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18.11.2014

20:47 Uhr

Russland und Katar

Fifa stellt Strafanzeige wegen WM-Vergabe

Die Mittel der Fifa-Ethikkommission reichen nicht aus: Sepp Blatter stellt wegen umstrittener WM-Vergaben Strafanzeige gegen Einzelpersonen – es gab Geldflüsse in die Schweiz. Der Garcia-Report bleibt indes geheim.

Sepp Blatter erstattet Anzeige: Bei der Aufklärung der Korruptionsvorwürfe reichen die Befugnisse der Ethikkommission nicht aus. dpa

Sepp Blatter erstattet Anzeige: Bei der Aufklärung der Korruptionsvorwürfe reichen die Befugnisse der Ethikkommission nicht aus.

ZürichDer Skandal um die WM-Vergabe an Russland und Katar beschäftigt nun auch die Schweizer Justiz - und das auf Initiative des arg in Bedrängnis geratenen Weltverbandes: FIFA-Präsident Joseph Blatter hat am Dienstag Strafanzeige gegen „Einzelpersonen“ bei den Berner Behörden gestellt. „Wenn wir etwas zu verbergen hätten, würden wir uns hüten, ausgerechnet die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Die FIFA-internen Gremien haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten getan, was sie konnten, und arbeiten weiter daran“, begründete Blatter in einem FIFA-Interview auf der Homepage des Weltverbandes seine überraschende Offensive.

„Jetzt wird die Angelegenheit zusätzlich noch von unabhängiger staatlicher Seite aus beleuchtet“, konstatierte Blatter, der in der Affäre seit Veröffentlichung des Berichts der eigenen Ethikkommission und dem Freispruch für Russland und Katar am vergangenen Donnerstag geschwiegen hatte. Der Strafantrag wurde von der FIFA auf Empfehlung von Hans-Joachim Eckert gestellt, dem zuletzt international harsch kritisierten Vorsitzenden der Rechtssprechenden Kammer der FIFA-Ethikkommission. Gegen wen sich der Antrag konkret richtet, ist allerdings unklar.

Fifa: Die Organisation des Fußballweltverbandes

Fifa-Kongress

Er ist die Vollversammlung des Fußball-Weltverbandes. Der Kongress wird von den 209 nationalen Mitgliedsverbänden gebildet und ist das höchste legislative Gremium der Fifa. Jeder Verband hat dabei eine Stimme. Der Kongress tritt mindestens einmal im Jahr zusammen. Er trifft Entscheidungen über die Fifa-Statuten und über die Aufnahme oder den Ausschluss von Mitgliedern.

Aufgaben des Kongresses

Zu den wichtigen Aufgaben des Kongresses gehört auch die Wahl des Fifa-Präsidenten. Künftig soll die Vollversammlung darüber entscheiden, wer die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet - wie, ist aber noch offen. Mit dieser Reform aus dem Jahr 2011 reagierte der Verband auf die schweren Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der Titelkämpfe 2018 nach Russland und 2022 nach Katar.

Exekutivkomitee

Das Exekutivkomitee ist das ausführende Organ der Fifa, vereinigt aber sehr viel Macht auf sich. Kopf ist der auf vier Jahre gewählte Präsident, seit 1998 Joseph Blatter. Darüber hinaus gehören dem Komitee 24 Mitglieder an, darunter acht Vizepräsidenten. Sie werden nicht vom Kongress gewählt, sondern durch die Fußball-Konföderationen (Kontinentalzusammenschlüsse) und Verbände ernannt.

Aufgaben

Das Exekutivkomitee ernennt die Vorsitzenden und die Mitglieder der Ständigen Kommissionen, zum Beispiel für Finanzen und für Medizin. Es besetzt aber auch Rechtsorgane wie zum Beispiel die Ethikkommission, die sich um Betrugsvorwürfe kümmert. Bis 2011 bestimmte das Exekutivkomitee den Ort und die Daten der Fußball-Weltmeisterschaften.

Verdacht

Am Prinzip wurde erst gerüttelt, als zehn Mitglieder des Exekutivkomitees unter Korruptionsverdacht standen. Einige wurden suspendiert, andere lebenslang gesperrt - wie im Juli 2011 Fifa-Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam aus Katar. Die Ethikkommission sah es als erwiesen an, dass er Stimmen für seine Wahl zum Fifa-Chef kaufen wollte - bin Hammam bestritt das. Fifa-Vize Jack Warner trat bereits im Juni 2011 von allen Ämtern zurück, die eingeleiteten Verfahren wurden damit einfach beendet.

Präsident

Seit 1998 steht der Schweizer Joseph Blatter an der Spitze der Fifa. Bei den beiden letzten Wahlen hatte er keinen Gegenkandidaten. Trotz der Korruptionskrise wurde Blatter Anfang Juni 2011 mit großer Mehrheit wiedergewählt - 186 der 203 abstimmenden Delegierten votierten für ihn. Allein schon eine Verschiebung dieser Wahl zur Klärung aller Vorwürfe wäre schwierig geworden. Denn dafür ist eine Dreiviertel-Mehrheit der 209 Mitgliedsverbände nötig.

Aufgaben

Der Präsident führt nicht nur die Kongressverhandlungen. Über das Exekutivkomitee, das er einberuft und leitet, hat er ebenfalls große Machtfülle. Bei Patt-Situationen in Abstimmungen gibt seine Stimme den Ausschlag. Auf Vorschlag des Präsidenten ernennt und entlässt das Exekutivkomitee auch den Generalsekretär, der die Verwaltung der Fifa leitet. Um den Präsidenten zu zwingen, eine außerordentliche Sitzung einzuberufen, müssen sich mindestens 13 der 24 Mitglieder auf einen Antrag dafür einigen.

Eckert hatte in seinem Urteil zur WM-Vergabe 2018 und 2022 die Gastgeber Russland und Katar sowie die sieben unterlegenen Kandidaten vom Vorwurf der Korruption freigesprochen, aber weitere Ermittlungen gegen Einzelpersonen angemahnt. „Manche dieser Abklärungen kann die FIFA-Ethikkommission selbst vornehmen. Andere wiederum gehören in die Hände der zuständigen Ermittlungsbehörden“, sagte Eckert auf der FIFA-Homepage.

Die Ankündigung könnte eine dramatische Wende im FIFA-Skandal einläuten. Besonders die Rolle der 22 wahlberechtigten Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees bei der Abstimmung im Dezember 2010 - unter ihnen Franz Beckenbauer und Blatter selbst - steht auf dem Prüfstand. Über einen Zeitrahmen der Ermittlungen gibt es noch keine Angaben.

In die Affäre war schon vor der brisanten Mitteilung aus Zürich Bewegung gekommen. Am Donnerstag wird sich Eckert mit Michael Garcia zu einem geheimen Spitzengespräch treffen. Die Zusammenkunft des deutschen Richters mit dem Top-Ermittler aus den USA wurde am Dienstag vom Fußball-Weltverband bestätigt. Ort und Zeit des Treffens sind aber vorerst nicht publik.

Eckert hatte am Wochenende angekündigt, den Kontakt zu Chefermittler Garcia aufzunehmen. Der Amerikaner hatte zuvor Einspruch bei der FIFA-Berufungskommission gegen Eckerts WM-Urteil angekündigt. Ob er diesen im Lichte der neuen Entwicklungen aufrecht erhält, ist unklar.

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