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03.06.2015

14:37 Uhr

Nach dem Blatter-Rückzug

Vier Fakten, die Sie jetzt über die Fifa wissen müssen

VonAlexander Möthe, Holger Alich

Schreiben wir Tag eins nach Blatter oder geht der Präsident gar nicht wirklich? Wer folgt ihm nach? Was wird aus der WM in Katar? Die wichtigsten Fragen und die ersten Antworten.

Fifa-Chef Sepp Blatter geht, wer folgt ihm nach? dpa

Der Schatten des Präsidenten

Fifa-Chef Sepp Blatter geht, wer folgt ihm nach?

Düsseldorf, ZürichNach 17 Jahren als Fifa-Präsident hat Joseph S. Blatter, genannt Sepp, am Dienstag kurz nach seiner Wiederwahl völlig überraschend seinen Rückzug verkündet. Der 79-Jährige wird bis zu einem Sonderkongress des Fußball-Weltverbands, für den noch ein Termin gefunden werden muss, weiter die Geschicke der Fifa leiten. Die Eiligkeit seiner Erklärung sowie die Umstände im Vorfeld der Wahl hinterlassen jede Menge Fragen. Hier die wichtigsten:

Ist Sepp Blatter jetzt am Ende?

Ja, aber es ist kein unerschütterliches Ende. Bei Blatters Rücktrittserklärung handelt es sich mehr um einen  Rückzug, und zwar einen schleichenden. Der noch immer amtierende Fifa-Präsident bleibt bis zu einem Sonderkongress des Weltverbands im Amt, der zwischen Dezember 2015 und März 2016 einberufen wird. Die Begründung: Zwischen zwei Präsidentenwahlen müssten laut Statuten mindestens vier Monate liegen. Zudem wolle man den Mitgliedern genügend Zeit geben, sich vor der Wahl aufzustellen und geeignete Kandidaten zu sondieren.

Bisher ist nur klar, dass Blatter zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als Kandidat zur Verfügung stehen wird. Der „Pate des Weltfußballs“ sprach vor der Presse dennoch von einem klaren Mandat durch die Wahl. Die mangelnde Akzeptanz, die sich abseits des Fifa-Kongresses am vergangenen Wochenende gezeigt habe, hätte ihn sein Amt überdenken lassen. Er bleibt aber de facto Alleinherrscher des mächtigsten Sportverbands der Welt. Und es ist nicht restlos auszuschließen, dass Blatter am Ende doch noch eine Kehrtwende vollzieht. Etwa, weil die Verbände ihm das volle Vertrauen aussprechen. Oder kein geeigneter Nachfolger gefunden wird. Blatter wäre, wie es beim Pokern heißt, „all in“ gegangen.

Wer folgt auf Blatter?

Kandidaten

Die Liste der möglichen Kandidaten für die Nachfolge von Joseph Blatter ist lang und vielfältig. Einen wirklichen Neuanfang würden jedoch nur wenige bedeuten.
Quelle: dpa

Kongress

Der Wahlkongress soll voraussichtlich zwischen Dezember diesen Jahres und März 2016 stattfinden. Schon am Dienstagabend äußerten sich die ersten potenziellen Kandidaten.

Der Uefa-Chef

Eine Kampfkandidatur gegen Blatter hatte Michel PLATINI (59) als Präsident der Europäischen Fußball-Union stets tunlichst vermieden. Ambitionen auf das höchste Funktionärsamt verhehlte der Franzose hingegen ebenso wenig. Viele Jahre lang hat er Blatter unterstützt.

Blatter-Gegner I

Der gegen Blatter unterlegene Prinz Ali BIN AL-HUSSEIN aus Jordanien und der Niederländer Michael VAN PRAAG erklärten schon am Dienstagabend, dass sie sich eine Kandidatur offenhalten.

Blatter-Gegner II

Luis FIGO, der wie van Praag vor der Wahl zugunsten al-Husseins zurückgezogen hatte, forderte eine „gemeinsame weltweite Lösung“. Aus dem Trio besäße al-Hussein wohl die größten Chancen - pikant würde die Situation, wenn sowohl der aus Europa unterstützte Jordanier wie auch Platini antreten sollten.

Blatter-Gegner III

Der frühere Profi David GINOLA, der schon vor der vergangenen Wahl die notwendigen fünf Unterstützerländer nicht aufbringen konnte, will es erneut versuchen.

