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13.07.2012

20:03 Uhr

Korruptionsskandal

Rauball fordert FIFA-Präsident Blatter zum Rücktritt auf

FIFA-Präsident Josef Blatter solle angesichts der Korruptionsaffäre schnell zurücktreten, fordert der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball. Die FIFA brauche nun jemanden, der gewillt ist, einen Neuanfang zu machen.

Der Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), Reinhard Rauball, fordert FIFA-Präsident Blatter zum Rücktritt auf. dpa

Der Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), Reinhard Rauball, fordert FIFA-Präsident Blatter zum Rücktritt auf.

BerlinFIFA-Exekutivmitglied Theo Zwanziger hat mit Bestürzung auf das Ausmaß der Korruptionsaffäre im Fußball-Weltverband reagiert, Ligapräsident Reinhard Rauball fordert sogar den Rücktritt von FIFA-Boss Joseph Blatter. Deutschlands Fußball-Spitzenfunktionäre sind auf Konfrontationskurs zum umstrittenen FIFA-Präsidenten gegangen.

„Nach dem derzeitigen Stand sollte Sepp Blatter seine Amtsgeschäfte schnellstmöglich in andere Hände geben. Für einen Reformprozess braucht die FIFA jemanden, der gewillt ist, einen Neuanfang zu machen“, sagte Rauball der Tageszeitung „Die Welt“ (Samstag). Blatter habe, wenngleich auch erst deutlich später, Kenntnis von den Geldbewegungen gehabt. „Deshalb hat er die Sorgfaltspflicht gegenüber den Mitgliedsverbänden nicht erfüllt“, begründete Rauball seine Forderung.

Fünf Kategorien für Korruption im Sport

Vergabe und Realisierung von Sportgroßveranstaltungen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte seinen großen Sündenfall bei den Winterspielen in Salt Lake City 2002. Die Bewerberstadt hatte die Wahl des Ausrichters im Jahr 1995 manipuliert und mindestens 24 IOC-Mitglieder bestochen. Vier traten in der Folge zurück, fünf wurden suspendiert. Lammert erkennt zudem ein hohes Potenzial für Bestechungsdelikte, wenn es um die lukrativen Bauaufträge für Sportstätten geht.  Auch bei der jüngsten Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine kamen massive Zweifel bezüglich der intransparenten Vergabe von Aufträgen auf. In München gab es Unregelmäßigkeiten beim Bau der Allianz Arena: Der ehemalige Geschäftsführer des Klubs 1860 München und der Stadion GmbH, Karl-Heinz Wildmoser, wurde verurteilt, weil er 2,8 Millionen Euro Schmiergelder vom Baukonzern Alpine bekommen haben soll.

Quelle: Die fünf Kategorien für Korruption im Sport hat die Rechtswissenschaftlerin Katharina Lammert, Deutsche Sporthochschule Köln, zusammengestellt.

Bestechung von Schiedsrichtern

Der falsche Pfiff zur rechten Zeit - es sind vor allem Wettbetrugsdelikte, die zur Schiedsrichterbestechung animieren. Prominentes Beispiel  in Deutschland war der Fall Robert Hoyzers, der im Auftrag der Wettmafia mehrere Fußballspiele als vermeintlich Unparteiischer manipuliert hat. Verurteilt wurde der Schiedsrichter wegen Beihilfe zum Betrug zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft. Der Drahtzieher Ante Sapina bekam eine um sechs Monate längere Freiheitsstrafe. Im Fall des THW Kiel, wo unter anderem das Handball-Champions-League-Finale 2007 gerichtlich auf Manipulation hin untersucht wurde, endete der auf den Schiedsrichtern und THW-Funktionären lastende Verdacht im Freispruch.

Korruption bei der Ämtervergabe im organisierten Sport

Günstlingswirtschaft und Patronage ist nur schwer nachzuweisen, wenn es um die begehrten Sitze in den Spitzensportorganisationen geht. Die Präsidentschaftswahlen des Weltfußballverbandes Fifa waren von Unruhen begleitet, nachdem der frühere Chef des karibischen Verbands, Jack Warner, schwere Anschuldigungen erhoben hatte. Warner hatte behauptet, er habe nur einen Dollar für die WM-Rechte 1998 zahlen müssen. Das Schnäppchen sei als Dank für seine Wahlhilfe für den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter zu verstehen gewesen.

