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12.01.2011

22:17 Uhr

Rückblick WM 2010

Blatters Vermächtnis

VonWolfgang Drechsler

Was Kritiker schon vor der WM 2010 anprangerten, scheint nun Wirklichkeit zu werden. Süd-Afrika hat sich für das Fußball-Spektakel hoch verschulden müssen. Die Stadien stehen jetzt oft leer und der größte Anteil der armen Bevölkerung konnte von den Fifa-Milliarden nicht profitieren.

Viele der WM-Arenen sind heute meist leer. dpa

Viele der WM-Arenen sind heute meist leer.

KAPSTADT . Eine solche Begeisterung hatte Südafrikas Spielmacher Steven Pienaar nicht erwartet. Schon gar nicht nach dem eher missglückten Auftritt seiner Mannschaft bei der Fußball-WM im eigenen Land: Mehr als 50 000 Fans waren Mitte November zum letzten Spiel der südafrikanischen Nationalef im Jahr 2010 in die perlmuttweiße WM-Arena von Kapstadt geströmt. Alle Befürchtungen, die eher für ihre Rugby-Vorliebe bekannten Kapstädter könnten die Partie gegen die US-Boys verschmähen, bestätigten sich am Ende nicht: Das Stadion unter dem Tafelberg war fast bis auf den letzten Platz ausverkauft – und das, obwohl die Partie wegen der internationalen Fernsehübertragung erst um 21:30 Uhr Ortszeit extrem spät angepfiffen wurde.

Ganz so positiv wie die Umstände des Spiels nahelegen, ist die Bilanz ein halbes Jahr nach dem Ende der Weltmeisterschaft am Kap jedoch nicht. Eher durchwachsen, auch wirtschaftlich: Während das Sozialprodukt im ersten Quartal 2010 noch um 4,6 Prozent wuchs, waren es in den Quartalen während und nach der WM bloß noch 3,2 und dann sogar nur noch 2,6 Prozent. Nach einer Umfrage des Beratungsinstituts KMPG profitierten deshalb am Ende auch nur rund 20 Prozent seiner Topklienten von der WM - ein Jahr zuvor hatte noch jeder zweite Unternehmenslenker einen positiven Effekt erwartet. Reich sind die Südafrikaner durch das Turnier jedenfalls nicht geworden – und auch das vom Fußball-Fest kurzzeitig erzeugte Gemeinschaftsgefühl ist längst verflogen. Aber der Alltag mit seinen Rassenschranken, der Kriminalität, Korruption und Massenarmut hat Südafrika schnell wieder in die harte Wirklichkeit zurückgeholt.

Dabei waren die Hoffnungen groß gewesen: Die Fußball-Weltmeisterschaft, so hatte die Regierung von Präsident Jacob Zuma versprochen, sollte das Land in eine ganz neue Ära katapultieren. Unbestritten ist der Gewinn für das Ansehen des Landes. "Die WM hat Südafrika weltweit als fähiges, attraktives Land bekanntgemacht", so der Finanzminister der Provinz Western Cape, Alan Winde. 84 Prozent der Besucher, so der Minister, seien mit einer besseren Meinung von Südafrika weggefahren als bei ihrer Ankunft. Doch von dem erhofften Aufschwung ist ein halbes Jahr nach dem Abpfiff wenig zu spüren. Für Ernüchterung sorgen nun vor allem die befürchteten Folgekosten. Selbst in der Regierung ist der Groll auf den Weltfußballverband FIFA spürbar – der hat nämlich in Südafrika über zwei Milliarden Euro steuerfrei eingenommen. Vielleicht bewog sein schlechtes Gewissen Fifa-Chef Sepp Blatter vor vier Wochen noch einmal nach Südafrika zu reisen und den Organisatoren der WM weitere 60 Mill. Euro von den während des Turniers gemachten Gewinne zu überlassen. Damit soll nun ein Trust finanziert werden, der Südafrikas Fußballjugend zugute kommt.

Nomabelu Mvambo-Dandala, Geschäftsführerin der ökumenischen Einrichtung "Diakonia", ist überzeugt: "Die Weltmeisterschaft hat die Reichen reicher und die Armen ärmer gemacht. Der Staat hat sich verschulden müssen, um die neuen Stadien finanzieren zu können." Das Geld für die Fußball-WM sei von dem Budget für Schulen und Krankenhäuser abgegangen. Pastor Otto Kohlstock, Leiter des Hilfszentrums "Themba Labantu" in Südafrika sagt: "Eine Fußball-WM ist bestimmt wunderbar, wenn sich das ein Land so etwas leisten kann." In Südafrika lebt die Hälfte der schwarzen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Daran hat das Großereignis nichts geändert.

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