Blatters Stellvertreter

Wäre der Schweizer sofort zurückgetreten, hätte Issa HAYATOU als längster sich im Amt befindender Vizepräsident die Geschäfte übernommen; alles andere als ein Neuanfang.

... unter Verdacht

Der 68-Jährige aus Kamerun sitzt seit 1990 in der FIFA-Exekutive und stand schon mehrfach unter Korruptionsverdacht, den er stets zurückwies. 2011 kam er mit einer Rüge des Internationalen Olympischen Komitees für den Erhalt von 20.000 US-Dollar vom früheren Marketingpartner ISL davon.

Ein Strippenzieher

Erst beim Kongress am vergangenen Freitag wurde Ahmad al Fahad AL SABAH ins FIFA-Exko gewählt. Und doch war der Kuwaiti schon mittendrin.

... und Platini

Am Vorabend der Wahl zeigten Fotos den höchst einflussreichen Sportfunktionär an der Seite von Platini, al Sabah weiß wie man Mehrheiten beschafft. Schon Thomas Bach profitierte bei der Wahl zum IOC-Präsidenten von seinen Diensten.

Der Kaiser

Seine Popularität nutzte Franz BECKENBAUER bereits, um die WM 2006 nach Deutschland zu holen - auf ihn als Präsidenten könnte sich die Fußball-Welt sicher einigen. Als Exko-Mitglied war er allerdings bei der skandalumwitterten WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022 im Dezember 2010 beteiligt und sieht sich noch mit Ermittlungen der FIFA-Ethikkommission konfrontiert.

Die Fußball-Legende

Der ehemalige brasilianische Fußball-Star ZICO hat eine Kandidatur für das freiwerdende Amt des FIFA-Präsidenten nicht ausgeschlossen. Der 62-Jährige schrieb nach dem angekündigten Rücktritt von FIFA-Chef Blatter auf seiner Facebook-Seite: „Warum nicht? In meinem Leben ist es immer um Fußball gegangen.“

Die große Unbekannte sind die möglichen Ermittlungen der US-Behörden, von denen am Dienstagabend der US-Fernsehsender ABC berichtete. Erhärtet sich der Verdacht und wird Anklage erhoben, womöglich Haft beantragt, müsste Blatter sofort Konsequenzen ziehen und umgehend zurücktreten.

Warum erklärt Blatter jetzt seinen Rückzug?

Hier gibt es verschiedene Erklärungsansätze, sie alle vereint die These: der Druck wurde zu groß. Unklar ist jedoch, von welcher Seite. Die naheliegende Erklärung: Die Korruptionsermittlungen der US-Behörden haben die Fifa-Spitze erreicht. Blatters Generalsekretär taucht anonymisiert in Ermittlungsakten auf, wenngleich auch weder als Angeklagter noch als Mittäter.

Doch die Ermittlungen, in Zuge derer am vergangenen Mittwoch sieben Fifa-Funktionäre in der Schweiz festgenommen wurden, sind für Blatter nicht neu. Es besteht die vage Möglichkeit, dass es einen Deal zwischen Behörden und Blatter gibt, die dem Fifa-Präsidenten einen halbwegs geordneten Rückzug erlaubt. Gäbe es konkrete Beweise für eine Verstrickung Blatters in Korruptionsaffären, wäre der 79-Jährige wohl umgehend zum Rücktritt gezwungen worden.

Fifa: Bringt das FBI Sepp Blatter zur Strecke?

Fifa

Bringt das FBI Sepp Blatter zur Strecke?

Fifa-Boss Sepp Blatter flüchtet aus dem Amt, die US-Justiz ist ihm auf den Fersen. Ermittlungen gegen den Fußballpaten laufen wohl bereits. Doch noch fehlt die „smoking gun“, der Beweis für sein Mitwissen und Mitwirken.

