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14.07.2015

14:07 Uhr

Russland schmeißt Capello raus

WM-Gastgeber operiert am offenen Fußball-Herz

Russland zieht drei Jahre vor der WM im eigenen Land die Reißleine. Der WM-Gastgeber trennt sich von Nationaltrainer Fabio Capello – und lässt sich das etliche Millionen kosten. Denn geht es um Putins Traum vom Titel.

Ballübergabe: Der ehemalige Fifa-Präsident Joseph Blatter und Russlands Präsident im vergangenen Sommer. In drei Jahren soll die nächste WM in Russland ausgetragen werden. dpa

WM 2018 Russland

Ballübergabe: Der ehemalige Fifa-Präsident Joseph Blatter und Russlands Präsident im vergangenen Sommer. In drei Jahren soll die nächste WM in Russland ausgetragen werden.

Jekaterinburg/MoskauDo swidanja (Auf Wiedersehen), Fabio Capello. Gut ein Jahr nach dem frühen Aus bei der Fußball-WM in Brasilien ist der umstrittene und chronisch erfolglose Italiener nicht mehr Russlands Nationaltrainer. Am Dienstag teilte der Verband mit, dass er sich mit dem 69-Jährigen auf eine einvernehmliche Auflösung des bis 2018 datierten Vertrages geeinigt habe. Versüßt wird dem Starcoach der Abschied mit einer stattlichen Abfindung: Laut „R-Sport“, einem Internetportal der Agentur RIA Nowosti, kassiert Capello 15 Millionen Euro.

„Die Russische Fußball Union bedankt sich herzlich bei Fabio Capello für seine Arbeit als Cheftrainer und wünscht ihm Erfolg in seiner zukünftigen Karriere“, schrieb der Verband auf seiner Homepage. Seit 2012 war Capello russischer Nationaltrainer und sollte die Sbornaja auch noch glanzvoll durch die Heim-Weltmeisterschaft 2018 führen. Schließlich hatte er erst im Januar 2014 seinen Vertrag entsprechend verlängert.

Doch schon seit der WM mit dem kläglichen Vorrunden-K.o. nach dem 0:1 gegen Belgien sowie zwei 1:1 gegen Südkorea und Algerien war Capellos Zauber verflogen. Dabei hatte der Italiener das Viertelfinale als Ziel ausgegeben, nachdem sich Russland als Gruppenerster souverän für Brasilien qualifiziert hatte.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Danach gab es weitere Pleiten, feierten Russlands Fußballer nur noch zwei Pflichtspiel-Siege (plus zwei Unentschieden): Gegen Liechtenstein auf dem Platz und gegen Montenegro nach Ausschreitungen am Grünen Tisch. Die Bilanz in der Qualifikation für die EM 2016 in Frankreich ist verheerend. Mit nur acht Punkten aus sechs Spielen droht das Aus. Die 0:1-Heimniederlage am 14. Juni gegen Österreich brachte das Fass zum Überlaufen. Fans begannen, Geld zu sammeln, um Capellos Ablöse zu bezahlen. Schließlich hatte der Verband schon Anfang des Jahres nur dank eines Darlehens des Oligarchen Alischer Usmanow dem Italiener sein Gehalt in Millionenhöhe überweisen können.

Und am Ende ging es tatsächlich nur noch ums Geld. „Die Seifenoper mit dem Titel 'Capellos Vertrag' wird bald zu Ende sein“, hatte Sergej Anochin vom Exekutivkomitee des russischen Verbandes kürzlich erklärt. Er hätte die Entschädigungssumme gern von mehr als 20 Millionen Euro auf zehn Millionen Euro heruntergehandelt. Drei Jahre vor der nach den jüngsten Korruptionsenthüllungen im Weltverband Fifa umstrittenen Heim-WM steht Russlands Fußball vor einem Umbruch. Nachdem Verbandspräsident Nikolai Tolstych abgesetzt worden war, soll am 2. September ein neuer Vorsitzender gewählt werden. Als erster Anwärter gilt Sportminister Witali Mutko.

Ob Interimspräsident Nikita Simonjan bis dahin einen neuen Nationaltrainer verpflichtet, ist offen. Im Gespräch als Nachfolger für den italienischen Startrainer Capello ist Leonid Sluzki. Der Coach von ZSKA Moskau ist erst 44 Jahre alt und würde bestens ins Anforderungsprofil für einen Neuanfang passen. Denn seine Aufgabe wird es sein, möglichst viele der Spieler, die bei der U19-EM am Montagabend die deutsche Mannschaft ausschalteten, bei der Heim-WM einzusetzen.

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