Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2012

16:48 Uhr

Logistik zum Finale

Die Deutsche Bahn zeigt Kreisliga-Niveau

VonThorsten Giersch

Rund um das Champions-League-Finale hat sich die Deutsche Bahn bis auf die Knochen blamiert und damit nicht nur deutsche Kunden vergrätzt, sondern auch die britischen Fans. Dass es nicht zu Gewalt kam, war reiner Zufall.

Die Rückfahrt vom Champions-League-Finale geriet für viele Bahnreisende zur Odyssee. dpa

Die Rückfahrt vom Champions-League-Finale geriet für viele Bahnreisende zur Odyssee.

MünchenLiebe Leser, ich muss Sie warnen: Was hier folgt, ist Betroffenheits-Journalismus. Das heißt, ich kann die Vorgänge nicht objektiv bewerten, weil ich selbst unter ihnen gelitten habe. Daher reihe ich nur Fakten aneinander, für die ich Zeugen habe:

Was macht eine Fluglinie, wenn 30.000 Fans von Chelsea London zum Finale kommen wollen? Richtig: Sie setzt rund zwei Dutzend zusätzliche Maschinen ein, um die zahlende Kundschaft von London nach Frankfurt oder nach München zu bringen.

Bayern-Pleite: Koan Titel

Bayern-Pleite

Koan Titel

Der FC Bayern hat den großen Triumph im eigenen Stadion auf bitterste Weise verpasst.

Und was macht die Deutsche Bahn? Richtig: nichts. Sie lässt das Chaos geschehen – sehenden Auges und in bestem Wissen.

Die Zustände auf dem Münchener Bahnhof waren in der Nacht nach dem Champions-League-Finale genau so, wie es abzusehen war: Zig Tausende von Fans wollten während der gesamten Nacht per Zug heim. Sie nahmen enorme Wartezeiten in Kauf, weil die Hotelpreise für viele nicht mehr bezahlbar waren.

Besonders extrem war es mit dem ICE 616 nach Dortmund. Der fuhr nicht nur über meine Heimat Düsseldorf und das Ruhrgebiet, sondern auch zum Frankfurter Flughafen. Schon Wochen vorher war keine Sitzplatzreservierung mehr zu bekommen. Am Schalter sagten die freundlichen Angestellten: „Ja, der wird voll, aber nehmen können sie den.“ Auf die Frage, warum man an einem solchen Tag nicht einen zweiten Zug einsetzte, erntete ich Schulterzucken.

Die internationalen Pressestimmen zur Bayern-Pleite

England

„Die Könige von Europa. Glorreicher Abend für die Blues in München ... und sie haben die Deutschen im Elfmeterschießen besiegt!“ (Sunday Times)

„Als Didier Drogba ganz alleine war, die riesige Tribüne mit pfeifenden Bayern-Fans vor Augen - das war sein Moment, Geschichte zu schreiben.“ (Daily Telegraph)

„Didi did it! Endlich hat ein englisches Team ein deutsches im Elfmeterschießen besiegt. Die Underdogs von Chelsea haben sensationell die Champions-League-Trophäe geholt.“ (The Sun)

„Deutsche verschießen keine Elfmeter - aber es war der Holländer Robben, der sich den Ball nahm...“ (Daily Mirror)

„Abramowitsch macht seinen großen Traum wahr - Jubel für den russischen Milliardär, dessen riesiges Investment sich unter aufregenden Umständen endlich auszahlt.“ (The Independent)

„Momente, die nie vergessen werden und immer in Ehren gehalten werden.“ (The Guardian)

Spanien

„Der Fluch des FC Bayern geht weiter. Der Meister kann daheim nicht gewinnen. Es mag sein, dass man sich nicht in das Spiel des Chelsea verlieben kann, aber der FC Bayern hat viel dazu beigetragen, dass er das Finale verloren hat. Nach den puristischen Fußball-Gesetzen ist dies eine grausame und ungerechte Niederlage.“ (Marca)

„Ein Team mit einem ranzigen Parfüm und einer 20 Jahre alten Spielart hat es so weit gebracht. Über die Liebenswürdigkeit dieses Stils kann man diskutieren. Dennoch soll man die Teams aufgrund ihrer Kapazität beurteilten, ihr Potenzial maximal auszunutzen. Dieser Stil ist nicht in Mode, ist jedoch genau so zweckmäßig wie der Minimalismus der 90er Jahre.“ (As)