Hinzu kommt, dass - Stand jetzt - die Form der Korruption, die der Fifa vorgehalten wird, in der Schweiz kein Strafbestand ist. Und an andere Staaten muss die Schweiz eigene Staatsbürger nicht ausliefern. Die Fifa erklärte am Mittwoch, Blatter werde nicht wie geplant zum Endspiel der Frauen-WM in Kanada reisen. Begründet wurde dies damit, dass alle Verbandsoberen bis auf Weiteres am Hauptsitz in Zürich eingebunden wären. Das gilt auch für Generalsekretär Jérôme Valcke, der schon zuvor die Reise nach Kanada abgesagt hatte. Der Verdacht, beide wollten einer möglichen Konfrontation mit nordamerikanischen Ermittlern entgehen, bleibt bestehen. Entscheidende Details könnten die im Tagesverlauf veröffentlichten Ermittlungsprotokolle gegen den US-Funktionär Chuck Blazer sorgen, der für die Behörden als Kronzeuge fungiert.

Aus dem Umfeld Blatters hieß es zu den Rücktrittsgründen, der interne Druck sei zu hoch geworden. Der innerste Zirkel des Präsidenten, darunter der Compliance-Chef der Fifa Domenico Scala, hätten dem Schweizer den Rückzug nahe gelegt. Nicht, um Schaden vom Präsidentenamt fernzuhalten, sondern um sich ohne die Last des Amts um seine Verteidigung kümmern zu können.

Der Kommunikationsberater Klaus Stöhlker, der Joseph Blatter als persönlicher Berater in Sachen Wiederwahl zur Seite stand, erklärt sich den überraschenden Rücktritt hingegen mit Druck der größten Fifa-Sponsoren. „Meiner Meinung nach waren es vor allem die großen US-Sponsoren wie Visa, Coca-Cola und McDonald's, die Blatter zum aufgeben gezwungen haben“, erklärte Stöhlker gegenüber dem Handelsblatt. Er betont indes, dass er für diese Version keine unmittelbare Bestätigung von Blatter selbst habe. Mit seinem Rücktritt habe Blatter einem Rückzug der Sponsoren zuvorkommen wollen, um so Schaden von der Fifa abzuwenden, meint Stöhlker. Diese Sicht der Dinge könnte aber, wie jede Theorie bisher, eine Nebelkerze sein, um vom eigentlichen Kern abzulenken.

Kommentare (7)

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Herr Fritz Yoski

03.06.2015, 14:42 Uhr

Der eigentliche Skandal ist das die laschen Europaer dem Treiben dieser kriminellen Organisation Jahrzehnte lang zugesehen haben. Ich bin kein Freunde der US Regierung, aber trotzdem gut das endlich mal jemand diesen Saustall ausmistet.

Account gelöscht!

03.06.2015, 14:51 Uhr

Interpol soll mal beim senilen Franz klingeln.

Herr Dr. Michael Klein

03.06.2015, 18:01 Uhr

Westen auf Kriegskurs mit Russland?

USA wollen Russland die Fußball-WM 2018 aberkennen.

FBI-Direktor James Comey ließ durchblicken, die "Arbeit wird weitergehen, bis die gesamte Korruption aufgedeckt ist, und die Welt die Botschaft verstanden hat".

Hinter den jüngsten Vorgängen steckt mehr, als der erste Anschein vermuten lässt. Das US-Imperium arbeiten darauf hin, dass Russland die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2018 abgenommen wird.

Blatter könnte es wie Dominque Strauss-Khan vor vier Jahre ergehen. Strauss-Kahn war von November 2007 bis Mai 2011 Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Amerikaner wollten ihn loswerden, weil er gefordert hatte, die Sparauflagen, die Ländern auferlegt wurden, die Kredite vom IWF erhielten, abzumildern. Er sprach sich öffentlich dagegen aus, der normalen Bevölkerung die Lasten für die Bewältigung der Finanzkrise aufzuerlegen, die von den Bankstern und anderen Wirtschaftsgaunern verursacht worden war. Darüber hinaus galt er als aussichtsreicherer Kandidat für das Amt des französischen Staatspräsidenten als die Person, die die USA an dieser Position sehen wollten.

Also stellte man ihm eine Falle und verwickelte ihn ungerechterweise in einen Sexskandal.
Nach seinem Rücktritt hievte Washington die konzernfreundliche Christine Lagarde auf den IWF-Chefposten, und der rechte Nicolas Sarkozy wurde Frankreichs Staatspräsident.

Ist die Geschichte dabei, sich jetzt zu wiederholen?

Anstelle eines Sexskandals nimmt Washington nun die Korruption in der FIFA zum Anlass, seine Befugnisse massiv zu überschreiten, indem es außerhalb seiner staatlichen und rechtlichen Zuständigkeit agiert.


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