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04.11.2015

06:28 Uhr

Niersbach, Zwanziger, Schmidt und Beckenbauer

Die Steuerrazzia schadet dem DFB-Präsidenten am meisten

Steuerhinterziehung: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei teils ehemalige DFB-Granden. Präsident Wolfgang Niersbach gerät unter Druck. Drei Verdächtige und die Frage: Was ist mit 6,7 Millionen Euro geschehen?

Gegen Horst R. Schmidt (links), Theo Zwanziger (2.v.l.) und Wolfgang Niersbach (rechts) gab es am Dienstag Durchsuchungen. Franz Beckenbauer blieb verschont. dpa

Vier Männer, drei Verdachtsfälle

Gegen Horst R. Schmidt (links), Theo Zwanziger (2.v.l.) und Wolfgang Niersbach (rechts) gab es am Dienstag Durchsuchungen. Franz Beckenbauer blieb verschont.

FrankfurtEin Großeinsatz der Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung hat der Affäre um die WM 2006 in Deutschland noch einmal eine neue Dimension gegeben und den Deutschen Fußball-Bund endgültig in die schwerste Krise seiner Geschichte gestürzt. Mehr als 50 Ermittler durchsuchten am Dienstagmorgen die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main und dazu noch die privaten Wohnsitze des amtierenden Präsidenten Wolfgang Niersbach, seines Vorgängers Theo Zwanziger und des langjährigen DFB-Generalsekretärs Horst R. Schmidt.

Der Verdacht der Staatsanwaltschaft lautet: „Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall“. Es geht dabei um die Rückzahlung jener ominösen 6,7 Millionen Euro an den damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, die das deutsche WM-Organisationskomitee 2005 bewusst falsch als Beitrag zu einer Fifa-Gala getarnt hatte.

Die Frage, wohin das Geld des Franzosen ursprünglich einmal geflossen ist, steht seit Wochen im Zentrum des gesamten Skandals und ist bis heute nicht geklärt. Zwanziger forderte den DFB in einem Schreiben vom Montagabend sogar dazu auf, zu prüfen, ob man die 6,7 Millionen nicht vom damaligen OK-Chef Franz Beckenbauer zurückfordern müsse.

Steuer-Fahnder: Razzia gegen Zwanziger, Niersbach und den DFB

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Gab es beim Deutschen Fußball-Bund schwarze Kassen? Wurde die WM 2006 gekauft? Jetzt gehen die Behörden dem nach – bei einer Razzia in der Frankfurter DFB-Zentrale und in den Wohnungen von DFB-Funktionären.

Zu den Durchsuchungen vom Dienstag sagte die Frankfurter Oberstaatsanwältin Nadja Niesen der „Bild“-Zeitung: „Sollte sich der hinreichende Tatverdacht erhärten, kommt es zur Anklageerhebung. Dann landet der Fall vor Gericht.“ Sollte es dann auch noch zu einer Verurteilung kommen, drohe den WM-Machern Niersbach, Zwanziger und Schmidt eine Haftstrafe „zwischen sechs Monaten und fünf Jahren“.

Zudem drohen den Verantwortlichen nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ (Mittwoch) Schadenersatzforderungen in Millionen-Höhe. Laut „SZ“ werden in Verbandskreisen nachträglich fällige Steuern in Höhe von 2,2 Millionen Euro für möglich gehalten, plus Zinsen seit 2006. Dafür könnte der DFB laut „Süddeutscher Zeitung“ die damaligen Verantwortlichen in Regress nehmen.

Niersbach dürfte nach den Entwicklungen vom Dienstag endgültig nicht mehr als DFB-Präsident zu halten sein. Das einzige OK-Mitglied, das noch heute ein wichtiges Amt zu verlieren hat, war schon vor der Steuerrazzia durch seine widersprüchlichen Aussagen zu der Affäre und durch sein miserables Krisenmanagement massiv in die Kritik geraten.

Kein Kommentar

Niersbach äußerte sich am Dienstag nicht. Der Parkplatz des DFB-Präsidenten blieb am Dienstag leer. Während in der Verbands-Zentrale die Ermittler der Frankfurter Staatsanwaltschaft Akten rund um die WM 2006 sichteten und beschlagnahmten, weilte Wolfgang Niersbach daheim in Dreieich. Schließlich waren die Fahnder auch bei ihm zu Hause vorstellig geworden, wie auch in den Wohnsitzen seines Vorgängers Theo Zwanziger und des damaligen Generalsekretärs Horst R. Schmidt.

DFB, Fifa und die WM: Was geschah mit den Millionen?

Worum geht es in der Affäre?

Im Zentrum des Skandals stehen 6,7 Millionen Euro. Nach Darstellung des DFB hat der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus diese Summe im Jahr 2002 für das deutsche Organisationskomitee an den Weltverband FIFA überwiesen. Die nach wie vor ungeklärten Fragen sind: Wer genau erhielt dieses Geld? Wozu brauchten die deutschen WM-Macher die Hilfe von Louis-Dreyfus? Bislang gibt es für die ominösen 6,7 Millionen weder Belege noch einen Zahlungseingang bei der FIFA. Laut DFB und OK-Chef Franz Beckenbauer floss das Geld, um sich einen Organisationszuschuss der FIFA zu sichern. Die anderen Theorien sind: Mit dem Geld wurden Stimmen für die WM-Vergabe gekauft oder der mittlerweile gesperrte FIFA-Chef Joseph Blatter unterstützt.

