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16.11.2015

16:28 Uhr

Paris, Terror und der Fußball

„Unsere Stadien sind sicher“

VonThomas Schmitt

Der Sicherheitschef der Fußball-WM 2006, Helmut Spahn, beruhigt die Fans. Auch nach den Terroranschlägen in Paris müssten sie keine Angst in Stadien haben. Für größtmögliche Sicherheit werde gesorgt. So sein Versprechen.

Der Geschäftsführer des Internationalen Zentrums für Sportsicherheit (ICCS), Helmut Spahn: „Es ist immer angezeigt, der Lage angemessen und ruhig zu reagieren." dpa

Helmut Spahn

Der Geschäftsführer des Internationalen Zentrums für Sportsicherheit (ICCS), Helmut Spahn: „Es ist immer angezeigt, der Lage angemessen und ruhig zu reagieren."

Helmut Spahn war Sicherheitschef beim Deutschen Fußballbund (DFB) und 2006 für die Sicherheit der Weltmeisterschaft in Deutschland zuständig. 2011 wechselte er zum neugegründeten Zentrum für Sicherheit im Sport (ICSS) in Doha. Wie er das Risiko in Fußballstadien mit Blick auf das Länderspiel am Dienstag in Hannover gegen die Niederlande einschätzt. 

Herr Spahn, steigt nach den Terroranschlägen in Paris das Sicherheitsrisiko für das Länderspiel in Hannover gegen die Niederlande? Es ist dort mit mehr Politprominenz als üblich zu rechnen.
Es ist ein völlig normaler Vorgang, dass der DFB zusammen mit den Sicherheitsbehörden die Lage aktuell und fortlaufend beurteilt und eine Risikobewertung vornimmt. Daraus resultierend werden in Abstimmung mit allen Beteiligten die Sicherheitsmaßnahmen festgelegt.

Was sollten die Sicherheitskräfte tun?
Es ist immer angezeigt, der Lage angemessen und ruhig zu reagieren. Ich gehe davon aus, dass in Abstimmung mit allen Beteiligten (Veranstalter DFB, Polizei, Personenschutz, Privater Sicherheitsdienst) die der Situation erforderlichen, angemessenen und abgestimmten Maßnahmen getroffen werden.

Terrorgefahr im Sport: Wie Olympia sicher gemacht wurde

München 1972

Die Bundesrepublik unterschätzt die Bedrohungslage. Sie will ihr friedliches Gesicht auch dadurch zeigen, dass sie 4000 Sicherheitskräfte in Trainingsanzügen auftreten lässt. Der Überfall eines palästinensischen Terrorkommandos im olympischen Dorf auf das Quartier des israelischen Teams kostet 17 Menschen das Leben.

Montreal 1976

Die neue Devise heißt: Stärke zeigen. Soldaten mit Maschinengewehren bewachen die Wettkampfstätten. Einfliegende Sportler steigen unter Militärbewachung in Busse, die sie erst in einer unterirdischen Garage im Olympischen Dorf verlassen dürfen. 16.999 Soldaten und Polizisten sind im Einsatz. Erstmals helfen Computersysteme bei der Überprüfung von 60.000 Akkreditierungen.

Moskau 1980 und Los Angeles 1984

Mitten im Kalten Krieg feiert die Sowjetunion die Rote Armee als Garant für den olympischen Frieden. Moskau ist bei den Boykott-Spielen eine belagerte Stadt. Ihr Besuch ist nur mit Sondergenehmigungen möglich. Bei den Boykott-Spielen II hält sich die US-Armee im Hintergrund. Die massiv eingesetzte Polizei agiert in Sheriff-Manier.

Seoul 1988

Die erste Phase massivster Einsätze findet, nur 58 Kilometer entfernt von der Todesgrenze zum verfeindeten Nordkorea, ihren Abschluss. Südkoreas Armee wird in den Ausnahmezustand versetzt, dazu zusätzliches US-Militär stationiert. Trupps mit nach Sprengstoff schnüffelnden Schäferhunden gehören zur Karikatur eines Olympia-Festes, dem die Gastgeber den Titel „Harmonie und Freundlichkeit“ gegeben haben.

Barcelona 1992

Ein geheimes Stillhalteabkommen mit der baskischen Terrororganisation ETA und der Fall der Berliner Mauer sorgen, bei aller Wachsamkeit, für Entspannung.

Atlanta 1996

Die Gastgeber wappnen sich zur Gefahrenabwehr erstmals mit modernster IT-Technik und Kamikazefliegern. Im Kommerzgewusel ihrer „Coca-Cola-Spiele“ vernachlässigen sie die Sicherheit am Boden. Ein Rechtsextremist zündet im Olympiapark eine Bombe. Zwei Menschen werden getötet und elf verletzt.

Sydney 2000

Als Konsequenz aus der Entdeckung eines Waffenlagers Monate vor den Spielen kommt zur Palette von Vorsichtsmaßnahmen die Abwehr von biologischen und chemischen Waffen hinzu. Australien reorganisiert seine Sicherheitsdienste und beschließt rigorosere Gesetze zu Einfuhren und Einreisen.

