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09.02.2016

17:05 Uhr

Schadenersatz im WM-Skandal

„Beckenbauer, Zwanziger, Niersbach, Schmidt und ich”

Quelle:dpa

Im Skandal um die Vergabe der Fußball-WM geht es nicht mehr nur um Schuld und Unschuld oder um Posten – sondern vor allem um viel Geld. Das bekommen jetzt Beckenbauer & Co zu spüren. Wie WM-Macher Fedor Radmann weiß.

Die Mitglieder des Organisationskomitees der Fußball Weltmeisterschaft 2006, Horst R. Schmidt, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann und Wolfgang Niersbach (v.l.), halten am 19.10.2000 in München vier Fußbälle mit der Aufschrift 2006 in den Händen. dpa

Schmidt, Beckenbauer, Radmann, Niersbach

Die Mitglieder des Organisationskomitees der Fußball Weltmeisterschaft 2006, Horst R. Schmidt, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann und Wolfgang Niersbach (v.l.), halten am 19.10.2000 in München vier Fußbälle mit der Aufschrift 2006 in den Händen.

Berlin/FrankfurtIn der Sommermärchen-Affäre geraten die Hauptfiguren um Franz Beckenbauer juristisch immer mehr unter Druck. Nach Angaben des langjährigen „Kaiser”-Intimus Fedor Radmann haben die einstigen Spitzenfunktionäre eine Zahlungsaufforderung in Höhe von 6,7 Millionen Euro vom DFB erhalten.

„Mir ist bekannt, dass das jeder bekommen soll oder schon bekommen hat (...). Alle. Also, das heißt: Beckenbauer, Zwanziger, Niersbach, Schmidt und ich.” Dies sagte der frühere Vizepräsident des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2006 der Deutschen Presse-Agentur.

Der DFB widerspricht: Nur Fedor Radmann habe eine Zahlungsaufforderung in Höhe von 6,7 Millionen Euro bekommen. Dies habe mit der Rechtsordnung in der Schweiz zu tun, wo der langjährige Vertraute von Franz Beckenbauer wohnt. Für den „Kaiser“, der seinen Wohnsitz im österreichischen Salzburg hat, gilt nach DFB-Auffassung ebenso wie für die anderen deutschen ehemaligen Spitzenfunktionäre um Wolfgang Niersbach der Güteantrag – und sie bekommen keine direkte Zahlungsaufforderung.

„In der Schweiz wurde auf Grundlage des dort geltenden Rechts das Betreibungsverfahren auf den Weg gebracht, das sich in der Ausgestaltung von den Güteanträgen unterscheidet, aber für uns dasselbe Ziel verfolgt, nämlich die Sicherung von Ansprüchen für den gemeinnützigen Verband und die Vermeidung des Eintritts der Verjährung“, teilte DFB-Präsident Rainer Koch am Dienstag mit.

Zuvor hatte die „Bild”-Zeitung darüber berichtet, dass Radmann das Geld innerhalb von 20 Tagen an den Deutschen Fußball-Bund überweisen soll. Dabei geht es um jene Summe, die der DFB vor der WM auf ein Konto des Weltverbandes FIFA geleitet hatte. Angeblich sollte der Betrag zur Rückzahlung eines Darlehens des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus verwendet werden. Wohin es tatsächlich floss, ist bislang nicht geklärt.

Die Vergabe der WM 2006

WM-Vergabe

Am 6. Juli 2000 vergab das Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes FIFA in Zürich die Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland. Im entscheidenden Wahlgang setzte sich die deutsche WM-Bewerbung mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika durch.

Zünglein an der Waage

Bei Stimmengleichheit im Exko hätte das Votum des damaligen FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter, der Südafrika bevorzugte, den Ausschlag gegeben. Der Neuseeländer Charles Dempsey hatte sich im entscheidenden Wahlgang jedoch der Stimme enthalten, so kam der Erfolg der DFB-Kandidatur zustande.

In der Zwickmühle

Dempsey hatte zunächst für den Mitbewerber England gestimmt. Nach dem vorzeitigen Scheitern des Fußball-Mutterlandes wollte Dempsey nach SID-Informationen eigentlich für Deutschland votieren, allerdings wurde er von nationaler Verbandsseite unter Druck gesetzt, um für Südafrika zu stimmen. So verließ er vorzeitig die Abstimmung und enthielt sich somit der Stimme.