Gelder wurden getarnt

Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht es jetzt um die vermeintliche Rückzahlung der 6,7 Millionen an Louis-Dreyfus drei Jahre später. Die wurde vom WM-OK zur Tarnung als Beitrag für eine FIFA-Gala deklariert, die später nie stattfand. Auch bei dieser Zahlung liegt bislang fast alles im Dunkeln. Ob und auf welchen Kanälen das Geld vom DFB über die FIFA wieder bei Louis-Dreyfus angekommen sein könnte, ist weiterhin offen.

Gegen wen ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Im Visier stehen der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der damals Vizepräsident des Organisationskomitees war, sein Präsidenten-Vorgänger und OK-Schatzmeister Theo Zwanziger sowie Horst R. Schmidt. Dieser war geschäftsführender Vizepräsident des OK und bis 2007 Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes.

Weshalb ermittelt nun die Staatsanwaltschaft?

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, „die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst“ und damit Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie den Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 „in erheblicher Höhe“ hinterzogen zu haben. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler soll eine Zahlung des OK im Frühjahr 2005, die als Kostenbeteiligung an der FIFA-Gala deklariert war, als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden sein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Zahlung in Wirklichkeit einem anderen Zweck hatte. Damit wäre sie keine abzugsfähige Betriebsausgabe mehr gewesen. Die Zahlungszusage des OK vom 19. April 2005 wurde von Zwanziger und Schmidt unterzeichnet.

Weshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht auch gegen den damaligen OK-Präsidenten Franz Beckenbauer?

Das ist bislang unklar. Die wahrscheinlichste Erklärung: Beckenbauer und sein enger Vertrauter Fedor Radmann wohnen in Österreich bzw. der Schweiz und damit außerhalb des Zugriffsbereichs der Ermittler.

Was droht den Beschuldigten?

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall aufgenommen. Steuerhinterziehung ist in Paragraf 370 der Abgabenordnung geregelt, darin heißt es in Absatz 5: „In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.“

An welchen Stellen wird sonst noch ermittelt?

Die Affäre dürfte den deutschen Fußball noch lange Zeit in Atem halten. Die vom DFB selbst in Auftrag gegebene Ermittlung durch die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer soll noch „einige Wochen“ dauern. Auch an der Unabhängigkeit dieser Untersuchung gibt es mittlerweile massive Zweifel - es gibt eine private Verbindung zwischen einem engen Niersbach-Mitarbeiter und einem der Partner von Freshfields. Auch bei der FIFA sind noch zahlreiche externe Juristen erst am Anfang ihrer Untersuchungen. Bundesinnenministerium und Kanzleramt lassen derzeit intern ihre Akten zur WM 2006 prüfen.

Vor allem Niersbach gerät damit nach einer knappen Woche Ruhe wieder gewaltig unter Druck. Der 64-Jährige ist seit der offiziellen Razzia vom Dienstag als DFB-Präsident wohl nur noch schwer zu halten. Es sind schon Sportfunktionäre, Politiker und Wirtschaftsbosse wegen sehr viel weniger zurückgetreten.

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Gleichzeitig wurde das Schreiben Zwanzigers an den DFB bekannt, in dem er den Verband zur Prüfung möglicher Ansprüche gegen Beckenbauer aufforderte. Das Schreiben konnte die Deutsche Presse-Agentur am Dienstag einsehen. Nach den Darstellungen des DFB soll Beckenbauer 2002 in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem inzwischen gesperrten FIFA-Präsidenten Joseph Blatter ausgehandelt haben, dass der Weltverband im Auftrag der deutschen WM-Macher umgerechnet 6,7 Millionen Euro von Louis-Dreyfus erhält. Ob dieses Geld der Bestechung von FIFA-Funktionären, der Unterstützung von Blatters Wahlkampf oder nur wie von Beckenbauer und Niersbach behauptet der Sicherung eines Organisationszuschusses diente, ist unklar.

Wer sind die drei Männer, gegen die sich die Ermittlungen richten? Die Antwort finden Sie auf den folgenden Seiten. Einen Überblick über die Vorgeschichte finden Sie hier.

Kommentare (2)

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Herr stefan kinlel

04.11.2015, 08:50 Uhr

Wofür braucht es heute noch Sport-Funktionäre? Zur Geldwäsche? Zum Taschenvollstopfen? Zum Bestechen? Zum Händeschütteln mit Angela?
Konstruktive Arbeit ist denen offenkundig völlig fremd.
Das die deutsche Justiz mit denen jahrzehntelang so milde umging ist der eigentliche Skandal.

Herr x y

04.11.2015, 10:44 Uhr

Wofür braucht es heute noch, 9 Jahre danach, Hausdurchsuchungen? Das ist eine Schau, um die damaligen Akteure mürbe zu kochen. Wer nach 9 Jahren noch ein Papier im Haus oder eine Spur auf dem Komputer hat, verdient es allerdings nicht besser, als jetzt durch den Fleischwolf gedreht zu werden.

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