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09.12.2014

16:39 Uhr

Neue Korruptionsvorwürfe bei WM-Vergabe

Ex-Bewerbungs-Pressechefin wirft Katar Millionenbestechung vor

Die FIFA und Katar kommen in der Affäre um die Vergabe der Fußball-WM 2022 nicht zur Ruhe. Eine Informantin des Weltverbands erhob nun erneut schwere Vorwürfe gegen den WM-Gastgeber.

Die frühere Bewerbungs-Pressechefin von Katar, Phaedra Almajid, berichtet über Millionen-Korruption des Emirats im Rahmen der WM-Vergabe für 2022. Sie will bei den „Verhandlungen“ selbst anwesend gewesen sein. dpa

Die frühere Bewerbungs-Pressechefin von Katar, Phaedra Almajid, berichtet über Millionen-Korruption des Emirats im Rahmen der WM-Vergabe für 2022. Sie will bei den „Verhandlungen“ selbst anwesend gewesen sein.

ParisEine Informantin des Fußball-Weltverbandes FIFA beschuldigt WM-Gastgeber Katar vor der Vergabe des Turniers 2022 afrikanische Funktionäre mit Millionen-Summen bestochen zu haben. Bei einem Treffen in einem Hotel in Luanda (Angola) habe ein Katarer zum Beispiel im Januar 2010 in einem Raum mit mehreren Personen über eine Französisch sprechende Dolmetscherin einem Afrikaner eine Million US-Dollar angeboten, damit dieser für das Emirat als Ausrichter stimmt. Das versicherte die frühere Bewerbungs-Pressechefin von Katar, Phaedra Almajid, im Interview des französischen Fachmagazins „France Football“ (Dienstag).

Der Angesprochene habe damals am Rande der Afrika-Meisterschaft geantwortet: „Ah, eine Million Dollar ... Warum nicht eineinhalb Millionen?“. Der Deal sei dann für diesen Betrag mit wenigen Worten schnell perfekt gemacht worden.

„Ich hatte nie ein so direktes Angebot gesehen, ich war schockiert“, sagte Almajid ohne jedoch Namen zu nennen. Ähnliche „Vereinbarungen“ seien danach in ihrer Anwesenheit mit zwei weiteren afrikanischen Fußball-Funktionären getroffen worden.

Die WM-Organisatoren in Katar hatten die Vorwürfe unsauberer Machenschaften im Zuge des WM-Bewerbungsverfahrens stets mit Nachdruck zurückgewiesen. Almajid hält sich nach Angaben von „France Football“ unter dem Schutz des FBI in den USA versteckt.

Sie hatte FIFA-Chefermittler Michael Garcia bei den Untersuchungen über mögliche Korruption bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wichtige Informationen zukommen lassen. Im Urteil des deutschen FIFA-Ethikhüters Hans-Joachim Eckert sah sie jedoch danach einen Verstoß gegen die Vertraulichkeit. Sie werde deshalb ihr Leben lang auf der Hut sein müssen.

Fußball-WM 2022: Katar und seine Probleme

Das Problem

Fünf Millionen Dollar. Das ist die Summe, die der ehemalige katarische Spitzenfunktionär Mohammed bin Hammam eines Berichts der britischen Zeitung „Sunday Times“ zufolge an Schmiergeldern an Offizielle des Fußball-Weltverbandes gezahlt haben soll.

Der Ermittler

Belege für den Stimmenkauf - teilweise schon ein Jahr vor dem Zuschlag für Katar im Dezember 2010 - sollen von der Zeitung an FIFA-Chefermittler Michael Garcia gehen. Der frühere FBI-Direktor untersucht die WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar.

Der Bericht

Seine Untersuchungen will er bis zum 9. Juni abgeschlossen haben. Sein ursprünglich für September 2013 vorgesehener Bericht soll dann sechs Wochen später fertig sein. Garcia bereist alle Kandidatenländer und wurde zuletzt unabhängig von den neuen Enthüllungen zu Gesprächen mit den Katarern in Oman erwartet.