Mitglieder

Die 24 Exekutiv-Mitglieder im Überblick (mit der wahrscheinlichen Stimmabgabe nach SID-Informationen im entscheidenden Wahlgang zwischen Deutschland und Südafrika - Endstand 12:11, 1 Enthaltung):

Europa (9)

Fifa-Präsident Joseph S. Blatter (Schweiz), Abstimmung: Südafrika. - Michel D'Hooghe (Belgien), Abstimmung: Deutschland. - Senes Erzik (Türkei), Abstimmung: Deutschland. - Lennart Johansson (Schweden), Abstimmung: Deutschland. - Antonio Matarrese (Italien), Abstimmung: Deutschland. - Joseph Mifsud (Malta), Abstimmung: Deutschland. - Per Ravn Omdal (Norwegen), Abstimmung: Deutschland. - Angel Maria Villar Llona (Spanien), Abstimmung: Deutschland. - David Will (Schottland), Abstimmung: Deutschland.

Afrika (4)

Ismail Bhamjee (Botswana), Abstimmung: Südafrika. - Amadou Diakite (Mali), Abstimmung: Südafrika. - Issa Hayatu (Kamerun), Abstimmung: Südafrika. - Slim Aloulou (Tunesien), Abstimmung: Südafrika.

Asien (4)

Chung Mong-Joon (Südkorea), Abstimmung: Deutschland. - Abdullah Al Dabal (Saudi-Arabien), Abstimmung: Deutschland. Mohamed Bin Hammam (Katar), Abstimmung: Deutschland. - Worawi Makudi (Thailand), Abstimmung: Deutschland.

Nord-/Mittelamerika und Karibik (3)

Chuck Blazer (USA), Abstimmung: Südafrika. - David Isaac Sasso Sasso (Costa Rica), Abstimmung: Südafrika. - Jack A. Warner (Trinidad/Tobago), Abstimmung: Südafrika.

Südamerika (3)

Julio Grondona (Argentinien), Abstimmung: Südafrika. - Nicolas Leoz (Paraguay), Abstimmung: Südafrika. - Ricardo Teixeira (Brasilien), Abstimmung: Südafrika.

Ozeanien (1)

Charles Dempsey (Neuseeland), Abstimmung: Enthaltung
Quelle: sid

Radmann erklärte, er habe die Zahlungsaufforderung am 8. Januar in seinem Schweizer Wohnort bekommen. Er habe widersprochen, jetzt sei der Verband am Zug. „Damit ist der DFB gefordert, nachzuweisen, dass es überhaupt eine Forderung gibt. Denn bis zum 8. Januar hat niemand mit mir je darüber gesprochen, noch gibt es irgendeinen Schriftverkehr. Die werden nie in der Lage sein, nur den Hauch einer Forderung nachzuweisen”, sagte Radmann. Das sei alles „ein bisschen sehr merkwürdig - das ist aber noch diplomatisch formuliert”.

DFB-Affäre um WM 2006

16. Oktober

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa ein.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sei, um damit vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein. Der DFB weist den „Spiegel“-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober

Erstmals äußert sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu den Vorwürfen: „Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat.“

18. Oktober

Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den „Spiegel“-Bericht: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“

19. Oktober

Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.

Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals „den einen offenen Punkt“ ein: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“

Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober

Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober

Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober

Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber „strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird.“

Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und berichtet im „Spiegel“ von der vermeintlichen Existenz einer schwarzen Kasse „in der deutschen WM-Bewerbung“. Es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005“.

26. Oktober

Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen „Fehler“ ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der Fifa-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober

Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober

Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus: „Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert.“

3. November

Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und dem ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht angeblich von Niersbach stammende handschriftliche Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die Fifa aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass der heutige DFB-Präsident nicht erst in diesem Jahr von den umstrittenen Vorgängen Kenntnis hatte.

9. November

Nach einer Sitzung des DFB-Präsidiums und einem Treffen mit den Chefs der fünf Regional- und 21 Landesverbänden erklärt Wolfgang Niersbach seinen Rücktritt als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds. Niersbach erklärt, er habe sich nichts vorzuwerfen und sieht sich mit vielen offenen Fragen konfrontiert. Umso schwerer sei ihm die Entscheidung gefallen, die politische Konsequenz daraus zu ziehen.

Die 6,7 Millionen Euro an die FIFA waren ursprünglich als Beitrag für die später abgesagte WM-Eröffnungsgala verschleiert worden. Der ursprüngliche Kredit von Dreyfus war nach Angaben von Beckenbauer als Gegenleistung für einen hohen FIFA-Zuschuss zur WM in Deutschland verwendet worden.

Der DFB hat Güteanträge bei der Öffentlichen Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle in Hamburg eingereicht, um den Anspruch auf möglichen Schadensersatz in Millionenhöhe zu wahren. Die Ansprüche richten sich neben Beckenbauer auch gegen die ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach, Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, den Testamentsvollstrecker von Robert Louis-Dreyfus sowie die FIFA.

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