Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.03.2016

11:40 Uhr

Korruption in der Fifa

Fußball braucht Kontrolle von außen

VonJudith Vorrath

Die USA attestieren der Fifa eine Kultur der „zügellosen, systemischen und tiefverwurzelten“ Korruption. Kriminelle Geschäfte werden begünstigt, es gilt das Gesetz des Schweigens. Dagegen hilft Druck. Ein Gastkommentar.

Trotz eines neuen Präsidenten und einer Reform: Die Gründe für den Skandal beim Fußball-Weltverband Fifa sind noch nicht geklärt. AP

Gianni Infantino

Trotz eines neuen Präsidenten und einer Reform: Die Gründe für den Skandal beim Fußball-Weltverband Fifa sind noch nicht geklärt.

BerlinNeunundachtzig Prozent der stimmberechtigen Mitgliedsverbände haben auf dem Fifa-Kongress in der vergangenen Woche einem dringend notwendigen Reformpaket zugestimmt. Mehr als ein erster Schritt ist damit jedoch nicht getan, wenn es darum geht, dem von amerikanischen und schweizerischen Ermittlern aufgedeckten Geflecht aus Patronage und Profit beizukommen.

Im Mai 2015 hatte die Verhaftung von sieben Fifa-Funktionären und Managern in Zürich den Stein ins Rollen gebracht, der immer mehr Offizielle des Verbandes mit sich riss. Bei der Anklage durch die US-Justizbehörden geht es insbesondere um 150 Millionen US-Dollar Bestechungsgeld für den Zugang zu TV- und Marketingrechten für internationale Fußballturniere; weitere Vorfälle seit 1991 werden untersucht, die Anklagen lauten auf Geldwäsche, Betrug und organisiertes Verbrechen. Im Zuge der Enthüllungen sind Zusammenhänge offengelegt worden, die nicht auf Verfehlungen Einzelner, sondern auf kriminelle Strukturen hinweisen.

WM Skandal 2006: Die dubiosen Geldströme

Bericht

Der Untersuchungsbericht der vom Deutschen Fußball-Bund beauftragten Freshfields-Ermittler bewertet vor allem drei Punkte im Skandal um die WM-Vergabe 2006. Ein Überblick über die Erkenntnisse bei den Zahlungen.

29. Mai bis 8. Juli 2002

In vier Tranchen werden sechs Millionen Schweizer Franken von einem Konto, dessen Inhaber Robert Schwan und Franz Beckenbauer sind, auf ein Konto des Advokatbüro Gabriel & Müller in der Schweiz transferiert.

Jeweils wenige Tage später

Die Beträge werden von Gabriel oder dem Advokatbüro an ein Konto der KEMCO Scaffolding Co. in Katar weitergeleitet. Alleiniger Anteilseigner war Mohamed bin Hammam.

August 2002

Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus eröffnet ein Konto und überweist zehn Millionen Schweizer Franken auf das Konto von Gabriel & Müller.

3. September 2002

5,983 Millionen Schweizer Franken gehen von dem Konto Gabriel & Müller auf ein Konto von Beckenbauer. Schwan war zuvor gestorben.

5. September 2002

4 Millionen Schweizer Franken gehen von dem Konto Gabriel & Müller an die KEMCO Scaffolding Co..

27. April 2005

Der DFB zahlt 6,7 Millionen Euro (10,3 Millionen Schweizer Franken) an die FIFA. Diese Zahlung stellt keinen Beitrag zur FIFA-Eröffnungsgala dar. Sie soll Robert Louis-Dreyfus zugute kommen. „Dieser wahre Zahlungszweck wurde bewusst verschleiert.“ Die FIFA leitet die Zahlung am gleichen Tag auf ein Konto von Louis-Dreyfus weiter.

Bilanz

Unter dem Strich steht also ein Minus von 6,7 Millionen Euro beim DFB und ein Plus von 10 Millionen Schweizer Franken bei KEMCO.

Geflecht aus Patronage und Profit

Ausgangspunkt dieser Strukturen ist die simple Tatsache, dass es um sehr viel Geld geht. Beliefen sich die Einnahmen der Fifa 2006 noch auf 749 Millionen US-Dollar, waren es 2014 – ebenfalls ein Weltmeisterschaftsjahr – schon über zwei Milliarden US-Dollar.

WM Skandal 2006: Stimmenkauf und Aufklärung

Untersuchungsbericht

Der Untersuchungsbericht der vom Deutschen Fußball-Bund beauftragten Freshfields-Ermittler bewertet vor allem drei Punkte im Skandal um die WM-Vergabe 2006. Ein Überblick über die Erkenntnisse bei einem möglichen Stimmenkauf und dem Umgang des DFB mit den Vorwürfen.

Stimmenkauf

Nach Erkenntnissen der Ermittler bleibt offen, ob ein „weiterer, dahinterliegender Zweck“ mit der Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken verfolgt wurde.

Beckenbauer

Eine Vereinbarung von Beckenbauer für den DFB und Jack Warner für den CONCACAF (Konföderation Nord-, Mittelamerika und Karibik) vier Tage vor WM-Vergabe bezeichnen die Untersucher als „rätselhaft“.

Warner

Darin werden der CONCACAF und Warner die Entsendung von Trainern, Fußballausrüstung, der Druck von Nationalflaggen, Tickets für Qualifikationsspiele von Trinidad & Tobago einschließlich Kosten für Erste-Klasse-Flugtickets zugesagt. Warner wurden 1000 Tickets für WM-Spiele 2006 versprochen.

DFB

Ob das DFB-Präsidium dem zustimmt, bleibt offen. Es deuten jedoch „diverse Vorgänge“ darauf hin, dass die Leistungen erbracht wurden.

Aufklärung

Der inzwischen zurückgetretene DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte spätestens im Juni 2015 „Kenntnis von möglichen Unregelmäßigkeiten“ mit Verbindung zur WM 2006.

Niersbach

Niersbach informierte erst im Oktober 2015, sondern traf sich mehrfach mit früheren Mitgliedern des Organisationskomitees.

Während die Fifa Dreh- und Angelpunkt eines rasant wachsenden Marktes im internationalen Fußball ist, hat sie den Rechtsstatus eines im Handelsregister eingetragenen Vereins mit Sitz in Zürich. Offiziell darf sie daher nicht gewinnorientiert handeln, agiert aber de facto wie ein Konzern, der über Rücklagen von mittlerweile 1,5 Milliarden US-Dollar verfügt. Zudem ist sie mit ihren 209 Mitglieds- und sechs Kontinentalverbänden ein internationales Gremium, das großen gesellschaftlichen und politischen Einfluss ausübt.

Schwache Kontrollmechanismen und intransparente Entscheidungsstrukturen bilden angesichts dieser Machtfülle den Nährboden für die Misere. Das bislang regierende Fifa-Exekutivkomitee beispielsweise wurde mit Ausnahme des Fifa-Präsidenten nicht von dem aus allen 209 Mitgliedsverbänden bestehenden Kongress gewählt, sondern von den sechs Kontinentalverbänden bestimmt. Statt einer institutionalisierter Gewaltenteilung dominieren in der Fifa persönliche Abhängigkeiten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×