„Die verzweifelten Spieler des FC Bayern sind Opfer der Laune des Fußball-Gottes geworden, der sich in München blau gekleidet hat.“ (El País)

„Die Göttin Fortuna war großzügig gegenüber der alten Truppe des Zars Abramowitsch. Chelsea hat so viele Leben wie die Katze, und Drogba hat mit 34 Jahren mehr als sieben Leben.“ (El Mundo)

Italien

„Drogba d'Europa. Seine Majestät Chelsea. Di Matteo und Drogba triumphieren. Bayern weint. Robben war wieder Schuld.“ (La Gazzetta dello Sport)

„Es ist Chelsea! Ein unglaubliches Finale. Bayern geht zu Hause k.o.. Ein Triumph für Di Matteo.“ (Corriere dello Sport)

„Chelsea-Di Matteo über alles! Drogba erledigt die Bayern.“ (Tuttosport)

„Drogba zerreißt Bayern das Herz. Die Di Matteo-Boys holen den Champions League-Titel.“ (La Repubblica)

„Ein unglaublicher Triumph von Chelsea.“ (Il Tempo)

Frankreich

„Drogba, der Krimi-König. Wenn Roman Abramowitsch den Club einmal verkaufen sollte, kommt er nicht umhin, dem ivorischen Stürmer eine Statue zu errichten.“ (Journal du Dimanche)

„Ein heldenhafter Drogba sichert Chelsea den Sieg.“ (Le Monde)

„Drogba wie ein König. Mit dem Ausgleich und dem verwandelten fünften und entscheidenden Elfmeter katapultierte er Chelsea auf Europas Gipfel.“ (L'Equipe)

Schweiz

„Drogba macht Robi zum König! Wahnsinn! Irre! Unfassbar! Drama pur. Nach einem Hitchcock-Krimi holt Roberto Di Matteo Europas Fußball-Krone. Schweinsteiger steht nach seinem Fehlschuss unter Schock.“ (Sonntags-Blick)

„Chelsea am Ziel seiner Träume - Held Drogba. Für die Bayern wird es schwer werden, diese Pleite zu verkraften... National sind die Münchner längst nur noch die Nummer zwei hinter Dortmund, und eine derartige Chance wie gestern gegen Chelsea wird nie mehr kommen.“ (Basler Zeitung)

„Drogba avanciert zum Helden. Für die Herren Drogba, Lampard und Cech war es die letzte Chance auf einen großen Titel, und was würde sich als Rührstück besser eignen als der Triumph der alten Männer beim Abschied? Und so kam es.“ (NZZ am Sonntag)

Österreich

„München in Trauer! Das steckt in den Köpfen drin, bleibt hängen. Eventuell auch bei der EURO, wo Deutschland ja auf acht Spieler der Bayern setzt? Teamchef Jogi Löw wird in nächster Zeit viel Seelenmassage bei diesen Spielern betreiben müssen.“ (Kronen Zeitung)

„Drogba beendete Bayerns Träume. Und Chelsea? Man hatte den Eindruck, dass sie nicht wissen, dass sie in einem großen Finale stehen. Nur neun Mal schossen sie aufs Bayern-Tor, nur einen Eckball holten sie heraus. Was aber für den Ausgleich reichte.“ (Kurier)

Schweden

„In den Himmel, zur Hölle und wieder zurück. Didier Drogba war im vielleicht letzten großen Spiel seiner Karriere der absolute Mittelpunkt. Nach der ersten Gefühlsexplosion sah er Arjen Robben und gab ihm eine lange Umarmung. Der Held der Siegerelf und Bayerns großer Sündenbock in einem Augenblick, der alles sagte.“ (Aftonbladet Stockholm)

„Chelsea war erst Barcelona und dann Bayern unterlegen, konnte aber beide Giganten knacken. Schweinsteiger, Kroos und Lahm tut das Aufwachen jetzt sicher weh. Aber in anderthalb Monaten sind sie mit Deutschland Fußball-Europameister.“ (Expressen Stockholm)

