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05.09.2011

16:05 Uhr

Mentale Erschöpfung

Hannovers Torhüter Miller im Krankenhaus

Hannover-96-Ersatzkeeper Markus Miller steht seinem Team länger nicht zur Verfügung: Wegen mentaler Erschöpfung wird Miller derzeit in einer Privatklinik behandelt. Er erlebte „großen inneren Druck und Anspannungen“.

Markus Miller: „Seit einiger Zeit habe ich immer seltener das Gefühl, dass ich der Mannschaft wirklich helfe oder etwas Wesentliches bewirke.“ dapd

Markus Miller: „Seit einiger Zeit habe ich immer seltener das Gefühl, dass ich der Mannschaft wirklich helfe oder etwas Wesentliches bewirke.“

HannoverMarkus Miller wollte nicht mehr schweigen, seine Probleme nicht mehr verstecken. Mit großem Mut wandte sich der Torhüter von Hannover 96 am Montag an die Öffentlichkeit. „Ich habe mich dazu entschlossen, meinen Klub, unsere Fans und die Medien über meine Erkrankung zu informieren. Wegen meiner mentalen Erschöpfung werde ich mich ab sofort stationär behandeln lassen“, ließ der 29-Jährige seinen Verein in einer Erklärung mitteilen.

Miller brachte die Kraft auf, die der ehemalige Nationaltorhüter Robert Enke nicht mehr hatte. Enke nahm sich im November 2009 von Depressionen geplagt das Leben. Auch die ständige Geheimhaltung seiner Krankheit hatte den damals 32-Jährigen innerlich zerrissen.

Wie bei Enke hatte auch bei Miller nur dessen direktes Umfeld etwas von den großen persönlichen Problemen mitbekommen. Miller gelang es, seine Situation zu verbergen - bis er selber nicht mehr konnte und sich Hannovers sportlicher Leitung um Trainer Mirko Slomka und Sportdirektor Jörg Schmadtke offenbarte. „Seit einiger Zeit habe ich immer seltener das Gefühl, dass ich der Mannschaft wirklich helfe oder etwas Wesentliches bewirke. Dabei erlebte ich zunehmenden, großen inneren Druck und Anspannungen, die mich begannen zu blockieren“, erklärte Miller und betonte, den Weg in die Öffentlichkeit ganz bewusst gewählt zu haben.

Ein Schritt, der 96-Geschäftsführer Martin Kind „allerhöchsten Respekt“ abverlangt. „Er hat in einem Klub, der ein furchtbares Erlebnis mit einem persönlichen Schicksal durchgemacht hat, bewusst den Gang an die Öffentlichkeit gewählt und klare Fakten geschaffen“, sagte Kind: „Dieser Schritt ist ein großes Zeichen von Mut.“ Der Verein sagte dem noch bis 2013 vertraglich gebundenen Miller umgehend „alle Unterstützung“ zu.

Derzeit wird der Schlussmann in einer Privatklinik behandelt und vom Gelsenkirchener Psychologen Martin Braun unterstützt. Beide haben bereits in zahlreichen ambulanten Gesprächen gemeinsame Lösungsansätze entwickelt. „Bei Markus Miller ist von einer deutlich positiven Behandlungsprognose auszugehen“, sagte Braun. Dem Torhüter werde geholfen, indem man mit ihm „gesündere und positivere Umgehensweisen mit sich selber“ erarbeite. Dann könne Miller möglicherweise „mit noch größerer Stärke“ aus der Situation hervorgehen.

Die Mannschaft von Hannover 96, derzeit immerhin Tabellenvierter und Teilnehmer der Gruppenphase der Europa League, wurde von Slomka vor dem Training am Montagnachmittag über die Erkrankung ihres Kollegen informiert. Die Berufung eines Sportpsychologen zur Betreuung der Spieler ist derzeit nicht vorgesehen, wird im Verein aber noch geprüft. Nach dem Tod von Enke hatten die Profis selbst erklärt, auf derartige Unterstützung verzichten zu wollen. Im Vordergrund steht derzeit ohnehin die Hoffnung auf eine baldige Genesung von Miller, der seinem Team für unbestimmte Zeit fehlen wird.

„Wir stärken und schützen ihn, weil er sich mit aller Offenheit seinen psychischen Schwierigkeiten stellt, die unverändert in unserer Gesellschaft als Tabu-Thema behandelt werden“, sagte Schmadtke. Slomka bezeichnete Millers Schritt an die Öffentlichkeit als „imponierend“ und ergänzte: „Ich traue Markus absolut zu, diese Behandlung für sich zu nutzen und gestärkt sowie mit neuer Zielsetzung seine Karriere als Fußballprofi erfolgreich fortzusetzen.“

Auch die nach dem Tod von Robert Enke ins Leben gerufene Robert-Enke-Stiftung zollte Miller für seinen Umgang mit der Erkrankung „höchste Anerkennung“. „Gerade im Leistungssport stellt sich der Umgang mit psychischen Erkrankungen nach wie vor als schwierig dar, was das beschriebene Vorgehen umso eindrucksvoller wirken lässt“, urteilte die Stiftung.

Miller war 2010 vom Karlsruher SC nach Hannover gewechselt, zog sich bei seinem neuen Arbeitgeber jedoch sofort eine Knieverletzung zu und ist noch ohne Punktspieleinsatz für die Niedersachsen. Während seiner Karriere beim KSC war Miller zeitweilig mit einem Wechsel zu Bayern München und Werder Bremen in Verbindung gebracht worden. 2007 stoppte den Familienvater jedoch ein Kreuzbandriss. Neben Karlsruhe und Hannover stand der Keeper auch beim VfB Stuttgart und dem FC Augsburg unter Vertrag.

Von

dapd

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