Bestechung durch VIP-Einladungen

Die Einladungen zu Sportveranstaltungen (Hospitality) werden ebenfalls von den Compliance-Abteilungen der Gäste und Gastgeber immer kritischer geprüft. Neben dem oft raren Gut Eintrittskarte werden manchmal noch die Anreise und eine Beköstigung finanziert. „Schon der Anschein, es könne sich um die Bestechung von Amtsträgern oder Geschäftspartnern handeln, muss vermieden werden“, sagt Sportjuristin Lammert. Mit einem Freispruch durch den BGH endete der Prozess gegen den ehemaligen EnBW-Chef Utz Claassen, der Ticketgutscheine für Fußball-WM-Spiele 2006 an Politiker verschicken ließ. Der Prozess hat die Unsicherheit rund um die Zulässigkeit von VIP-Einladungen dennoch eher verschärft.

Bestechung bei der Vergabe von Sponsoringrechten und TV-Rechten

Auch Entscheidungsträger an Schaltstellen bei Sendern und Sponsoren sind mitunter bestechlich. So hat der ehemalige Sportchef des Senders MDR, Wilfried Mohren, über Jahre unter der Hand Geld von Sponsoren kassiert und im Gegenzug bestimmte Sport-Veranstaltungen werbewirksam im Fernsehen gezeigt. Er wurde 2009 zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Auch der Ex-Sportchef des HR, Jürgen Emig, wurde verurteilt wegen Untreue und Bestechlichkeit, weil er Schmiergelder angenommen hatte. Sogar Koppel-Geschäfte zwischen Sponsoren geraten ins Blickfeld der Staatsanwaltschaft: So stellte die Deutsche Telekom in einem Fall selbst Strafanzeige. Sie hatte bemerkt, dass drei T-Systems-Mitarbeiter versucht hatten, einen Sponsoringvertrag mit der VW-Fußballtochter VfL Wolfsburg mit millionenschweren geschäftlichen Aufträgen zu koppeln.

Auch Zwanziger äußerte sich entsetzt über die öffentlich gewordenen Details der Schmiergeldaffäre. „Ich muss ehrlich zugeben, es bedrückt mich sehr, was ich dort lesen musste“, sagte Zwanziger nach dem intensiven Studium der Akten und forderte neben Konsequenzen für Ehrenpräsident Joao Havelange auch eine rückhaltlose Aufklärung.

„In der Einstellungsverfügung sind viele Informationen enthalten, die von unabhängiger Seite nochmals überprüft werden müssen. Auch unter ethischen und moralischen Gesichtspunkten. Ohne Rücksicht auf Namen, Nationalitäten oder was auch immer“, sagte Zwanziger am Freitag der Nachrichtenagentur dpa und fügte hinzu: „Gleiches gilt übrigens auch für die WM-Vergaben nach Katar, Russland und alle weiteren Dinge, um die sich viele Gerüchte ranken.“

Nur wenn all dies von unabhängiger Seite aufgearbeitet werde, „kann der Reformprozess bei der FIFA, den ich aus Überzeugung mitgestalte, glaubhaft und schlussendlich erfolgreich sein“, erklärte Zwanziger. Diese Position will der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am kommenden Dienstag bei der Sitzung des Exekutivkomitees in Zürich vehement vertreten.

Anders als Blatter verurteilte Zwanziger die zwischen 1989 und 2001 vom mittlerweile insolventen Medien- und Marketingunternehmen ISMM/ISL geleisteten Provisionszahlungen an hochrangige FIFA-Funktionäre, von denen lediglich der langjährige FIFA-Boss Havelange und dessen brasilianischer Landsmann Ricardo Teixeira namentlich bekannt sind.

Kommentare (1)

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SchlechteSportmanieren

13.07.2012, 23:19 Uhr

Blatter das Abziehbild für andere in punkto Korruption; denn eine Krähe hackt der andere die Füße nicht weg.

Endlich hat sich mal jemand, wenn auch spät aufgerafft, dem Saubermann im Fußballsport die "wein"-rote Karte zu zeigen. Herrn Rauball verdient hierfür ein ganz besonderes Lob. Immerhin hat es beim DFB sonst niemand auf die Reihe bekommen, sich vorzeiten darüber zu äußern. Die Spatzen pfiffen es ständig von den Dächern.

Die ZEIT von Blatter, schon lange um, nur weiß er es wahrscheinlich immer noch nicht.

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