Dänemark

„Bayern München war trotz alledem eins der großen Erlebnisse der Champions League. Die Elf hat der Welt gezeigt, wie schnell man von Verteidigung auf Angriff umschalten kann und zwei Weltklasse-Außen die meisten Gegner auseinandernehmen. Aber gegen Chelsea hat es nicht gereicht.“ (Ekstra Bladet Kopenhagen)

USA

„Bayern beendet die Saison ohne Titel - das ist ohne jede Frage der bitterste Geschmack von allen.“ (New York Times)

„Masters in München. Chelsea treibt die Geister von Moskau endgültig aus. Die Saison hätte ein Desaster sein können - jetzt ist sie an der Grenze zu einem Wunder.“ (ESPN)

„Manchmal macht Fußball einfach keinen Sinn. Während Chelseas Champions-League-Triumph war es schwer, nicht an eine höhere Macht zu glauben.“ (SportsIllustrated)

Russland

„Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Ex-Chelsea-Spieler Arjen Robben erfüllt Roman Abramowitsch nach neun Jahren Warten den Traum vom Sieg in der Champions League.“ (Sowjetski Sport)

Mir und so ziemlich allen anderen Reisenden war also klar: Die Rückreise von München wird kein Zuckerschlecken: Ein voller Zug, viele betrunkene und genervt-übermüdete Fans und zudem das Konfliktpotenzial zwischen deutschen und britischen Anhängern.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

homerj51@gmx.de

20.05.2012, 22:45 Uhr

Auch ich saß in dem genannten ICE 616 und kann (oder besser muss) das Geschehene so bestätigen.
Eine Ergänzung noch zum Thema Reservierungen: Wie berichtet, war dies im Internet schon Wochen vorher nicht mehr möglich. Etwa um 4.15 Uhr (also 50 Minuten NACH der vorgesehenen Abfahrt) bestiegen zwei Reisende die erste Klasse und wollten ihre reservierten Plätze einnehmen. Die Reservierung hatten sie 5 Minuten zuvor am Fahrkartenautomaten erstanden. Wie kann die Bahn Wochen vorher Reservierungen ablehnen und dann nach der Abfahrt(!) doch noch am Automaten verkaufen??

TooBIg

21.05.2012, 13:43 Uhr

In dem vllt nicht alle Plätze in der ersten Klasse ausgebucht waren. Erklärt aber immernoch nicht wieso dies für einen verspäteten Zug möglich war. Vllt ist es möglich das die Automaten, welche ja auch Verspätungen mit berücksichtigen, dies auch auf den Ticketkauf umsetzen. Das weiß ich aber nicht.

norigo

21.05.2012, 15:00 Uhr

@Thorsten Giersch. Bin selber Zugbegleiter bei der Deutschen Bahn und kenne das Problem. Was ich eigentlich immer wieder Schade finde ist, dass viele eigentlich gar nicht wissen wie in anderen Ländern der HGV funktioniert. In Frankreich, Italien und Spanien geht ohne Reservierung erstmal gar nichts, in Deutschland können die Leute immer zusteigen auch ohne Reservierung. Diese Flexibilität wird gerne mal vergessen. Mir wäre es auch lieber wenn die ICE's Reservierungspflichtig wären, aber Fahrgastverbände lehnen dies wehement ab. Das der Zug nicht abgefahren ist lag im ermessen des Zugchefs. Denn dieser trägt die Verantwortung für alle Reisenden im Zug, gehen sie deshalb mal von einem Notfall aus und der Zug bleibt in einem Tunnel aufgrund eines Brandes im Zug stehen. Wie wollen sie da alle Leute wenn der Zug überfüllt ist sicher evakuieren? Im Endeffekt steht der Zugchef vor dem Staatsanwalt und muss sich rechtfertigen.
@homerj51@gmx.de vielleicht waren es Bahncomfort Kunden. Für diese Fahrgäste wird ein gewisses Kontingent an Sitzplätzen vorgehalten die der normale Reisende nicht buchen kann. Ich denke mal eine generelle Reservierungspflicht im Fernverkehr könnte abhilfe schaffen, aber diese wird es nicht geben in Deutschland.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×