Salt Lake City 2002

Der Terrorakt von New York 2001 durch Al-Kaida wirkt nach München 1972 als zweite Eskalationsstufe. Zum ersten Mal sind Winterspiele besonders gefährdet. Die US-Regierung schafft mit Awacs-Flugzeugen, F-16-Kampfjets und Black-Hawk-Hubschraubern einen Schutzschirm, stellt 15 000 Spezialkräfte der Armee ab und verwandelt das olympische Dorf und die Pressezentren in Festungen.

Athen 2004

Bedroht von vielfältigen terroristischen Gefahren auch aus der griechischen Nachbarschaft können die Spiele nur mit Hilfe der EU und der NATO geschützt werden. Eine Expertengruppe aus sieben Ländern, darunter Deutschland, plant das Sicherheitskonzept mit. Es verschlingt 1,5 Milliarden Dollar.

Peking 2008

Die Staatsmacht rekrutiert neben Militär und Polizei 1,5 Millionen sogenannte Freiwillige: 100.000 „olympische Freiwillige“, 400.000 „Stadt-Freiwillige“, eine Million „Freiwillige der Gesellschaft“. Als die Amtlichkeit aus der fernen Region der uigurischen Minderheit ein Blutbad mit 16 Terroropfern vermeldet, ziehen vor dem olympischen Dorf, dem Pressezentrum und dem IOC-Hotel Panzerfahrzeuge auf.

London 2012

Die britische Hauptstadt macht mobil mit 18.200 Soldaten, Kriegsschiffen und Raketen, die auch auf Dächern rund um den Olympiapark herum positioniert sind. Der Park selbst ist als zentraler Austragungsort geschützt mit einem fünf Meter hohen, elektrisch geladenen, von Kameras bewachten Zaun. Für unsichtbaren Schutz sorgt eine enge Kooperation westlicher Geheimdienste. Tausende von Kameras überwachen Knotenpunkte der Metropole.

Sotschi 2014

Das Motto heißt „totale Kontrolle“. Sie gilt vor allem als Abwehr gegen den islamistischen Terror aus dem Nordkaukasus. Die Staatsmacht setzt 60.000 Polizisten, Geheimdienstler und Soldaten ein, dazu Luftabwehrsysteme, U-Boote, Drohnen und Luftabwehrsysteme.

Wie sollten die Fans reagieren?
Ruhig und gelassen. Man kann darauf vertrauen, dass der DFB, die Polizei und alle anderen Beteiligten alles in ihrer Macht stehende tun, um größtmögliche Sicherheit zu gewähren.

Rechnen sie kurz- oder mittelfristig mit einem höheren Sicherheitsrisiko bei Bundesligaspielen?
Grundsätzlich nein. Unsere Stadien sind als sicher zu bezeichnen. Die Behörden, Verbände und Vereine werden aber sicherlich eine neue Bewertung der Situation vornehmen und dementsprechend reagieren, falls erforderlich.

Reaktionen der Nationalspieler

Mats Hummels

„Zurück in Deutschland. Unglaublich, was gestern passiert ist. Diese Welt ist jetzt wirklich beschissen. Meine Gedanken sind bei denjenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben.“

Ilkay Gündogan

„Wir sind sicher angekommen. Nach einer schockierenden Nacht sind unsere Gedanken bei all den Leuten, die von den Attacken betroffen sind.“

André Schürrle

„Was für eine schreckliche Nacht. Meine Gedanken sind bei den Familien, die ihre Liebsten verloren haben.“

Mario Götze

„Unglaublich - was für eine Tragödie. Meine Gebete gelten den Opfern und ihren Familien.“

Toni Kroos

„Was ist das für eine kranke Welt?“

Antonio Rüdiger

„Wir sind gesund zurück, aber was bleibt, ist ein Schock und die Trauer über all die Opfer und ihre Familien.“

Bernd Leno

„Wir sind daheim gesund angekommen und können nun zu unseren Familien. Meine Gedanken sind aber bei den Opfern und deren Familien.“

Paul Pogba

„Das ist kein Angriff auf Paris, das ist eine weitere Attacke auf die Menschheit. Menschen aus einigen Religionen und Ländern hassen die Freiheit und die Werte des Westens. Sie wollen herkommen, um andere Menschen zu töten. Diese Terroristen werden wir besiegen. Die Kraft der Franzosen und der ganzen Welt muss steigen. Steht auf und sagt nein zu diesen Terroristen und Religionen. Baut keinen Hass auf, seid gute Menschen und verändert die Welt positiv.“

Antoine Griezmann

„In Gedenken an die Opfer der Attacken. Ich danke Gott, dass es meine Schwester rechtzeitig aus dem Bataclan geschafft hat. Meine Gebete gelten den Opfern und ihren Familien.“

Laurent Koscielny

„Keine Worte. So traurig. Beten.“

Deutschland gegen Niederlande: Polizei erhöht Sicherheit für Fußballer

Deutschland gegen Niederlande

Polizei erhöht Sicherheit für Fußballer

Das Länderspiel in Hannover rückt Sicherheitsfragen in den Vordergrund. Die Behörden treffen Vorkehrungen, um das Terrorrisiko zu senken. Auch das Sicherheitskonzept für die EM 2016 wird vom DFB überprüft.

 

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