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11.11.2011

13:30 Uhr

Sport- und Bau-Boom?

DFB-Team klopft Ukraine auf EM-Tauglichkeit ab

VonFlorian Willershausen

Im nächsten Sommer wird die Ukraine Gastgeber für Fußball-Europa sein. Nach Bauverzögerungen ist das Land nun gut in der Zeit. Der Test gegen das DFB-Team kann daher auch weniger sportlich als richtungweisend gelten.

Das neue Stadion in Lviv steht schon Mal. UEFA-Präsident Michel Platini (m) ist mit den Bau-Fortschritten zufrieden. dapd

Das neue Stadion in Lviv steht schon Mal. UEFA-Präsident Michel Platini (m) ist mit den Bau-Fortschritten zufrieden.

KiewEs ist noch kein Jahr her, dass Europas Fußball-Chef Michel Platini ernste Bedenken hatte, ob die Fußballstadien in der Ukraine rechtzeitig zur Euromeisterschaft im Juni 2012 fertig würden. In Folge der Finanzkrise waren manche Bauvorhaben so spät gestartet, dass UEFA-Chef Platini laut über Notfallpläne nachdachte – etwa die Verlagerung von zusätzlichen Spielen in die Stadien der Polen, die Europas größtes Fußball-Event gemeinsam mit der benachbarten Ukraine ausrichten.

Wenn heute um 20.45 Uhr im Kiewer EM-Stadion das Freundschaftsspiel mit der deutschen Mannschaft angepfiffen wird, dürfte das manch einem Ukrainer herrliches Wohlgefallen bereiten: Wider Erwarten ist das größte Stadion der EM voll im Plan und lange vor Turnierbeginn fertig geworden. In Deutschland dürfen sich die Zuschauer vor den Mattscheiben selbst überzeugen, dass das von der Hamburger Architektengruppe GMP entworfene Stadion auch recht ansehnlich geworden ist.

Hier und da wird noch geschweißt oder die Politurmaschine durch die Gänge der Katakomben geschoben, Hinweisschilder sind größtenteils auch noch nicht angebracht. Doch trotz dieser kleinen Mängel gibt das neue Olympiastadion von Kiew bereits ein beeindruckendes Bild ab. „Ich war 1997 hier, seitdem hat sich einiges verändert“, sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff am Donnerstagabend, während im Hintergrund noch die Bohrmaschinen liefen. „Wir freuen uns und sind gespannt auf dieses neue Stadion und auf die Atmosphäre.“

Sportlich scheint die Angelegenheit klar: Das DFB-Team reist in der Favoritenrolle in die Ukraine - zum Test als auch zum eigentlichen Turnier. Das Freundschaftsspiel in Kiew am Freitag will Bundestrainer Joachim Löw für Experimente sorgen, allerdings wird die Variante mit Reus und Klose bis zum nächsten Test gegen Holland warten müssen. Beide Spieler sind nicht einsatzbereit. Gemeinsam auflaufen sollen auf jeden Fall Mario Götze und Mesut Özil, auch Jubilar Mario Gomez ist in seinem 50. Länderspiel gesetzt. Für die Ukraine hingegen, die als Gastgeber natürlich ohne Qualifikationsspiele dabei ist, kann der Härtetest sportlich nur ein erster Gradmesser für die eigenen Chancen sein. Wirtschaftlich ist der Härtetest allerdings konkreter.

Zuletzt haben die Ukrainer kräftig in die Hände gespuckt: In Spitzenzeiten bauten 3000 Arbeiter im Drei-Schicht-Betrieb am Kiewer Fußballstadion, am zweiten neuen Flughafen-Terminal in Kiew wird ebenfalls rund um die Uhr gearbeitet. Einen Geschäftsmann aus Deutschland, der in der Ukraine tätig ist, überrascht das nicht: „Die brauchen viel Zeit, um einen Gaul aufzuschirren, aber dann reiten die auch im Galopp los.“ In Warschau basteln sie dagegen immer noch am neuen Stadion, das eigentlich längst fertig sein sollte, die Autobahnen werden bis zur EM nicht alle fertig.

Für die Ukraine ist die Fußball-EM die größte Chance seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991: Das Land will sich weltoffen und freundschaftlich präsentieren – gleichzeitig aber auch beweisen, dass die Ukraine eine eigenstände Nation ist und kein Anhängsel des großen Nachbarn Russland. Entsprechend viel Geld steckt die Regierung in das Einmal-Ereignis: Knapp zehn Milliarden Euro investiert die öffentliche Hand in die Infrastruktur. Das ist zwar nur die Hälfte dessen, was Polen ausgibt. Im Unterschied zum reicheren Nachbarn muss die Ukraine aber auf EU-Fördergelder verzichten, mit denen die Polen etwa 70 Prozent des Budgets finanziert.

Präsident Viktor Janukowitsch hofft natürlich, dass sich die Investitionen auch wirtschaftlich auszahlen werden. Einer Studie zufolge haben die Bauarbeiten im Vorfeld pro Jahr rund 600.000 Beschäftigte gebunden – für ein Land mit 45 Millionen Einwohnern durchaus eine passable Zahl. Zum Turnier selbst erwartet allein die Stadt Kiew bis zu einer Million Fans, von denen zumindest ein Fünftel aus dem Ausland anreisen wird. „Wenn das Turnier nach Plan läuft, wird die Ukraine einen riesigen Imagegewinn verbuchen können“, erwartet Michael Hamalij, ein Deutscher, der die Stadtverwaltung Kiew bei den EM-Vorbereitungen berät.

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