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31.01.2016

20:49 Uhr

Niersbach im WM-Skandal

Hinweise vertuscht, Präsidium nie informiert

Quelle:dpa

Die neuen Recherchen zur WM-Affäre belasten vor allem den früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach. Dessen Krisenmanagement vor dem Bekanntwerden des Skandals war miserabel. Die neuen Fragen.

Im Zuge der WM-Affäre trat Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident zurückt. Foto: Arne Dedert dpa

Wolfgang Niersbach

Im Zuge der WM-Affäre trat Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident zurückt. Foto: Arne Dedert

FrankfurtDer Deutsche Fußball-Bund soll in der WM-Affäre jahrelang Hinweise vertuscht haben, die auf Korruption und dubiose Geschäfte rund um die Vergabe des Sommermärchens hindeuten. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung”.

SZ, WDR und NDR stützen ihre Recherchen auf die Ermittlungen der Kanzlei Freshfields, die den Skandal im Auftrag des DFB untersucht. Zitiert wird dabei unter anderem aus den Vernehmungen des früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und des früheren stellvertretenden Generalsekretärs Stefan Hans.

DFB-Affäre um WM 2006

16. Oktober

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa ein.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sei, um damit vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein. Der DFB weist den „Spiegel“-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober

Erstmals äußert sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu den Vorwürfen: „Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat.“

18. Oktober

Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den „Spiegel“-Bericht: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“

19. Oktober

Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.

Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals „den einen offenen Punkt“ ein: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“

Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober

Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober

Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober

Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber „strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird.“

Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und berichtet im „Spiegel“ von der vermeintlichen Existenz einer schwarzen Kasse „in der deutschen WM-Bewerbung“. Es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005“.

26. Oktober

Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen „Fehler“ ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der Fifa-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober

Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober

Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus: „Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert.“

3. November

Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und dem ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht angeblich von Niersbach stammende handschriftliche Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die Fifa aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass der heutige DFB-Präsident nicht erst in diesem Jahr von den umstrittenen Vorgängen Kenntnis hatte.

9. November

Nach einer Sitzung des DFB-Präsidiums und einem Treffen mit den Chefs der fünf Regional- und 21 Landesverbänden erklärt Wolfgang Niersbach seinen Rücktritt als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds. Niersbach erklärt, er habe sich nichts vorzuwerfen und sieht sich mit vielen offenen Fragen konfrontiert. Umso schwerer sei ihm die Entscheidung gefallen, die politische Konsequenz daraus zu ziehen.

„Je tiefer Freshfields gräbt, desto mehr Spuren gibt es”, schreibt die „Süddeutsche Zeitung”. „Bei der Kernfrage, ob die WM 2006 gekauft wurde, gibt es Indizien, aber sie fügen sich bislang nicht zu einer festen, beweiskräftigen Kette.”

Welche neuen Erkenntnisse gibt es in der WM-Affäre?

Wirklich handfeste neue Erkenntnisse gibt es nicht. Höchstens Hinweise, die bereits bekannte Einschätzungen noch einmal verstärken. Die „SZ” selbst recherchierte bereits im vergangenen Oktober in Akten der Bundesregierung, dass der Weltverband FIFA im Jahr 2003 auf einmal 40 Millionen Euro vom deutschen Organisationskomitee (OK) verlangt hat.

Sieben Millionen davon sollen „zum Zeichen der deutschen Solidarität mit Afrika” geflossen sein. Freshfields geht dem neuen SZ-Bericht zufolge nun Hinweisen nach, dass diese ominöse „Afrika-Hilfe” ein Ausgleich dafür war, dass Südafrika die Abstimmung über die WM 2006 gegen Deutschland verloren hatte.

Darauf deuten auch Aussagen von Stefan Hans hin: Von dem Geld sollten in Afrika neue Bolzplätze gebaut werden, sagte er laut SZ-Bericht aus. Die hätten aber „wohl nicht sieben Millionen Euro gekostet”.

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