Im Visier

Als FIFA-Vize und Mitglied des Exekutive gehörte der Katarer Mohammed bin Hammam zum engsten Machtzirkel des Fußball-Weltverbandes. Die Aussage des WM-Komitees, bin Hammam stünde in keiner offiziellen oder inoffiziellen Verbindung zu Katars WM-Bewerbung, ist absurd. Selber abstimmen durfte er bei der Vergabe 2010 zwar nicht, der heute 65-Jährige war aber maßgeblicher Strippenzieher.

Zweifelhafte Karriere

Als Beauftragter für das FIFA-Entwicklungsprogramm Goal verteilte er gerade in armen Ländern immer wieder legale Finanzspritzen des Weltverbandes. Gestürzt wurde bin Hammam 2011 über Bestechungsvorwürfe im Rahmen seiner Kandidatur als FIFA-Präsident gegen Amtsinhaber Joseph Blatter. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hob eine lebenslange Sperre auf, später wurde bin Hammam wegen Verfehlungen in seiner Zeit als Chef der asiatischen Föderation erneut von der FIFA mit einem Bann belegt.

Ein Schatten auf der WM

Die neue Vorwürfe kommen für die FIFA zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Sie werden mit Sicherheit den Kongress der 209 Mitgliedsverbände am 10. und 11. Juni kurz vor dem Eröffnungsspiel in Sao Paulo beschäftigen. Auf der offiziellen Tagesordnung gibt es aber keinen Programmpunkt Katar. Blatter will den Kongress nutzen, um sich als Präsidentschaftskandidat küren zu lassen.

Dauer-Debatte

Das Turnier am Zuckerhut selbst wird durch die Dauer-Debatte um Katar wohl keine Kratzer abbekommen. Die Erfahrung zeigt: Wenn der Ball einmal rollt, rückt der Sport in den Fokus und hohe Wellen schlägt das Thema hauptsächlich in England, Australien und Japan, die alle in den jüngsten WM-Vergaben unterlegen waren, und Deutschland.

Dilemma

Prinzipiell kann die FIFA die Austragungsrechte wieder aberkennen. Zuständig wäre der Kongress als höchste Instanz. Allerdings müssten zunächst Beweise für klare Verstöße gegen die Bewerbungsrichtlinien vorliegen. Und Katar bliebe der Rechtsweg offen. Ein juristischer Streit könnte für die FIFA lang und sehr, sehr teuer werden.

Neue Ausschreibung

Lieber heute als morgen hätte FIFA-Präsident Joseph Blatter das Problem vom Tisch. Doch eine endgültige Lösung ist nicht in Sicht. Legt der Garcia-Bericht eine Neu-Ausschreibung nahe, ist mit einem Gang durch alle Instanzen der Sport- und Zivilgerichtsbarkeit zu rechnen. Bleiben die Vorwürfe ohne Beleg und Konsequenz wird ohnehin weiter über die Katar-WM debattiert werden.

Menschenrechte

Mit Argusaugen beobachten Menschenrechtsorganisationen die umstrittenen Arbeitsbedingungen für Bau- und Gastarbeiter am Golf. Und: Noch ist nicht geklärt, wie die FIFA den durch die extreme Hitze notwendigen Winter-Termin gegen den Widerstand der Top-Ligen in Europa durchsetzen kann.

Unterdessen wies UEFA-Präsident Michel Platini die gegen ihn erhobenen Bestechungsvorwürfe bei den WM-Vergaben an Russland und Katar erneut zurück. „Ich bin sauberer als sauber“, sagte der Chef der Europäischen Fußball-Union am Dienstag in einem Interview des französischen Radiosenders Europe1. „Ich habe keinen Picasso, keinen Goldbarren, kein Gas, kein Benzin oder sonst irgendetwas.“

Die „Sunday Times“ hatte zuletzt geschrieben, dass Platini von einem Mitglied des russischen Bewerbungskomitees ein Gemälde erhalten habe, das dem Maler Pablo Picasso zugeschrieben wird. Die Sonntagszeitung hatte unter Berufung auf Erkenntnisse der englischen WM-Bewerbung pikante Details über die Geschehnisse vor der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 (Russland) und 2022 (Katar) veröffentlicht.

Platini hatte als Mitglied des Exekutivkomitees des Weltverbands FIFA an den Abstimmungen teilgenommen.

Von

dpa

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