandes lustig: „Ich kann hier keine Informationen zu möglichen Reiseplänen von Herrn Blatter geben.“

ZürichDie Sicherheitskontrollen im Zürcher Hotel Renaissance waren drastisch. In Gruppen wurden die Journalisten vorgelassen, sie mussten in einem abgesperrten Bereich ihre Taschen im Abstand von einem halben Meter abstellen, damit ein Polizeihund das Gepäck nach Sprengstoff oder Waffen absuchen konnte. Erst danach durften die Reporter den Konferenzraum im ersten Stock betreten.

Grund des Aufwands: Die US-Chefermittlerin im Fifa-Korruptionsskandal, US-Justizministerin Loretta Lynch, war in Zürich zu Besuch. Und sie gab mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber eine Pressekonferenz zum Stand der Fifa-Ermittlungen. Und tatsächlich: Lynch kündigte „weitere Klagen gegen Individuen und juristische Personen (entities) an".

Der frühere Fifa-Anti-Korruptionsexperte Mark Pieth hatte sich zuvor für strafrechtliche Ermittlungen gegen den noch amtierenden Weltverbands-Präsidenten Joseph Blatter ausgesprochen. „Blatter muss sich gegen eine Anklage wegen Veruntreuung verteidigen“, sagte der Schweizer Rechtsprofessor am Montag in Zürich.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Lynch wollte jedoch nicht sagen, ob Blatter bereits zu den Verdächtigen zählt und ob ihm eine Verhaftung droht. „Ich kann hier keine Informationen zu möglichen Reiseplänen von Herrn Blatter geben“, sagte Lynch unter Gelächter im Saal. Bislang werden 14 Personen, darunter neun ehemalige Fußball-Funktionäre und fünf Geschäftsmänner, der Korruption beschuldigt. 13 von ihnen wurden festgenommen.

Laut dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber werte seine Behörde derzeit 11 Terrabyte Daten. Weitere Gebäude in der Westschweiz seien durchsucht worden, zudem habe die Bundesanwaltschaft Immobilien wie Wohnungen in den Schweizer Alpen beschlagnahmt. „Liegenschaften sind geeignet, Geldwäsche zu betreiben“, erklärte er. 

Die Geldwäschestelle Mros der Schweiz habe der Bundesanwaltschaft 121 Bank-Konten genannt. Diese Meldungen würden nun untersucht und dabei geprüft, ob sie eine neue Untersuchung auslösen oder sie zu einer bereits laufenden Untersuchung angefügt werden. „Zum Gesamtvolumen von gesperrten Vermögenswerten mache ich auch aus Ermittlungstaktischen Gründen heute keine Angaben“, so Lauber

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