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31.05.2011

15:21 Uhr

Neue Enthüllungen im Fifa-Skandal

England geht auf Konfrontationskurs zu Blatter

Heute soll der Fifa-Präsident gewählt werden. Doch von Festtagsstimmung ist vor dem Kongress auf dem Züricher Messegelände keine Spur. Nervosität, Anspannung und Gereiztheit bestimmen die Szenerie. Bei den Sponsoren des Weltfußballverbandes wächst die Kritik, aber auch nationale Verbände begehren auf. Denn die Wahl wird immer bizarrer.

Fifa-Logo an der Zentrale des Verbands in Zürich. Quelle: dpa

Fifa-Logo an der Zentrale des Verbands in Zürich.

Zürich/DüsseldorfDer englische Fußball-Verband FA fordert eine Verlegung der Fifa-Präsidentenwahl am Mittwoch und geht auf offenen Konfrontationskurs zum Amtsinhaber Joseph S. Blatter. FA-Präsident David Bernstein bat in einem Statement auf der Verbandsseite weitere nationale Verbände, die FA bei zwei Initiativen zu unterstützen: "Erstens, die Wahl zu verschieben und diesem Prozess Glaubwürdigkeit zu verleihen, so dass ein reformorientierter Kandidat die Gelegenheit erhält, als Präsident zu kandidieren." Zudem regte er die Einrichtung eines externen Fifa-Kontrollorgans an, wie es auch schon DFB-Präsident Theo Zwanziger gefordert hatte. Bernstein sprach von einer "sehr schädlichen Zeit für den Ruf der Fifa und somit für den ganzen Fußball". Um das Vertrauen in die Regierungsspitze zu stärken, seien die vorgeschlagenen Maßnahmen "ein positiver Schritt und das Mindeste, das geschehen sollte".

Zudem sollen nach bislang unbestätigten Angaben „neun oder zehn“ Delegierte der Asiatischen Fußball-Konföderation AFC bereits abgereist sein aus Protest gegen die Suspendierung des einstigen Präsidentschaftskandidaten Mohamed bin Hammam. Das wäre ein verheerendes Signal für den im Kreuzfeuer stehenden Amtsinhaber Blatter.

Der war noch am Dienstagmorgen auf Werbetour in eigener Sache gegangen. Der 75 Jahre alte Schweizer hatte um 9.30 Uhr im Züricher Nobelhotel „Renaissance“ ein paar Grußworte an die AFC-Vertreter gehalten und wollte trotz des desaströsen Zustandes seines Verbandes intensiv für sich werben. „Es muss schlimm gewesen sein“, berichtete ein Fifa-Insider später. AFC-Chef bin Hammam war am Sonntag von der Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes wegen Korruptionsvorwürfen vorläufig suspendiert worden. Der 62-Jährige bestreitet alle Vorwürfe, auch die einer gekauften WM 2022 in Katar, und legte prompt Einspruch gegen seinen Ausschluss ein.

Joseph Blatter

Blatter als Fußballer

Blatter war selbst von 1948 bis 1971 aktiver Fußballer und schaffte es bis in die oberste Schweizer Amateurliga.

Karriere vor der Fifa

Joseph Blatter studierte an der Rechtsfakultät der Universität Lausanne und schloss sein Studium mit dem Lizentiat der Handels- und Volkswirtschaftswissenschaften ab. Er begann er seine Karriere als Journalist und PR-Fachmann im sportlichen und privatwirtschaftlichen Sektor. Kontakte zur internationalen Sportszene knüpfte Blatter als Direktor für PR und Sport der Longines S.A., die an der Organisation der Olympischen Spiele 1972 und 1976 beteiligt war.

Mitgliedschaft im Exekutivkomitee

Schon seit 1981 gehört Blatter zum Exekutivkomitee des Fussball-Weltverbandes und war somit an insgesamt fünf Weltmeisterschaften beteiligt. Einen Namen machte sich Blatter zusammen mit dem damaligen Präsidenten Havelanges bei den Verhandlungen für Fernseh- und Marketingverträge zur kommerziellen Verwertung der Fussball-Weltmeisterschaften bis 2006.

Präsidentschaft

1998 wurde Blatter zum achten Präsidenten der Fifa gewählt. Seit 1999 ist er auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOK). Im Laufe seiner Amtszeit setzte Blatter viele Projekte um, die sein Vorgänger João Havelanges initiiert hatte. Dazu gehören die Wettbewerbs- und Ausbildungsprogramme der Fifa, die Weltmeisterschaften in den Alterskategorien U-20 und U-17 sowie im Frauen- und Hallenfußball. Blatter wurde 2002 für eine zweite Amtsperiode gewählt und 2007 erneut für eine weitere Amtszeit bestätigt.

Soziales Engagement

Joseph Blatter engagiert sich seit langem für verschiedene humanitäre Projekte und untermauert dadurch seine Überzeugung, dass Fußball eine gesellschaftliche Verantwortung trägt. Er begann 1994 eine Partnerschaft mit den SOS Kinderdörfern, die die Fifa finanziell und materiell unterstützt. Seit 1998 führt Blatter auch immer wieder Kampagnen mit UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, durch.

Seine Fußballphilosophie

„Fußball für alle, alle für den Fußball“ - Neben der gesellschaftlichen Verantwortung liegt Blatter das Fairplay am Herzen. Fußball ist für ihn eine Möglichkeit für eine bessere Völkerverständigung. Er setzt zudem darauf, sämtliche Akteure des Fußballs über ein modernes Kommunikationsnetz zu verknüpfen und mit Politik und Wirtschaft in Kontakt zu treten. In erster Linie aber bedeutet der Fußball für Blatter natürlich Leidenschaft und Emotionen.

Für Verwirrung und Rätselraten sorgte auch am Dienstag eine angebliche Enthüllungs-Pressekonferenz zur WM-Vergabe an Katar. Laut eines Mitglieds der „Entourage“ eines ehemaligen Fifa-Offiziellen sollte sie um 14 Uhr im Fünf-Sterne-Hotel The Dolder Grand in Zürich stattfinden. Belegt werden sollten demnach Zahlungen über angeblich 20 Millionen Dollar, um die Entscheidung pro Katar ausfallen zu lassen. Bei den Beschuldigten solle es sich angeblich um Issa Hayatou (Kamerun), Nicolaz Leoz (Paraguay), Julio Grondona (Argentinien) und Rafael Salguero (Guatemala) handeln. Doch der Termin fand zunächst nicht statt. Das Hotel , wo die Veranstaltung ursprünglich hätte stattfinden sollen, verweigerte angeblich kurzfristig die Bereitstellung eines Saales. Das Hotel selbst hatte dagegen zuvor der Nachrichtenagentur dpa mitgeteilt, dass dort keine Pressekonferenz geplant sei.

Auch am Tag des eigentlichen Kongressbeginnes im Züricher Hallenstadion kommen immer neue absurde Vorwürfe ans Tageslicht. Auch wichtige Sponsoren und Geldgeber halten sich mit Kritik am schlimmsten Skandal der 107-jährigen Fifa-Geschichte nicht zurück.

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